Chaostage am Stadttor
Chaostage am Stadttor
Weil ein Server ausfiel, konnte die DWP Bank als Trägerin von Wertpapierdepots an turbulenten Börsentagen im März zeitweise keine Orders mehr zuordnen. Bankchef Heiko Beck wirbt im Gespräch mit der Börsen-Zeitung um Vertrauen. Das Geschäft sei trotz der jüngsten Unruhe intakt.Von Jan Schrader, FrankfurtPünktlich zum Börsenstart versagte das System: Der Dax startete nach turbulenten Vortagen am Freitag, 20. März, im Vergleich zum Schlusskurs des Vortages mit einem Plus von 5,5 % auf 9 080 Zähler in den Tag. Etliche Anleger von Sparkassen, Kreditgenossenschaften und Privatbanken wollten an diesem Morgen über ihr Wertpapierdepot an einem erhofften Anstieg der Kurse teilhaben – doch Fehlanzeige. Der Wertpapierdienstleister der Geldhäuser wurde der Anfragen bis Mittag nicht Herr. Eine weitere Störung der Ordererfassung ereignete sich vier Tage später am Dienstag, als der Dax im Tagesverlauf von 9 242 auf 9 701 Punkte zulegte. Diesmal versagten die Systeme bis in die Nacht hinein.Für die DWP Bank, die für 1 250 Institute zuletzt rund 5 Millionen Wertpapierdepots technisch betreut hat, ist jede Panne eine Gefahr für die Reputation. Anrufe von verärgerten Banken- und Sparkassenvertretern gehörten an jenen Tagen hinzu, mit einer mittleren sechsstelligen Summe sei die Bank im ersten Quartal für Schäden aufgekommen, sagt Heiko Beck, Vorstandsvorsitzender der DWP Bank, im Gespräch mit der Börsen-Zeitung.Bereits im Januar hatte die Bank eine Panne verzeichnet: Damals war die Saldo-Anzeige der Wertpapierdepots gestört, während Orders an wesentlichen Handelsplätzen nicht mehr möglich waren. Die Ursache der Panne verortete die DWP Bank einige Wochen später bei der Finanz Informatik, der Rechenzentrale der Sparkassen, die mit ihrer Tochter Finanz Informatik Technologie Service (FI-TS) auch die DWP Bank bedient. Grund für die Panne war ein Ausfall von Servern der Sparkassen-Gesellschaft, erklärte das Institut damals (vgl. BZ vom 28. Februar). Zeitweise waren sämtliche Kunden betroffen. Dazu zählte neben den vielen Ortsbanken auch die DKB, die Direktbank-Tochter der BayernLB. Finanz Informatik unter DruckBeck zeigt sich diplomatisch: Die FI-TS betreibe den Server, die Entwicklung und Pflege der Anwendung liege bei der DWP Bank. Gegenüber Banken und Sparkassen sei allein sein Institut verantwortlich. “Das spornt uns nachhaltig an, unsere Systeme noch sicherer zu machen.”Die Finanz Informatik steht derzeit erheblich unter Druck, denn mittlerweile hat auch die BaFin erklärt, dem IT-Dienstleister der Sparkassen genauer auf die Finger zu sehen. Details lässt die BaFin allerdings offen. Zur jüngsten Panne bei der DWP Bank äußert sich Finanz Informatik auf Nachfrage nicht.Der Fehler in den Märztagen lag laut Beck in einer Datenbank, die den Zugang zu verschiedenen Servern regelt. Wenn private Anleger Wertpapiere kaufen oder verkaufen, laufen die Aufträge über eine Schnittstelle bei der DWP Bank ein – dem Stadttor, wie Beck sagt – und werden von dort je nach Kapazität auf verschiedene Server verteilt. Diese Zuteilung funktionierte nicht mehr. Wie vor einer defekten Ampel blieb der rege Verkehr stehen.Und der Verkehr war im März enorm: Die zweite Märzhälfte war mit dem dramatischen Kursrutsch, unterbrochen durch zwischenzeitliche Kurssprünge, für viele Akteure turbulent. Statt den üblichen rund 100 000 Transaktionen am Tag verzeichnete die DWP Bank im März täglich rund 250 000 Abwicklungen, sagt Beck. So viel Verkehr habe die DWP Bank in den Depots seit August 2007 nicht mehr erlebt, als kurz vor Zuspitzung der Finanzkrise die Kurse noch gestiegen waren. Auch die Zahl der Depotstandabfragen habe mit bis zu sechs Millionen Besuchen täglich rasant zugelegt. “Die Anleger beobachten ihre Depots sehr genau.” Seit Jahresbeginn verzeichnet die DWP Bank trotz des Börsendebakels nicht etwa weniger, sondern mehr Depoteröffnungen als im Vorjahr. Bis kurz vor Ende April kamen bereits 312 000 Neuanträge zusammen, ungefähr dreimal mehr als im Jahr zuvor. Das Fließband läuft und läuftBanken und Sparkassen will die DWP Bank mit neuen Funktionen an sich binden: Seit 2019 ist eine Depotthesaurierung möglich, also die automatische Wiederanlage ausgeschütteter Erträge. Die Zahl der Fondssparpläne wachse rasant und habe im vergangenen Jahr die Marke von 400 000 erreicht, sagt Beck. Die Bank hat nun auch Aktiensparpläne ins Auge gefasst, die sie im Herbst pilotieren und 2021 auf breiter Basis einführen will. Wie bei Fondssparplänen soll es auch hier möglich sein, statt ganzen Aktien lediglich Bruchstücke eines Papiers zu erwerben.Für Kreditinstitute selbst kündigt die Bank am heutigen Dienstag das Angebot “Wertpapier-Cockpit” an, das sie mit der Beratungsfirma Investors Marketing entwickelt hat. Das Produkt soll es Geldhäusern erleichtern, Daten zu Wertpapierdepots zu analysieren. Die DWP Bank kommt bei Banken zum Zug, wenn Sparer nicht nur einen reines Fondsdepot benötigen, sondern Zugang zu einem breiten Spektrum an Fonds und Wertpapieren haben wollen.Derweil stellt das Haus das in die Jahre gekommene System WP 2 nach und nach auf WP 3 um. Waren Funktionen bisher miteinander verknüpft, sollen sie als separate Module künftig nebeneinanderstehen. 100 Mill. Euro im Laufe von fünf Jahren hatte Beck vor einem Jahr im Gespräch mit der Börsen-Zeitung ins Auge gefasst, 2020 sind 13 Mill. Euro dafür vorgesehen. Insgesamt sind für das laufende Jahr 52 Mill. Euro für Investitionen veranschlagt. Rund 20 Mill. Euro ergeben sich aus der Regulierung, hohe Beträge fallen auch für Entwicklungen für einzelne Banken an.Nachdem sich die genossenschaftliche Apo-Bank aus dem Kundenkreis verabschiedet hatte, kämen bald neue Häuser hinzu, sagte Beck. Er zeigt sich zuversichtlich. “Wir gehen mit Rückenwind ins weitere Jahr.”