Braun hält nur noch 2,6 Prozent

Früherer Konzernchef nicht mehr größter Wirecard-Einzelaktionär - Erste Kunden wollen abspringen

Braun hält nur noch 2,6 Prozent

Der mutmaßliche Bilanzbetrug bei Wirecard zieht weitere Kreise. Während der zeitweise inhaftierte Ex-Konzernchef Markus Braun nach Anteilsverkäufen nicht mehr größter Einzelaktionär ist, wird sein derzeit gesuchter Vertrauter, der vor kurzem gefeuerte Vorstand Jan Marsalek, auf den Philippinen vermutet. sck München – Der wegen des Verdachts auf Marktmanipulation von den Strafermittlern als Beschuldigter geführte Markus Braun hat mittlerweile seinen Status als größter Einzelaktionär des ins Taumeln geratenen Zahlungsabwickler Wirecard verloren. Auf seiner Internetseite ließ das Dax-Mitglied ihn am Mittwoch von der Gruppe der bedeutenden Investoren unter den Aktionären streichen. Zuvor hielt er noch 7,1% am Grundkapital der AG. Danach veräußerte Braun laut Unternehmensmitteilungen einen Großteil seiner Beteiligung und reduzierte auf zuletzt 2,6%. Er fiel damit unter die Meldeschwelle von 3%, ab der Investoren als Großaktionäre gelten.Nach der aufgedeckten Bilanzlücke von 1,9 Mrd. Euro sah sich der ehemalige CEO zu diesem Schritt gezwungen, hatte er doch sein Paket vor drei Jahren an eine kreditgebende Bank verpfänden lassen. Aufgrund der prekären Lage des Unternehmens nahm das Institut vermutlich Sicherungsrechte wahr. Der Ausstieg des Ex-CEO hat zur Folge, dass Wirecard bei einem dramatisch gesunkenen Marktwert sich nunmehr vollständig im Streubesitz befindet. Darunter ist der US-Vermögensverwalter BlackRock mit einem Anteil von 2,9 % nun größter Einzelaktionär, gefolgt von der Fondstochter der Deutschen Bank, DWS mit 2,8 % (siehe Grafik). US-Investmentbanken und die Société Générale halten kleinere Pakete, wobei sie über Call Options diese aufblähen können. So entfallen auf Goldman Sachs 16 %. Eine Ironie dabei ist, dass die Frankfurter DWS-Muttergesellschaft bereits vor Wochen Wirecard wegen der unsicheren Lage von ihrer Bewertungsliste strich. Die Bank of America, die direkt 0,7 % hält, senkte am Mittwoch ihr Kursziel für die Wirecard-Aktie aufgrund des Insolvenzrisikos drastisch auf 1 Euro. Der Wirecard-Skandal dürfte zu hohen Wertberichtigungen bei jenen Geldhäusern führen, die an dem Fintech beteiligt sind. Hedgefonds stärker engagiertDie Riege der professionellen Leerverkäufer, die mit dem Kurssturz von Wirecard viele Millionen verdienten, hat sich hingegen ausgeweitet. Dem Bundesanzeiger zufolge kamen zur Gruppe der Hedgefonds dieser Tage die britische Naya Capital mit einer Netto-Leerverkaufsposition von 0,37 % des Wirecard-Aktienkapitals und die kalifornische Valiant Capital (0,42 %) hinzu. Der Großteil der bislang engagierten Hedgefonds stockte seine Positionen teils deutlich auf. Dazu gehören die US-Gesellschaften Coatue (2,18 %), Maverick Capital (1,83 %), Susquehanna (1,55 %) und Darsana (1,49 %). Insgesamt hält diese 13-köpfige Gruppe Positionen von zusammen 14 %. Kunden verlieren VertrauenDerweil wird im Markt spekuliert, dass ein Teil der Gläubigerbanken von Wirecard bereit sei, das Unternehmen mit einem Überbrückungskredit zu stützen. Wie Bloomberg erfahren haben will, loten einige Institute ein Stillhalteabkommen aus. Wirecard steht mit über 1,8 Mrd. Euro bei den Instituten in der Kreide. Dazu gehören unter anderem die Deutsche Bank, die Commerzbank, die LBBW und die DZ Bank. Allerdings dürfte sich eine Einigung – wenn überhaupt – unter den Gläubigerbanken hinziehen, handelt es sich doch um mindestens 18 Kreditgeber, die miteinander pokern.Doch Wirecard rennt die Zeit davon, verunsichert doch das Bilanzloch von 1,9 Mrd. Euro zunehmend die Geschäftskunden, weiterhin elektronische Zahlungen über die Firma mit Sitz in Aschheim bei München abwickeln zu lassen. Deren schwer beschädigte Reputation und Glaubwürdigkeit könnten das operative Geschäft derart beeinträchtigen, dass das Unternehmen im Extremfall gezwungen wäre, seine Aktivitäten einzustellen, wenn Kunden zunehmend zur Konkurrenz wechselten. So stellt die britische Direktbank Revolut auf einen anderen Zahlungsabwickler um, die niederländische Einheit der Fluggesellschaft Air France-KLM prüft nach eigenen Angaben einen Wechsel der Payment-Plattform. Brauns Nachfolger, Interimschef James Freis, versucht, die Kunden bei der Stange zu halten und zugleich die Zusammenarbeit mit den Kreditkartenanbietern Mastercard, Visa und JCB International zu sichern. Das Trio könnte sich aber gezwungen sehen, die Kreditkarten-Lizenzen für das bayerische Unternehmen aufzukündigen. Das entzöge Wirecard die Geschäftsgrundlage.