Der Risikozar des chinesischen Finanzsystems
Der Risikozar des chinesischen Finanzsystems
Von Ernst Herb, HongkongDieser Mann hat eine der schwierigsten Aufgaben im globalen Finanzsystem. In einer von steigenden Risiken geprägten Zeit ist Guo Shuqing nicht nur Chinas oberster Banken- und Versicherungsaufseher. In seiner Rolle als Parteisekretär der Volksbank Chinas ist er auch der wirklich erste Mann der Notenbank der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft. Vor allem ist der 63-jährige Ökonom auch Mitglied des mächtigen Finanzstabilitäts- und Entwicklungskomitees, das die chinesische Wirtschaft durch die zunehmend stürmischen Gewässer steuern muss.Dieses Komitee wird vom stellvertretenden Premierminister Liu He geführt, der als einer der engsten Vertrauten von Chinas Staatspräsident Xi Jinping gilt. Dieser Tage ruhen die Augen der Öffentlichkeit indes vor allem auf Guo, hoffen doch vor allem auch die jüngst arg gebeutelten Investoren darauf, dass Peking die Wirtschaft wie auch vor zwölf Jahren nach Ausbruch der globalen Finanzkrise mit einem umfangreichen Konjunkturpaket stützen wird.Doch dürften solche Erwartungen trotz vereinzelter Finanzspritzen wie etwa der am Freitag angekündigten Senkung des Mindestreservesatzes um 50 Basispunkte enttäuscht werden. Die Notenbank setzt trotz des Coronavirus und des weiterhin schwelenden amerikanisch-chinesischen Handelskriegs angesichts des volkswirtschaftlich hohen Verschuldungsgrades den Schwerpunkt klar auf die Eindämmung der im Finanzsystem ruhenden Risiken.Was das heißt, weiß Guo sehr wohl, sind die Bilanzen der chinesischen Banken nach Jahren des exzessiven Kreditwachstums mit rund 40 Bill. Dollar doch doppelt so groß wie die der amerikanischen Geldhäuser. Wie umfangreich das Problem der faulen Kredite ist, zeigt sich daran, dass in der zweiten Hälfte des Vorjahres gleich drei chinesische Banken von größeren staatlichen Finanzinstituten gerettet werden mussten. Guo ließ dabei schon 2017 bei der Übernahme des Vorsitzes in der Bankenaufsichtsbehörde wissen, dass er zurücktreten würde, sollte es ihm nicht gelingen, die Exzesse im Bankensystem unter Kontrolle zu bringen. “Das ist die Verantwortung, die ein Leader auf sich nehmen muss”, sagte Guo damals. Solche klaren Worte sind von einem mächtigen Funktionär der Kommunistischen Partei Chinas eher selten zu hören.Dabei kann er nicht mit einem hohen westlichen Finanzbeamten verglichen werden. Denn der aus der nordchinesischen Provinz Innere Mongolei stammende Guo mag zwar ein ausgesprochener Technokrat sein. Doch in der autoritär regierten Volksrepublik ist er in erster Linie ein treuer Parteisoldat. Als solcher sitzt er auch im einflussreichen Zentralkomitee der Partei. Er hat eine beachtliche Parteikarriere hinter sich, war er doch ab 2013 stellvertretender Parteisekretär in der ostchinesischen Provinz Shandong, um daraufhin deren Gouverneur zu werden.Guos Laufbahn zeigt exemplarisch auf, dass es in der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft keine klare Trennung zwischen der Verwaltung und der Wirtschaft gibt. So werden alle bedeutenden Banken vom Staat kontrolliert, darunter auch die China Construction Bank, deren Verwaltungsratspräsident Guo zwischen 2005 und 2011 war. Rasante KonjunkturabkühlungDabei hatte er zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn nicht ahnen können, in welche Höhen der globalen Finanzwelt er eines Tages aufsteigen würde. Gegen Ende der Wirren der Kulturrevolution wurde er 1974 in eine Volkskommune verschickt, um dort als einfacher Landarbeiter der sozialistischen Volksrepublik zu dienen. Doch als nach dem Ende der blutigen Kulturrevolution die höheren Lehranstalten des Landes wieder geöffnet waren, wurde er von der Partei zur Nankai-Universität delegiert, um Volkswirtschaft zu studieren. Danach forschte er an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, um später im britischen Oxford sein Studium abzurunden. Dazwischen fiel die wirtschaftliche Öffnung Chinas, die aus dem verarmten Bauernstaat innerhalb eines halben Jahrhunderts die weltweit zweitgrößte Volkswirtschaft machte. China steht angesichts der sich rasant abkühlenden Konjunktur heute erneut vor einer epochalen Herausforderung. Risikoexperte Guo ist jetzt der Mann der Stunde.