IM GESPRÄCH: FRANK SCHÖNHERR

Crédit Agricole reduziert Ertragsansprüche

Französische Großbank rechnet mit "flacher" Entwicklung im deutschen Corporate-Banking-Markt - Auf der Suche nach neuen Kunden

Crédit Agricole reduziert Ertragsansprüche

Crédit Agricole reduziert die Ansprüche ans Ertragswachstum im deutschen Firmenkundenmarkt. Für die kommenden Jahre peilt Deutschland-Chef Frank Schönherr nach einer Rate von bisher 8 % in Erwartung eines stagnierenden Marktes nur mehr 5 % an. Stärker genutzt werden soll auch der Quervertrieb.Von Bernd Neubacher, Frankfurt Crédit Agricole reduziert die Ansprüche an das Ertragswachstum im Deutschland-Geschäft. Nachdem die genossenschaftlich organisierte Bank aus Frankreich in den vergangenen fünf Jahren nach eigenen Angaben im Corporate und Investment Banking (CIB) bundesweit mit einer Rate von jeweils knapp 8 % gewachsen ist, sehen die strategischen Planungen für die kommenden Jahre nur mehr ein Einnahmeplus von jeweils über 5 % vor: “Wir sehen 5 % klar als Untergrenze”, sagt Deutschland-Chef Frank Schönherr der Börsen-Zeitung.Die Reduktion begründet er damit, dass die Bank bei der Durchdringung ihres bisherigen Kundenstamms zunehmend an Grenzen stoße und daher nun die Akquise neuer Geschäftsbeziehungen forciert. “Wir gehen davon aus, dass sich der Markt im Corporate Banking weiter flach entwickeln wird”, erklärt er: “Mit unserem Wachstumsziel von 5 % gewinnen wir dementsprechend signifikant Marktanteile hinzu.”Im Auge hat die Bank dabei als Zielgruppe weiterhin Unternehmen mit einem Umsatz von mindestens 1 Mrd. Euro. Diese Größe hatte die Bank vor zwei Jahren halbiert. Damit buhlt das Institut um rund 400 Unternehmen in Deutschland und Österreich. Bei ihren Kernkunden kam die Bank im vergangenen Jahr eigenen Angaben zufolge auf einen Anteil von 3,9 %, die breiter aufgestellten Konkurrenten von BNP Paribas und Société Générale dort auf 3,7 % und 2,8 %.Neue Kundenbeziehungen aufzubauen ist im Corporate Banking allerdings nicht so leicht, selbst wenn die Marktanteile im Zuge der Coronakrise in Bewegung geraten. Schließlich gilt es jeweils, exakt den Moment abzupassen, in dem etwa eine revolvierende Kreditlinie für ein Unternehmen neu aufgesetzt wird, zunächst dabei zum Zuge zu kommen und auf dieser Basis Produkte zu vertreiben. Ergebnistreiber Firmenkunden Außer mit CIB operiert die französische Großbank in Deutschland mit insgesamt 1 600 Mitarbeitern auch mit dem Assetmanager Amundi, dem Factoring-Unternehmen Eurofactor, dem Konsumfinanzierer Creditplus, der FCA Autobank und dem Verwahrer Caceis. Das in Crédit Agricole CIB zusammengefasste, überdurchschnittlich profitable Firmenkundengeschäft zieht gleichwohl das Ergebnis.Bundesweit hat Crédit Agricole ihre Einnahmen, den Autofinanzierer FCA Autobank nicht eingerechnet, im vergangenen Jahr um gerade einmal knapp 1 % oder 4 Mill. auf 494 Mill. Euro erhöht. Dabei blieb vor Steuern ein Ergebnis von 131 Mill. Euro hängen. Die Bank weist allerdings darauf hin, dass im Laufe des vergangenen Jahres die Wertpapierpensionsgeschäftsaktivitäten des Konzerns in Paris zentralisiert wurden und damit Ertrag abfloss. Ohnedies zeigten diese Zahlen nur die in Deutschland gebuchten Erträge. Gerade im Investment Banking spiegele dies nur etwa die Hälfte der Einnahmen wider. Gesteuert würden die Mitarbeiter indes über den global mit deutschen Kunden erzielten Ertrag.Um diesen künftig um mindestens 5 % jährlich auszubauen, setzt Schönherr nicht nur auf neue Kundenverbindungen, sondern auch auf vermehrten Quervertrieb: “Wir wollen die Zusammenarbeit innerhalb der Crédit-Agricole-Gruppe weiter verbessern”, kündigt er an: “Nimmt man etwa Amundi, Crédit Agricole CIB sowie Caceis, haben wir mit Blick auf die Zielgruppen eine nahezu hundertprozentige Überschneidung im Geschäftsmodell.” Unternehmenskunden könnten etwa auf Amundi zurückgreifen, um eine unparteiische Meinung zum Markt einzuholen, erläutert Schönherr das Cross-Selling-Konzept. “Wir fehlten nicht”Die jüngst entbrannte Debatte um das Engagement von Auslandsbanken am deutschen Firmenkundenmarkt in Zeiten der Corona-Pandemie verfolgt Schönherr eher aus der Distanz: “Wir beteiligen uns nicht an der Debatte und konzentrieren uns auf die eigenen Aktivitäten. Als verlässlicher Partner unserer Kunden wollen wir auch im aktuellen Kontext unser Engagement auf dem deutschen Markt weiter ausbauen”, erklärt er. Dann beteiligt er sich aber doch an der Debatte, wenn er mit Blick auf Meldungen, denen zufolge Citigroup als Hausbank Daimlers bei einem 12 Mrd. Euro schweren zusätzlichen Kredit im Konsortium unerwartet fehlte, anmerkt: “Wir fehlten nicht.”Im Falle von Crédit Agicole könne man nicht von einem Rückzug, sondern müsse eher von einem Ausbau der Aktivitäten sprechen: “Unsere Kunden werden bei uns immer eine gute und langfristig orientierte Betreuung bekommen”, sagt Schönherr. Seit Ende Februar habe die Bank ihre Engagements signifikant ausgeweitet, das Kreditvolumen habe in einer höheren zweistelligen prozentualen Rate zugelegt. Allen Kunden, die nachfragten, habe man helfen können, zugleich sei man auf alle Kunden zugegangen, um zu fragen, ob man helfen könne.Die regen Aktivitäten haben dem Haus Schönherr zufolge einen Rekordstart ins Jahr beschert, die Margen sind nach oben geschossen. Der Haken: Es handelt sich einmal nur um Erträge, die Risiken werden erst allmählich zu Buche schlagen.Auf Sicht erwartet Schönherr sehr wohl, dass die Krise die Marktanteile im Corporate Banking verschieben wird. Sei das Schlimmste erst einmal überstanden, würden sich Unternehmen nochmals Gedanken über die Zusammensetzung ihres Banken-Pools machen, sagt er. In Gesprächen mit potenziellen Kunden versucht die Bank nach seinen Worten mit dem Verweis auf “die größte Eigenkapitalbasis in Europa” zu punkten. 90 Mrd. Euro Eigenkapital vereint die gesamte Gruppe auf sich, die harte Kernkapitalquote beträgt knapp 16 %. Das langfristige Emittenten-Rating liegt bei S&P bei “AA -“, wenngleich mit negativem Ausblick, und bei Moody’s bei “Aa2”. Dies verhelfe der Bank dank ihres geringen Risikos als Gegenpartei zu einem guten Stand bei Unternehmen.Hinzu kommen Refinanzierungsvorteile. So weist Schönherr darauf hin, dass sich die Renditeaufschläge am Sekundärmarkt in der Krise gegenüber Jahresbeginn für Finanzdienstleister mit einem Rating von “AA” um 100 Basispunkte ausweiteten, im Falle von mit “BBB” bewerteten Wettbewerbern hingegen um 150 Basispunkte. In der Coronakrise sieht sich das Haus zudem nicht nur durch die Wahrnehmung der gesamten Bankengruppe als stabil geschützt.Die Bank setzt auch darauf, dass Kunden mit zehnstelligem Jahresumsätzen, die sie zu ihren Kunden zählt, in der Regel mehr Widerstandskraft an den Tag legen als Start-ups oder Kleinbetriebe. Beim Blick auf den Aktienmarkt beschleicht Schönherr allerdings ein ungutes Gefühl: “Ich hoffe, dass die Kapitalmärkte recht haben und wir eine V-förmige Erholung sehen werden. Ich habe aber meine Zweifel, dass dies so einfach gelingen wird. Ich vermute, dass die Krise länger dauern wird, als es aktuell ein Dax von 11 000 Punkten suggeriert.” Kein Stellenabbau geplantWas die Präsenz und die Belegschaft der französischen Großbank in Deutschland angeht, signalisiert Schönherr Kontinuität: “Wir wachsen leicht, aber nicht signifikant. Hier hat man Skaleneffekte, und 5 % mehr Ertrag sind nicht gleichbedeutend mit 5 % mehr Stellen.” Die Bank sehe zugleich “keine Notwendigkeit für eine Restrukturierung” und werde auch keine Stellen abbauen.Neben neuen Kundenbeziehungen und Quervertrieb hat sich die Bank schon seit längerem Sustainable Finance auf die Fahnen geschrieben. Bundesweit sorgte das Institut im Februar dieses Jahres für einen Hingucker, als die Genossen aus Frankreich und nicht etwa eine deutsche Bank von der Bundesfinanzagentur das Mandat als Federführer für die Emission der ersten grünen Bundesanleihe ergatterten. Schönherr zufolge hat die Bank auch schon die Regierungen in Frankreich, Italien und Chile bei grünen Finanzierungen beraten. Die Gruppe forciere das Thema Nachhaltigkeit seit 2010.