Analysten verlieren Glauben an Abwicklungsregime
Analysten verlieren Glauben an Abwicklungsregime
bn Frankfurt – Unter Analysten machen sich Zweifel an der praktischen Relevanz des europäischen Bankenabwicklungsregimes breit. Wenige Monate nachdem die Commerzbank aus diesem Grund bereits Anlegern empfahl, aus Verbindlichkeiten von US-Geldhäusern in vorrangige, zum Haftungskapital zählende Schuldverschreibungen europäischer Banken umzuschichten, schreibt Sam Theodore, Managing Director von Scope Insights, die Wahrscheinlichkeit der Abwicklung einer großen europäischen Bank sei derzeit geringer “als zu jedem anderen Zeitpunkt seit der Finanzkrise”. Inmitten einer Pandemie seien die Regulatoren unwillig, einen solch radikalen Schritt zu gehen, selbst wenn eine Bank ein Abwicklungskandidat sein sollte.Diese Haltung dürfte auch in den Jahren nach der Krise anhalten, wenn von Banken erwartet werde, eine zentrale Rolle beim wirtschaftlichen Wiederaufbau zu spielen, konstatiert Theodore, der früher unter anderem für die European Banking Authority (EBA) und für Moody’s als Global Banking Coordinator tätig war. Im Falle von Häusern mit einer “passablen bis guten” Stärke der Finanzen und ihres Geschäfts sollte sich daher das realistische Kreditrisiko Bail-in-fähiger Non-Preferred-Senior-Anleihen von jenem ihrer Preferred-Senior-Papiere nicht sonderlich unterscheiden, analysiert er. Anleger dürften diese Erkenntnis demnach zunehmend in die Marktpreise einarbeiten.Die intensive Suche auf Hinweise, wie stark die Corona-Pandemie die Risikovorsorge der Banken treibt und ihr Eigenkapitalniveau beeinträchtigt, hält Theodore für übertrieben. Es sei extrem unwahrscheinlich, dass die Aufseher Banken zunächst ermutigten, ihre Kapitalpuffer einzusetzen, um ihre Kunden in der Krise zu finanzieren, und ihnen bald darauf mit Intervention oder gar Abwicklung drohten. Dass eine Bank unnötige Risiken eingehe, um ihre Gewinne auszuweiten, sei zudem kaum zu erwarten, solange die Institute alle Hände voll zu tun hätten, die Auswirkungen der Krise zu meistern.Als das größte Risiko für Großbanken sieht Theodore die Gefahr einer erfolgreichen Cyberattacke durch Kriminelle oder einen feindlichen Staat an. Auch in diesem Fall aber wäre nicht zu erwarten, dass die Regulatoren ein Haus in die Abwicklung schickten. Eher sei mit Unterstützung durch die Regierung, die Branche oder einer Kombination aus beidem zu rechnen. Gefahr durch GeldbußenGrobes Fehlverhalten kann jedoch das Überleben einer Bank gefährden, wie Theodore argumentiert – auch wenn sich dieses nicht direkt auf das Kapital und die Liquidität im aufsichtlichen Überprüfungsprozess SREP auswirke, sondern nur mittelbar in Form hoher Geldbußen. Investoren sollten daher nicht nur auf die Qualität der Assets von Banken, sondern verstärkt auf Hinweise für Fehlverhalten achten. Leider sei es schwer, entsprechende Fälle vorherzusehen, da die Zuständigkeit für die Verhaltensaufsicht meist bei den nationalen Behörden liege, die sich vielfach unzureichender Instrumente bedienten.Im Januar hatten die Analysten der Commerzbank Anlegern Umschichtungen in Bail-in-Papiere europäischer Banken empfohlen. Es sei offensichtlich, dass die politischen Kosten einer Heranziehung vorrangiger Gläubiger in Europa weiterhin als höher eingeschätzt würden als Lösungen zulasten des öffentlichen Sektors, hieß es mit Verweis unter anderem auf Monte dei Paschi di Siena und Banco Popular. Deren Veräußerung an Santander hatte nachrangige Gläubiger zwar 4 Mrd. Euro gekostet, die vorrangigen Geldgeber indes ungeschoren gelassen.