150 Jahre eigenständig
150 Jahre eigenständig
Beginnen wir, wie es sich bei einem solchen Jubiläum gehört: Herzlichen Glückwunsch, liebe Commerzbank, zu Deinem heutigen 150. Geburtstag und alles Gute für die nächsten Jahrzehnte. Im Vergleich zum ältesten deutschen Geldinstitut, der vor 430 Jahren gegründeten Berenberg Bank, oder zum 346 Jahre alten Bankhaus Metzler ist die auf Initiative eines Kaffeehändlers, weiterer Kaufleute sowie einiger Merchantbanker und Privatbankiers wie Conrad Hinrich Donner oder M. M. Warburg entstandene “Commerz- und Disconto-Bank in Hamburg”, so die ursprüngliche Firma, zwar fast ein Jungspund. Doch auch dieses Lebensalter zu erreichen ist für eine Bank keine Selbstverständlichkeit. Der 2015 verstorbene langjährige Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzende Walter Seipp hat einmal darauf hingewiesen, dass von den 186 in den Gründerjahren um 1870 aufgeblühten deutschen Banken schon eine Dekade später etwa 100 wieder liquidiert worden waren. Seither sind viele weitere Neugründungen jener Zeit auf die eine oder andere Weise von der Bildfläche verschwunden.”Die Bank an Ihrer Seite”, deren Publikumstranche bei der Aktienerstemission von 10 Mill. Banco-Mark (damals eine Hamburger Währung) 135-fach überzeichnet gewesen sein soll, hat nicht nur als eine der wenigen aus dieser Generation überlebt. Als die eigentliche Überraschung darf gelten, dass sie obendrein bis heute eigenständig geblieben ist, gibt es doch kaum ein Institut, das so oft vor der Übernahme stand wie das gelbe – jedenfalls in der Gerüchteküche: HSBC, Credit Suisse, Unicredit, ING – you name it! Große internationale Namen, die nicht mindestens einmal hartnäckig als Käufer gehandelt wurden, müssen irgendetwas falsch gemacht haben. “Insider” setzten ein ums andere Mal Fake News über die “unmittelbar bevorstehende Akquisition” in die Welt. Derweil wurde beim angeblichen Objekt der Begierde schon in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geunkt, die Wahrheit sei viel schlimmer, als dass ein Käufer vor der Tür stehe: Keiner wolle die kleinste deutsche Großbank haben.Tatsache ist dagegen, dass über eine nationale Fusion in allen erdenklichen Farbkombinationen ernsthaft gesprochen wurde, zum Beispiel um die Jahrtausendwende zweimal sehr konkret mit der HypoVereinsbank, die dann 2005 bei Unicredit landete, aber auch damals schon über eine Allianz mit der Dresdner Bank, auf die die Commerzbank laut Unternehmenschronik übrigens zum ersten Mal 1931 während der Bankenkrise ein Auge geworfen hatte. Und der jüngste blau-gelbe Versuch, der im vergangenen April nach 39 Tagen abgebrochen wurde, ist ja noch in unguter Erinnerung. Wenn zwei Kranke miteinander ins Bett gehen, stehen sie halt nicht als ein Gesunder wieder auf, das hat sich dann auch zu den Protagonisten herumgesprochen.Übernommen, in der anderen Wortbedeutung, hat sich die Commerzbank letztlich selbst: mit den Übernahmen der Eurohypo 2005 und der Dresdner Bank drei Jahre später. Die vorherige Dresdner-Mutter Allianz hatte ein Problem weniger, die Commerzbank ein ganz entscheidendes mehr. Pech gehört dazu: Die längst in Deutschland angekommene Finanzkrise eskalierte. Mit der Folge, dass die Commerzbank zum zweiten Mal nach 1932 teilverstaatlicht werden musste. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet das Haus, dessen Führung, nicht zuletzt auf Verbandsebene, das Mantra vom Systemschaden durch den Einfluss der öffentlichen Hand auf das Kreditgewerbe jahrelang am lautesten gepredigt hatte, war auf die Überlebenshilfe der Steuerzahler angewiesen. Bis heute ist der Bund mit einem Anteil von gut 15 % größter Aktionär der Commerzbank und wird es angesichts des milliardenschweren Wertverfalls der Beteiligung wohl noch eine Weile bleiben, mag die in die zweite Börsenliga abgestiegene Bank im Jubiläumsfilm noch so sehr von der Rückkehr in den Dax träumen.——Von Bernd WittkowskiÜber den Aktienkurs schweigt am Tag des Jubiläums des Autors Höflichkeit. Der Commerzbank-Turm ist jedenfalls immer noch Deutschlands höchster.——