Abwicklung bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag
Abwicklung bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag
Von Bernd Neubacher, FrankfurtWie lässt sich eine Bilanz zügig abwickeln? Diese Frage ist nicht nur mit Blick auf entbehrliche Banken, sondern mehr noch auf Deutschlands Bad Banks akut. Sie betrifft neben der Ersten Abwicklungsanstalt, die sich um die Reste der ehemaligen WestLB kümmert, besonders FMS Wertmanagement, die für die Überbleibsel der einstigen Hypo Real Estate verantwortlich ist. “Bei den Abwicklungsanstalten kommen wir nach und nach in einzelnen Segmenten an den Punkt, wo sich die bisherigen Strukturen als zu kostenintensiv für die reduzierte Menge an Assets erweisen”, erklärt Gerhard Schick, finanzpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion der Grünen im Bundestag, der Börsen-Zeitung: “Das wird eine wichtige Aufgabe der neuen Legislaturperiode, dafür Lösungen zu finden, um die Abwicklung möglichst effizient zu gestalten.”Mit der Effizienz ist freilich so eine Sache. Effizient wäre es, würde die FMS Wertmanagement ihr Portfolio flott abbauen, auch wenn dies hieße, Verluste zu realisieren. Tatsächlich verlor die Bad Bank im Rumpfgeschäftsjahr 2010 dank hoher Risikovorsorge 3 Mrd. Euro und im Jahr darauf weitere 10 Mrd. Euro. Seither allerdings hat sie fünf Jahresüberschüsse in Folge gemeldet. Im vergangenen Jahr erzielte sie einen Gewinn von rund 300 Mill. Euro, während sie die Bilanzsumme um 6 Mrd. auf 177 Mrd. Euro ausweitete, und fürs erste Halbjahr steht ein Ergebnis in ähnlicher Größenordnung zu Buche – mancher Beobachter fragt sich schon, ob die Anstalt des öffentlichen Rechts seit Jahren nur deshalb keine hohen Verluste zeigt, weil dies im Bundesfinanzministerium, dem die FMS untersteht, nicht gerne gesehen wird. Sieben Jahre nach Gründung schleppt die FMS Wertmanagement ein Portfolio im Nominalwert von knapp 90 Mrd. Euro mit sich herum, neben stillen Lasten von 20 Mrd. Euro. Wie Blei in der BilanzWahr ist aber auch: Selbst wenn sie wollte, könnte die FMS Wertmanagement ihren Abbau nur bis zu einem gewissen Grad forcieren. Denn wer sich einmal über die Bücher der Abbaubank beugt, ahnt sehr schnell die Herausforderung des Vorhabens. Neben strukturierten Studentenkrediten und anderem schwer verkäuflichen Zeug finden sich dort Anleihen des öffentlichen Sektors in Italien und Großbritannien. Manche Positionen, welche die Strukturierungsexperten der Hypo Real Estate seinerzeit ersonnen und die nun wie Blei in der Bilanz liegen, laufen noch bis ins Jahr 2078.Rigide Hedging-Konstruktionen stehen zudem einem vorzeitigen Abbau im Wege, etwa im Fall von Infrastrukturfinanzierungen jenseits des Ärmelkanals, welche die Strukturierungsspezialisten der ehemaligen Hypo Real Estate über die gesamte Laufzeit von über 70 Jahren sorgsam abgesichert haben. Und je mehr sich diese Finanzierungen angesichts des Zinsverfalls seither für den Kreditgeber als lohnend entpuppt haben, umso tiefer sind die damit verbundenen Hedges unter Wasser gesunken (siehe Grafik). Mit einer Auflösung würde es kräftig hineinregnen in die Ergebnisrechnung, was politisch nur bedingt opportun scheint. Zwar lässt sich jedes Geschäft aufheben, auch Zinsswaps, sofern die daran interessierte Partei dies entsprechend entlohnt. Dies heißt aber, dass jemand gegenüber der Bank am längeren Hebel sitzt, wenn er nur die richtigen langlaufenden Derivate besitzt.Ohne außerordentliche Verkäufe aber wird sich in den kommenden Jahren der Abbau des Portfolios “deutlich verlangsamen”, wie es im Geschäftsbericht heißt: “So würde der Nominalwert des Portfolios im Jahr 2030 nach der derzeitigen Planung noch rund 56 Mrd. Euro betragen, erst nach 2050 geht dieser schneller zurück und läge im Jahr 2070 noch bei 0,4 Mrd. Euro.” Das ist eine Abwicklung bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.Und dies sind nur die Aktiva. Was die FMS Wertmanagement vor allem schmerzt, findet sich auf der Passivseite. Denn wer eine Bank dichtmachen will, kann die Aktiva herunterfahren, indem er diese veräußert oder schlicht kein Neugeschäft mehr zeichnet. Die Passivseite der Bilanz aber ist die härtere Nuss: Denn Verbindlichkeiten sind in der Regel nicht einfach kündbar. Auf freiwillige Rückkaufangebote aber gehen Gläubiger in der Regel nicht ein, wenn ihre Forderungen hohe Kuponzahlungen garantieren und sie im Zinstief ohnehin nicht wüssten, wo sie ihr Geld neu anlegen könnten.Solange aber etwa die irische Tochter der FMS Wertmanagement, die Depfa Bank, noch Gläubiger hat, kann die Anstalt dort nicht das Licht ausmachen, um die laufenden Kosten der Bank zu sparen und annähernd 2 Mrd. Euro dort gebundenes Eigenkapital zu heben. In Sorge um die Finanzstabilität auf der Grünen Insel besteht die irische Aufsicht freilich darauf, dass die FMS Wertmanagement das, was von der Depfa Bank noch übrig ist, ausreichend mit Eigenkapital ausstattet. Und die Central Bank of Ireland hat wenig Anreiz, es der Abwicklungsbank zu erleichtern, Eigenkapital aus der Depfa Bank herauszuziehen und damit die Risiken in ihrem Zuständigkeitsgebiet zu erhöhen. Folge: Ende Juni 2017 glänzte die Depfa mit einer harten Kernkapitalquote von nicht weniger als 52 %.