Die Mitglieder kämpfen mehr gegen- als miteinander. Es geht ganz schön zur Sache. Nicht wenige derjenigen, die in den Ring steigen, halten sich auch ganz persönlich für die Größten. Einige sind angezählt. Die Schläge treffen schon mal unter die Gürtellinie des Kontrahenten. Man zeigt aber in der im wahrsten Sinne des Wortes schlagkräftigen Organisation allerseits durchaus auch beachtliche Nehmerqualitäten. Nur der ganz normale Wahnsinn im BdB. Bund Deutscher Berufsboxer? Nicht ganz. Diesmal ist der Bundesverband deutscher Banken gemeint. Die Verhältnisse in der über 220 Mitgliedsinstitute mit rund 160 000 Beschäftigten zählenden Interessenvertretung der privaten Säule des Kreditgewerbes erinnern seit geraumer Zeit immer mal wieder an jenen Kampfsport, den die im Verein mit der fast identischen Abkürzung - BDB - organisierten Profis betreiben - gelegentliche Regelverstöße sollen vorkommen. Wenn die Bankenmatadore so weitermachen, droht ihr Verband zumindest an den Rand des Knock-out zu geraten. Bleiben wir im Folgenden beim BdB. In der einst mächtigen Gilde geht es seit Monaten drunter und drüber. Nicht dass der reguläre Verbandsbetrieb - wie die Betreuung der Mitglieder, Einlagensicherungsprüfungen oder die Bearbeitung von Beschwerdefällen im Ombudsverfahren, um nur wenige Beispiele zu nennen - gestört wäre; er läuft in Anbetracht der Umstände sogar erstaunlich reibungslos und effizient, mögen die Beschäftigten das Geschehen um sie herum manchmal auch leicht irritiert zur Kenntnis nehmen. Außerhalb der Tagesroutine wurde für den Notfall Düsseldorfer Hypothekenbank - lange genug hat es gedauert - mit dem Verkauf an Lone Star eine Lösung gefunden; durch das Einspringen der Einlagensicherung konnte ein drohender Schaden für den Pfandbriefmarkt abgewendet werden. Auch ist der Verband, dessen Präsident Andreas Schmitz angemessene öffentliche Präsenz zeigt, mit volkswirtschaftlichen Analysen, vielfältigen Publikationen auch für die breitere Öffentlichkeit sowie mit Positionen nicht nur zu Bankenthemen im engeren Sinne, sondern gleichermaßen zu gesellschaftspolitischen Fragen weiterhin sehr wohl wahrnehmbar. Wenn es denn eine Verbandsposition geben darf. Das scheitert, wie beim Thema Leerverkaufsverbot zunächst geschehen, schon mal daran, dass die großen Mitglieder Deutsche Bank und Commerzbank konträre Meinungen vertreten, sich befehden und gegenseitig blockieren. Die Sache lässt sich nicht als Dissens in einer einzelnen Sachfrage abtun, wie er in den besten Familien vorkommt. Dahinter steckt vielmehr ein tiefgreifender Konflikt innerhalb der heterogenen Verbandsmitgliedschaft, die - anders als lokal tätige Volksbanken oder Sparkassen - im Geschäft untereinander konkurriert und zuweilen auch sonst gegenläufige Interessen hat. Mit den (Teil-)Verstaatlichungen von Commerzbank und Hypo Real Estate, die den seit Jahrzehnten "Weniger Staat" predigenden Verband in eine Identitätskrise stürzen mussten, haben die Ungleichartigkeit und die daraus resultierenden Spannungen noch zugenommen. Diese kulminieren darin, dass hinter vorgehaltener Hand schon mal die Existenzberechtigung des BdB in Frage gestellt wird. Der Hader beschränkt sich nicht auf die Primadonnen der Branche. Auch kleinere Institute, die mit ihrer risikoaversen Ausrichtung wenig bis nichts zur Entstehung der Krise beigetragen haben, sind sauer auf manche Großkopfeten, auf deren kapitalmarktlastige Geschäftspolitik der ganze Schlamassel zurückgeführt wird. Namentlich die halbwegs krisenresistente Deutsche Bank wiederum, die zudem glauben mag, sie sei am besten ihr eigener Lobbyist und brauche keinen Bankenverband, ist kaum amüsiert, Hauptfinanzier der kostspieliger gewordenen Einlagensicherung zu sein und den Rest der Zunft "durchzufüttern". Doch zum einen ist gerade in diesen Zeiten auch der Branchenprimus auf gemeinsame vertrauensbildende Maßnahmen wie einen solidarischen Sicherungsfonds angewiesen. Zum anderen scheinen mehrere große BdB-Mitglieder zu unterschätzen, wie sehr die Banken zurzeit bei der Politik unten durch sind, wie schwer mithin Repräsentanten des Kreditgewerbes in dieser Situation bei Regierung und Parlament Gehör finden und wie eminent wichtig deshalb gerade heute, da die Banken von beispiellosen Regulierungswellen aus Richtung Basel, Brüssel und Berlin überrollt werden, geschlossene, kluge, konstruktive, nicht zuletzt dezente und feinfühlige Interessenvertretung und Imagepflege sind. Ein starker Verband kann in diesem Umfeld nützlicher sein denn je. Dass es angesichts der beschriebenen Gemengelage schwerfällt, einen Nachfolger für den zum Jahresende vorzeitig ausscheidenden Geschäftsführenden Vorstand Manfred Weber zu finden, kann nicht wirklich überraschen. Der Neue muss die gebotene Sachkompetenz für die anstehenden Herausforderungen mitbringen, er braucht diplomatisches ebenso wie rhetorisches Talent - bis hierhin sind das Banalitäten -, doch er muss auch mit einer Machtfülle ausgestattet werden, die hinreicht, damit er in Politik und Öffentlichkeit ernst genommen wird, und er muss allfällige Divergenzen in der Verbandsmitgliedschaft ertragen können. Will ein geeigneter Kandidat diese Position? Und wollen die Banken einen solchen Verbandsmanager? Der Findungsprozess könnte noch eine Weile andauern.
(Börsen-Zeitung, 29.7.2010)
Börsen-Zeitung, 29.07.2010,
Autor Bernd Wittkowski,
Ausgabe Nr. 143,
Seite 8, 707 Worte
URL zum Artikel: http://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2010143108