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Die Börse - eine ganz normale Firma?

Börsen-Zeitung, 9.12.2017 Um den ersten Chef der Deutschen Börse AG, Werner G. Seifert, ranken sich nicht nur zahlreiche Anekdoten. Auch manche seiner Bonmots sind Teil der urbanen Mythen des Finanzplatzes Frankfurt. So verglich er seinen...

Die Börse - eine ganz normale Firma?

Um den ersten Chef der Deutschen Börse AG, Werner G. Seifert, ranken sich nicht nur zahlreiche Anekdoten. Auch manche seiner Bonmots sind Teil der urbanen Mythen des Finanzplatzes Frankfurt. So verglich er seinen Führungsstil mit dem improvisierten Zusammenspiel einer Jazzcombo – für den bekennenden Hammond-Orgel-Spieler ein naheliegender Vergleich. Der Keksfabrik-VergleichAm bezeichnendsten für die hemdsärmeligen und in mancher Hinsicht auch wilden 90er Jahre war jedoch sein Vergleich der Bedeutung der Deutschen Börse mit derjenigen einer Keksfabrik. Das war eine prägnante Veranschaulichung einer Parole, die damals umging und deutlich blutleerer klang: “just another company” – eine ganz normale Firma, wie man das vielleicht in Standardsprache übersetzen könnte.Nicht nur kommunikativ entsprach die Parole von der “ganz normalen Firma” dem Zeitgeist. Sie gab den – auch vom damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Rolf Breuer vorangetriebenen – Startschuss für einen Prozess, der das deutsche Börsenwesen ebenso wie den Finanzplatz Frankfurt und nicht zuletzt auch den Wirtschaftsstandort Deutschland grundlegend verwandeln sollte: den Prozess der “Demutualisierung” – also der schrittweisen Aufhebung der ursprünglichen, quasigenossenschaftlichen Struktur, in der Eigentümer und Marktteilnehmer identisch waren.Sie war deshalb zeitgemäß, weil sich der Börsenhandel in den 90er Jahren elektronisierte und die alte Struktur den notwendigen Wandel aus Eigeninteressen am Erhalt der gemütlichen Welt von einst verhindert hätte. Zu diesem Zweck war es vielleicht auch hilfreich, die Rede von der Sonderstellung der Börse, ihren hoheitlichen Aufgaben zum Trotz, etwas zu relativieren.Auf die Gründung der AG folgte eine rasante technologische Aufrüstung sowie eine Zusammenführung der zum Teil über ganz Deutschland verteilten Puzzleteilchen des Börsenhandels. Es entstand bis zum Jahr 2000 ein integrierter und sich rasant internationalisierender Konzern, der Wertpapier- und Derivatehandel sowie das Datengeschäft und die Abwicklung und Verwahrung unter seinem Dach vereinte. Der vielleicht wichtigste Meilenstein war der Zusammenschluss der Deutschen Terminbörse mit ihrem Schweizer Äquivalent zu Eurex und deren Integration in die Gruppe Deutsche Börse. Durch überlegene Technologie und exponentiell steigende Liquidität konnte der Finanzplatz Frankfurt seinem bis dahin haushoch überlegenen Konkurrenten London die Hoheit über den Handel in Futures auf deutsche Staatsanleihen abringen und sich die Terminbörse – innerhalb von nur neun Jahren nach dem Start – zur umsatzstärksten der Welt katapultieren. Mit dem Börsengang des Börsenträgers Deutsche Börse AG im Jahr 2001 – die konsequente Fortsetzung der AG-Gründung – war die Demutualisierung komplett. Die alten Anteilseigner machten Kasse, und bei der Deutschen Börse vollzog sich eine deutliche Hinwendung zur Internationalität nicht nur der Kunden, sondern auch der Aktionäre.Das damalige Management rief mit diesen kühnen und durchaus visionären strategischen Schritten nun allerdings Investoren auf den Plan, die sich einen eigenen Reim auf die Geschichte machten und die Gruppe in Einzelteile filetieren wollten. Anlass dazu war neben der prall gefüllten Kriegskasse der damalige Versuch einer Eroberung der Börse Londons, der aber am Widerstand “aktiver Investoren” scheiterte.Die Höhen und Tiefen der internationalen Kapitalmärkte waren voll in Frankfurt angekommen. Sie riefen aber auch versöhnlichere Geister auf den Plan: Der neue Vorstandsvorsitzende Reto Francioni verhinderte mit viel diplomatischem Geschick nicht nur die von den “aktiven Investoren” unter den Anteilseignern geforderte Zerschlagung, sondern trieb auch die vertikale und horizontale Integration des Börsenkonzerns voran. Mit ruhiger Hand steuerte er die Deutsche Börse durch die Finanzkrise, die 2007 begann und deren Folgen bis heute nicht ausgestanden sind. Eine Klasse für sichAllerdings scheiterte auch Francionis großes Fusionsprojekt: der transatlantische Zusammenschluss mit der New York Stock Exchange (Nyse) – diesmal allerdings nicht an einem Aufstand der Anteilseigner, die das Projekt sogar begrüßten, sondern an den Bedenken der EU-Kartellwächter. In den letzten Jahren seiner zehnjährigen Amtszeit trieb er noch die Expansion nach Asien voran und konnte mit verschiedenen Partnerschaften mit den wichtigsten Kapitalmarktinstitutionen Chinas Erfolge erzielen. Auch die vollständige Übernahme des sehr erfolgreichen Indexanbieters Stoxx wurde bereits in seiner Amtszeit angestoßen.Carsten Kengeter wurde von Aufsichtsratschef Joachim Faber an die Spitze der AG bestellt, weil er ihm zutraute, die Deutsche Börse an den immer schnelleren internationalen Wandel anzupassen. Angesichts der Steigerung der Elektronisierung zur Digitalisierung war und ist dies dringend geboten: “Börse 4.0” ist das Stichwort, das Kengeter dafür ins Spiel gebracht hat.Kengeter kann darauf verweisen, dass er die Unternehmenskultur stärker auf Innovation, Schnelligkeit, Kundennähe und Agilität getrimmt hat. Nur wenige bezweifelten, dass generell ein Zusammenschluss mit der LSE gut für Europa gewesen wäre. Leider hat allen, die wie er für die europäische Sache kämpfen, nicht nur, aber auch das Brexit-Votum der Briten einen Strich durch die Rechnung gemacht. Zugleich ist dadurch erneut klar geworden: Börsen sind eben nicht “just another company”, sondern – wie Reto Francioni dies in einem jüngst erschienenen Börsenhandbuch ausdrückt: “another company” – eine Klasse für sich.—-Prof. Dr. Jörg Franke ist Aufsichtsratsvorsitzender der Effektengesellschaft Berlin. 1993, nach der Fusion der DTB Deutsche Terminbörse GmbH mit der Deutschen Börse AG, wurde er Vorstand der Deutschen Börse AG.In dieser Rubrik veröffentlichen wir Kommentare von führenden Vertretern aus der Wirtschafts- und Finanzwelt, aus Politik und Wissenschaft.——–Von Jörg FrankeBörsenbetreiber sind nicht “just another company”, sondern “another company” und somit eine Klasse für sich.——-