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Der ambitionierte HVB-Chef

Von Stefan Kroneck, München Börsen-Zeitung, 16.11.2017 Dass Theodor Weimer als heißer Favorit gilt, Carsten Kengeter an der Spitze der Deutschen Börse zu beerben, überrascht nicht. Der selbstbewusste Chef der Münchner Unicredit-Tochter...

Der ambitionierte HVB-Chef

Von Stefan Kroneck, MünchenDass Theodor Weimer als heißer Favorit gilt, Carsten Kengeter an der Spitze der Deutschen Börse zu beerben, überrascht nicht. Der selbstbewusste Chef der Münchner Unicredit-Tochter HypoVereinsbank (HVB) macht stets den Eindruck, als wäre er zu noch höheren Führungspositionen in der deutschen Finanzwirtschaft berufen. Weimer, der am 21. Dezember 58 Jahre alt wird, ist in der Finanz-Community gut verdrahtet.Aber auch zu Repräsentanten der Landes- und Bundespolitik sucht er die Nähe, schließlich ist er in seiner Rolle als Präsident des Bayerischen Bankenverbands Cheflobbyist der privaten Geldhäuser im Freistaat. In dieser Doppelfunktion – HVB-Vorstandssprecher und Verbandspräsident – residiert er also nicht nur in München, sondern ist auch regelmäßig in Berlin anzutreffen. TatendurstigDas prädestiniert ihn fast zwangsläufig zum gut dotierten Spitzenposten beim Frankfurter Dax-Konzern, der kraft seines Geschäftsmodells als Träger der öffentlich-rechtlichen Frankfurter Wertpapierbörse auch im politischen Umfeld agiert.Ob Weimer die Deutsche Börse mit Heldentaten auf die strategische Erfolgsspur bringen könnte, ist offen. Zuzutrauen ist ihm allemal, dass er dem wegen Kengeters Insideraffäre ins Taumeln geratenen Unternehmen zunächst wieder ein neues Selbstwertgefühl gibt, um danach abermals Vorstöße auf dem Feld der Konsolidierung der internationalen Börsenlandschaft zu vollziehen. Für den stets tatendurstigen Topmanager Weimer wäre das die Krönung seiner beruflichen Laufbahn.Hinzu kommt, dass der wegen der Causa Kengeter angeschlagene Aufsichtsratschef Joachim Faber einem Bank-CEO und Nichtbörsenmanager den Vorzug geben würde, könnte eine Person wie Weimer doch wieder frischen Wind bringen. Wie Kengeter ist Weimer Investmentbanker. MaulkorbFrischen Wind im beruflichen Sinne könnte aber auch der ambitionierte und von seinem Naturell her redselige HVB-Chef gut gebrauchen. Zwar verlängerte der Aufsichtsrat des weiß-blauen Bankhauses im Frühjahr seinen Vorstandsvertrag und am Freitag wurde er als bayerischer Verbandschef wiedergewählt, man kann sich aber des Eindrucks nicht erwehren, dass Weimer die besten Zeiten an der Spitze der HVB längst hinter sich hat.Das hat nichts mit seiner Leistung gemessen an der Bilanz und der Erfolgsrechnung des Instituts zu tun, die überzeugend sind, sondern vielmehr mit der Tatsache, dass mit Jean Pierre Mustier ein Unicredit-CEO über ihm steht, der rangniedere Spitzenmanager im Konzern weitgehend an der kurzen Leine hält. Seitdem der Franzose Italiens größte Geschäftsbank (Amtsantritt im Juli 2016) führt, ist es sukzessive ruhiger geworden um Weimer auf dem Feld der Außenkommunikation mit Wirtschaftsmedien. Keine Bilanzpressekonferenzen und keine Telefonkonferenzen mehr mit ihm. Der HVB-Vorstandssprecher darf sich zum eigenen Zahlenwerk nicht mehr öffentlich äußern (vgl. BZ vom 15. August). Der soldatisch wirkende Investmentbanker Mustier, der einst Fallschirmjäger beim französischen Heer war, verhängte ihm einen Maulkorb. Ob das dauerhaft so sein soll oder nur ein befristeter Zustand infolge des Unicredit-Restrukturierungsprozesses, lässt sich noch nicht ausmachen. Fakt ist jedoch, dass dies nicht zu Weimers Charakter passt, der sich gerne und ausgiebig zu allen möglichen Themen in der Bankenbranche vor großem Publikum äußert.Der aus Wertheim im “Dreiländereck” Bayern, Hessen und Baden-Württemberg stammende promovierte Volks- und Betriebswirt führt die HVB mittlerweile seit fast neun Jahren. Weimer brachte die deutsche Unicredit-Tochter nach einem jahrelangen Siechtum wieder auf Kurs. Der Statthalter der deutschen Unicredit-Tochter gilt als verlässlicher Ertrags- und Dividendenbringer für den Mutterkonzern aus Mailand. ErfolgeDie Gewinne der Münchner Einheit stützten oft die unter einem Berg fauler Kredite ächzende Unicredit. Weimer agierte in seiner Rolle aber nicht als “everybody’s darling”. Im Gegenteil: In mehreren Wellen musste er auf Geheiß des Mutterkonzerns Tausende Stellen streichen und das Filialnetz kräftig stutzen. Dadurch ist die drittgrößte deutsche Geschäftsbank schlanker und effizienter geworden. Vor diesem Hintergrund wurde er zeitweise als aussichtsreicher Kandidat für den Chefposten bei der Commerzbank gehandelt. Eine ernsthafte Alternative war das für ihn aber vermutlich nicht. Statt sich mit dem Umbau des gelben Wettbewerbers aus Frankfurt herumzuschlagen, blieb Weimer lieber im Korsett der Unicredit-Gruppe, wo er nach wie vor hoch geachtet ist.Weimer ist der einzige Deutsche im von Italienern dominierten 17-köpfigen Executive Management Committee von Unicredit. In dem mit sieben Mitgliedern besetzten HVB-Vorstand arbeitet er bereits mit drei Italienern zusammen. Dieses Trio nimmt Schlüsselpositionen (Finanzen, Risikocontrolling, Organisation und Administration) ein. Früher begnügten sich noch die Lombarden mit der Besetzung der Position des HVB-Chief-Risk-Officer. In der Dax-OberligaDiese Entwicklung ist ein Indiz dafür, dass Weimers Gestaltungsspielräume mit der Zeit geringer geworden sind. Vor einem Jahr wechselte sein beruflicher Weggefährte und HVB-Vorstandskollege Lutz Diederichs nach Frankfurt, um dort als Deutschland-Chef der französischen Großbank BNP Paribas den seinerzeitigen Amtsinhaber Camille Fohl abzulösen – die Mainmetropole, Weimers alte berufliche Wirkungsstätte.Der frühere Investmentbanker von Goldman Sachs und Nichtbayer ist aber in der Münchner Gesellschaft längst eine feste Größe. Weimer, der auch mal auf Diskussionsveranstaltungen eine flotte Einlage am Klavier bringt, ist oft auf kulturellen Festen der bayerischen Landeshauptstadt präsent. Zugleich gehört er dem Aufsichtsrat der FC Bayern München AG an. Im Umgang mit Uli Hoeneß ist er also geübt. Die HVB ist Partner des Rekordmeisters und Fußballerstligisten.Sollte der verheiratete Familienvater Kengeters Nachfolge antreten, wäre er in der Dax-Oberliga angekommen. Dann müsste aber Unicredit für ihn einen Nachfolger suchen. Eine Ära in der HVB-Geschichte wäre beendet.