Die IPO-Prozesse werden flexibler

J.P. Morgan geht von zwölf Börsenkandidaten 2018 aus - Vorabplatzierungen geben Transaktionssicherheit

Die IPO-Prozesse werden flexibler

kb Frankfurt – Die Rahmenbedingungen für Börsengänge (Initial Public Offerings, IPOs) sind weiterhin gut. Davon ist Stefan Weiner, Head of ECM Germany bei J.P. Morgan, überzeugt. Er geht davon aus, dass es im nächsten Jahr zwölf Börsenkandidaten geben wird. Dies sei freilich abhängig von den Marktgegebenheiten. Ob aber alle an die Börse gehen werden, sei nicht ausgemacht. Im Zuge des Dual-Track-Verfahrens werde oft auch ein Verkauf im Rahmen von Mergers & Acquisitions geprüft. Offenes FensterDas IPO-Fenster sei nun bereits seit rund fünf Jahren geöffnet, was ein relativ langer Zyklus sei, der aber von der guten Börsenentwicklung unterstützt werde. Diese werde getrieben durch das Gewinnwachstum der Unternehmen – was wiederum eine gute Basis für Börsengänge sei – und deutlich gestiegene Bewertungsmultiplikatoren. Bei den Unternehmen im Index S & P liegen die Multiplikatoren derzeit bei 17,5 und damit über dem langfristigen Durchschnitt von 14,3, wie Weiner aufzeigte. Die Unternehmen im Dax wiesen Multiples von 13,0 auf. Dies zeige, dass Investoren bereit seien, höhere Bewertungen zu akzeptieren. Die Anzahl der Börsengänge in Deutschland sei in den vergangenen Jahren relativ stabil gewesen, wenn auch große IPOs wie Innogy mit rund 4 Mrd. Euro oder Delivery Hero mit 1 Mrd. Euro für Ausreißer bei den Volumina sorgten. Die meisten IPOs kamen aus dem Portefeuille von Private Equity und aus dem Sektor TMT, also Telekommunikation, Medien, Technik. Börsengänge zur Wachstumsfinanzierung oder Restrukturierung von Unternehmen (Carve-outs) waren weitere Treiber, Privatisierungen eher nicht, denn da gab es nur den Börsengang der Pfandbriefbank (PBB).Weiner und Christian Kames, Chef des Investment Banking Germany bei der US-Großbank, stellen aber fest, dass sich der IPO-Prozess verändert hat. “Früher gaben die Banken die Prozesse vor”, sagt Kames. Dabei wurde überwiegend das gesamte Aktienkapital zu einem früh starr festgelegten Zeitpunkt platziert. Heute werde dies wesentlich flexibler gehandhabt, um das Risiko zu minimieren, ein IPO anzukündigen und dann doch nicht an die Börse zu gehen. Zu einem Standardprozess gehörten zwei Wochen Analystenmarketing und anschließend zwei Wochen Management-Roadshow, eine Zeit, in der viel passieren kann. Unternehmen verlangten aber mehr Flexibilität, um nicht zum Zeitpunkt des geplanten Börsengangs unerwarteten Marktverwerfungen ausgeliefert zu sein. Zeit entscheidendFlexibilität beim Börsengang lasse sich auf verschiedene Arten erreichen. So hatte Jost ihre Aktien rein institutionellen Investoren offeriert, um mehr Flexibilität auf der Zeitschiene zu erhalten. Das bedeute aber auch, dass bei diesem Börsengang Retail-Investoren keine Rolle spielten. Hella wiederum hatte einen Großteil ihrer Aktien privat platziert.Gerade Mittelständler befürchteten, mit ihrem IPO in eine schwierige Marktphase zu geraten. Deshalb komme es oft zu rein privaten Vorabplatzierungen eines Teils des IPO. “Das gibt 100 % Transaktionssicherheit, aber nicht unbedingt den besten Preis”, sagt Weiner, denn dafür falle ein Discount an. Bewertungstechnisch könne es auch von Nachteil sein, dass kein Bookbuilding-Verfahren, bei dem Investoren ihre Angebote abgeben, stattfinde, um den “richtigen” Preis zu ermitteln. Für Unternehmen, insbesondere Familienunternehmen, gehe jedoch die Transaktionssicherheit vor Preismaximierung, betont Weiner. Das Interesse an einer ca. 10-prozentigen Vorabplatzierung zur Gewinnung von Transaktionssicherheit sei auch deshalb so groß, weil man dafür noch kein Plazet der Finanzaufsicht BaFin benötige, erläuterte Carsten Berrar, Partner und Co-Head Capital Markets Group bei Sullivan & Cromwell. Regulator hilftDerartige Vorabprivatplatzierungen gebe es in Europa nicht, beobachtet Weiner. “Da hat der Regulator mit einer Vereinfachung geholfen.” Gut gelaufene Börsengänge von Familienunternehmen ermutigten wiederum andere Familienunternehmen zu einem Börsengang, die jedoch eine lange Vorlaufzeit bräuchten, so Kames. Das Interesse sei jedenfalls gestiegen. “Die zunehmende Flexibilität legt die Hürde für Börsengänge niedriger.”Die Investmentbanker sehen, dass immer mehr Wachstumsunternehmen, die früher eher die US-Börse Nasdaq präferierten, auch in Deutschland ihre Aktien an die Börse bringen können. Das Interesse der Investoren an Tech-IPOs in Deutschland sei “klar da”, so Weiner.