Bayerns Vorzeigebranche befindet sich im Umbruch

Globale Unsicherheiten bedrohen den Maschinen- und Anlagenbau - Grüne Technologien als Rettungsanker

Bayerns Vorzeigebranche befindet sich im Umbruch

Mit knapp 240 000 Arbeitnehmern ist der Maschinen- und Anlagenbau einer der führenden Industriezweige in Bayern. Viele Weltmarktführer haben ihren Sitz im Freistaat: Siemens, Kuka, Krones oder die Schaeffler-Gruppe. Doch sie alle haben zu kämpfen. Laut aktuellen Zahlen des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) gingen die Aufträge im Jahr 2019 im Vergleich zum Vorjahr um 7 % zurück. Betrachtet man nur den Zeitraum von Oktober bis Dezember 2019, so sank die Zahl der Aufträge um insgesamt 12 %. Die Inlandsaufträge verzeichneten dabei ein Minus von 2 %, die Auslandsaufträge ein Minus von 16 %.Diese Entwicklung markiert das Ende eines zehnjährigen Booms. Die Kapazitäten in den Betrieben sind schon jetzt nicht mehr ausgelastet, viele Unternehmen haben Kurzarbeit beantragt, selbst in den Vertriebsabteilungen. Die Tatsache, dass der Maschinen- und Anlagenbau ein Spätzykliker ist – also gemessen an anderen Branchen eher spät auf konjunkturelle Auf- oder Abschwünge reagiert – spiegelt deshalb auch sehr deutlich eines wider: Die fetten Jahre sind für die deutsche Wirtschaft erst einmal vorbei. Mehrere Faktoren maßgebendIm Alltag der Maschinen- und Anlagenbauer zeigt sich das wie folgt: Die Kunden der Unternehmen kaufen keine neuen Anlagen, lassen die Maschinenparks auf dem alten Stand. Diese Investitionszurückhaltung ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Zum einen hängt ein wichtiger Teil des Geschäfts des Maschinen- und Anlagenbaus von der Automobilbranche ab – und die großen Automobilbauer stellen gerade von Verbrennungs- auf Elektromotoren um.Daimler hat beispielsweise angekündigt, ab 2023 keine Verbrennungsmotoren mehr zu entwickeln. Dadurch fallen etliche Bauteile weg und mit ihnen die Notwendigkeit, die dafür komplexen technischen Herstellungsanlagen für Dieselpumpen, Zündkerzen und Co. anschaffen und bereitstellen zu müssen. Das wiederum führt in der Konsequenz dazu, dass die großen Automobilzulieferer wie Schaeffler und Continental tausende Arbeitsplätze abbauen werden.Unwägbarkeiten im Export, der für rund 66 % des Umsatzes der bayerischen Maschinen- und Anlagenbauer verantwortlich ist, spielen ebenfalls eine große Rolle in der derzeit schwierigen Situation. Zu nennen wäre da vor allem der chinesische Markt. Durch den Handelsstreit zwischen China und den USA hat sich das konjunkturelle Klima abgekühlt. Mittlerweile gibt es Maschinen- und Anlagenbauer in China, die sich weiterentwickelt haben und nun zu ernstzunehmender Konkurrenz für die europäischen Marktführer geworden sind.Aber nicht nur die Ereignisse im fernen China beeinträchtigen den Export der deutschen Maschinenbauer. Auch die Ausfuhren nach Großbritannien gehen zurück, der Brexit wirkt sich deutlich auf die Unternehmensgeschäfte aus. Hinzu kommen laut VDMA der “harte Konfrontationskurs” der italienischen Regierung und die “zunehmende Uneinigkeit” zwischen den Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Die Vorstandsvorsitzende des VDMA Bayern, Claudia Haimer, kritisierte kürzlich, dass Autarkie und Abschottung keine Antworten auf Zukunftsfragen seien. Die Errungenschaft des EU-Binnenmarktes und der Europäischen Gemeinschaft trägen fundamental zum Erfolg der Unternehmen in Bayern bei. Hilft Bürokratieabbau?Die im VDMA organisierten bayerischen Maschinenbauer stellen vor diesem Hintergrund eindeutige Forderungen an die Politik. Der Bürokratieabbau sei ein wichtiger Schritt, um die notwendigen Rahmenbedingungen für unternehmerischen Erfolg zu schaffen. Die umfangreichen Dokumentations- und Berichtspflichten belasteten die Betriebe und bänden Arbeitskraft, die nicht mehr produktiv genutzt werden könne – und etwa im Bereich der Digitalisierung und Industrie 4.0 dringend gebraucht werde, um die Unternehmen weiterzuentwickeln und neue Geschäftsfelder zu erschließen. Aber auch dafür müsse die Politik die Weichen stellen – hier hapert es wohl stark am Breitbandausbau. Nur die Hälfte der bayerischen Maschinen- und Anlagenbauer stufen ihre Breitbandversorgung als zufriedenstellend ein. Für knapp 30 % ist die fehlende Versorgung ein potenzieller Grund, ihren Standort zu wechseln.Das Fehlen funktionierender Geschäftsmodelle aber einzig auf hohen Bürokratieaufwand und fehlendes schnelles Internet zurückzuführen, ist dann doch etwas zu kurz gedacht. Das Gros der mittelständischen Maschinen- und Anlagenbauer ist sich seiner Fähigkeiten und Potenziale schlicht zu wenig bewusst. Orientierten sie sich an den Unternehmen mit zweistelligen Wachstumsraten, so könnten sie schnell deren Erfolgsrezept erkennen. Diese haben zum einen eine sehr starke eigene Fertigungstiefe – sie entwickeln also eigene Technik, Komponenten und Prozesse, bauen nicht nur angelieferte Teile zusammen. Und zum anderen fokussieren sie sich sehr stark auf ein oder zwei Produkte, investieren hohe Summen, um den Markt mit einem starken Alleinstellungsmerkmal aufzurollen.Wer hingegen nicht fokussiert agiert und einem Bauchladenprinzip folgt, wird niemals Wachstum generieren. Schon gar nicht im vielleicht zukunftsträchtigsten Sektor, auf den sich die Maschinen- und Anlagenbauer derzeit stützen können: den Bereich der Umwelttechnik.Weil die Bundesrepublik sich verpflichtet hat, bis 2050 die CO2-Emissionen um 90 % gegenüber 1990 zu senken und diesem Ziel deutlich hinterherhinkt, bekommt der Klimaschutz nicht nur politisch und gesellschaftlich einen immer höheren Wert, sondern auch wirtschaftlich. Entsprechen Produkte und Produktionsweisen eines Unternehmens nicht den Werten des Klimaschutzes, kann ein Unternehmen sie nicht mehr verkaufen, vor allem nicht an die junge Generation. Die steigenden Anforderungen an den Klimaschutz machen in der Folge das Geschäft mit “grüner” Anlagentechnik lohnend und lukrativ. Neue Technologien zu entwickeln und zu exportieren, ist zudem eine Kernkompetenz unserer Maschinen- und Anlagenbauer. Um dies im großen Stil zu tun, gibt es über Jahrzehnte hinweg etablierte Wege und Partnerschaften. Diese Tradition ist ein großer Erfolgsfaktor.Ein vielversprechendes Feld ist beispielsweise das Climate Engineering. Es geht darum, CO2 in der Atmosphäre abzufangen und sicher zu speichern oder zu binden. Um diesen Effekt zu erreichen, kommen verschiedene Möglichkeiten in Frage. Filteranlagen, die das CO2 direkt aus der Atmosphäre ziehen, gehören ebenso dazu wie die Ausbringung von Gesteinsmehl samt den darin enthaltenen Karbonaten im Meer – durch diesen “beschleunigte Verwitterung” genannten Prozess wird CO2 im Wasser gebunden.Darüber hinaus dürften wasserstofferzeugende Maschinen eine zentrale Rolle in der Zukunft spielen. Brancheninsider sind sich einig: Wasserstoff wird als Energieträger die fossilen Brennstoffe ersetzen. Er wird aus Wasser gewonnen – mithilfe von Strom aus regenerativen Energien – und in Brennstoffzellen genutzt, ohne das klimaschädliche Kohlendioxid zu erzeugen. Siemens beispielsweise stellt schon heute wasserstofferzeugende Maschinen her. Lagerung und Transport von Wasserstoff erweisen sich allerdings noch als Herausforderung. Dies gelingt im Moment nur bei hohem Druck oder sehr tiefen Temperaturen. Vielversprechender SchrittUm die Wasserstofftechnologie voranzubringen, haben sich Ende 2019 etliche bayerische Unternehmen mit dem Helmholtz-Institut Erlangen Nürnberg (HI ERN) für Erneuerbare Energien zu einem “Wasserstoffbündnis” zusammengeschlossen. Zu ihnen gehören Audi, BMW, Schaeffler, Siemens und MAN. Zeitgleich gründete die Bayerische Staatsregierung das Zentrum Wasserstoff.Bayern (H2.B) und stellte 10 Mill. Euro Anschubfinanzierung zur Verfügung. Ziel beider Initiativen ist es, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zu vereinen, um die klimaschonende Wasserstofftechnologie weiterzuentwickeln und auf einer breiten Ebene praxistauglich zu machen. Ein vielversprechender Schritt, von dem der deutsche Maschinen- und Anlagenbau stark profitieren könnte. Daniel Spoo, Direktor und Mitglied der Solution Group Maschinen- und Anlagenbau bei der Atreus GmbH in München