Wiederholt hat Jean-Claude Trichet, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), bei seiner monatlichen Pressekonferenz am Donnerstag auf die Einhaltung des Stabilitäts- und Wachstumspakts gepocht. Das ist gut so. Denn was Euroland keinesfalls gebrauchen kann, ist Schlendrian, wie ihn etwa Griechenland praktiziert. Zu Recht lobte der EZB-Chef Irland. Die Reaktion auf die Krise dort sei "eindrucksvoll", so Trichet. Irland hat unter anderem die Gehälter im öffentlichen Dienst um 20 % gekürzt. Nun muss die EZB aber selbst Disziplin beweisen. Nach der nächsten Zinssitzung des Notenbankrats im März will Trichet den Exit-Fahrplan aus den besonderen geldpolitischen Maßnahmen verkünden. Tatsächlich wird es Zeit, die enorme Überschussliquidität aus dem Geldmarkt abzusaugen. Treasurer in Banken klagen über zu viel Geld im Interbankenhandel. In der Einlagefazilität der EZB, in der Banken über Nacht überschüssiges Geld parken können, liegen regelmäßig dreistellige Milliardenbeträge. Das ist ein Alarmzeichen. Das viele umlaufende Geld verleitet Banker zu riskanten Geschäften und birgt so die Gefahr von liquiditätsgetriebenen Blasen bei Aktien und Rohstoffen. Reagiert die EZB zu spät? Vielleicht. Aber ein ruckartiges, unangekündigtes Abbremsen wäre gefährlich. Die Finanzmärkte brauchen Verlässlichkeit. Es ist nicht ernsthaft zu bestreiten, dass die unkonventionellen Maßnahmen der EZB im Grundsatz richtig waren. Hätte die Notenbank in der Krise tatenlos zugesehen, hätte das plötzlich aufgekommene tiefe Misstrauen am Markt auch gesunde Banken in die Pleite gestürzt. Aber diese Zeit der Angst ist vorbei. Die Interbankenzinssätze sind heute niedriger als vor der Krise. Der Drei-Monats-Euribor, wichtigster Bank-Zinssatz der Eurozone, steht auf einem Rekordtief von 0,665 %. Das ist deutlich unterhalb des Leitzinses von 1 %. Apropos Leitzins: Trichet sollte Interpretationen entgegentreten, sein friedvoller Ton deute darauf hin, dass die EZB den Leitzins erst im nächsten Jahr erhöhen wolle. Die Tür für steigende Zinsen noch in diesem Jahr muss offen bleiben. Auf keinen Fall darf Trichet bei seinen geldpolitischen Entscheidungen Rücksicht auf einzelne Staaten nehmen. Gestern hat er es konsequent verweigert, sich überhaupt zu einzelnen Ländern zu äußern. Für die Journalisten mag das schade sein, für den Euro ist es gut.
(Börsen-Zeitung, 5.2.2010)
Börsen-Zeitung, 05.02.2010,
Autor Stephan Balling,
Ausgabe Nr. 24,
Seite 1, 330 Worte
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