"Die Welt ein bisschen besser machen"
"Die Welt ein bisschen besser machen"
Barbara Rupf Bee, Head of EMEA bei Allianz Global InvestorsFrau Rupf Bee, wie entwickelt sich Nachhaltigkeit in der Geldanlage?Die Bereitschaft von Investoren, ihr Kapital nachhaltig einzusetzen, hat sehr deutlich zugenommen. Denn das Verantwortungsbewusstsein für den sinnvollen Umgang mit Kapital rückt mehr und mehr in den Vordergrund. Vieles findet dabei auch über Regulierungen statt. So dürfen etwa in den Niederlanden Pensionskassen nur noch nachhaltig investieren. Hinzu kommt, dass die wachsende Nachfrage auf ein stetig wachsendes Angebot trifft. Nicht zuletzt hat auch die größere Transparenz von Fondsinvestments durch Mifid II nachhaltige Geldanlagen befördert.Können nachhaltig ausgerichtete Investments die Welt oder das Klima verbessern – zumindest ein Stück?Auf jeden Fall! Nehmen Sie doch einmal den Umkehrschluss, wie es für diejenigen aussieht, die sich dem nicht stellen. Das ist wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Wer nicht Teil dieses Nachhaltigkeitstrends ist, wird ausgeschlossen. Investoren konzentrieren sich zunehmend auf Unternehmen, die sich der Nachhaltigkeitsziele annehmen. Dies wird zunehmend Bestandteil von Research, sprich: es findet eine Selektion zwischen Firmen statt. Insgesamt geht das Ganze in eine positive Richtung und trägt sicherlich dazu bei, die Welt ein bisschen besser zu machen oder gar ihre Zukunft zu sichern.Nachhaltig soll auch nachhaltig sein. Wie stellen Sie als Anbieter Produktwahrheit und Produktklarheit sicher?Das Produktangebot muss nach klaren Richtlinien ausgerichtet sein, und der Researchansatz muss dem Rechnung tragen. Es gilt, den Impact jedes einzelnen Investments zu messen. Wir haben ein eigenes, umfassendes Nachhaltigkeitsresearch und können dies gewährleisten. Nehmen wir das Beispiel einer Firma, die LED-Lampen mit sehr niedrigem Energieverbrauch herstellt und die damit zur Energieeffizienz beiträgt. Hier gilt es, den gesamten Nachhaltigkeitseffekt zu analysieren: von der Produktion bis zum Ende der Lebensdauer der LED-Lampe. Wichtig ist bei nachhaltigen Produkten auch, dass diese im Sinne der Kunden sein müssen. Der Investor muss sich fragen, was er mit seiner Ausrichtung an Nachhaltigkeit genau erreichen will. Diese Ziele weisen von Land zu Land durchaus Unterschiede auf.Inwieweit ist auf die Urteile von Agenturen Verlass, oder ist es notwendig, ein eigenes ESG-Research zu haben?Es geht nicht ohne ein eigenes Urteil, ohne ein eingehendes eigenes Investmentscreening. Die Ratingagenturen liefern wertvolle Informationen, die wir verarbeiten und die in unser Urteil miteinfließen. Wobei jede Agentur natürlich ihre Stärken und ihre Schwächen hat. Aber für ein großes aktives Haus, wie wir es sind, braucht es starkes eigenes Know-how und einen eigenen Standpunkt.Welches ist die beste/überzeugendste Strategie, um nachhaltig zu investieren: Ausschlusskriterien oder Best-in-Class oder die Kombination aus beiden?Das kommt immer darauf an, was für eine Wirkung ein Kunde erzielen will. Integrierte ESG-Ansätze haben natürlich viele positive Auswirkungen und gehen über reine Ausschlüsse hinaus. Bestimmte Kunden möchten aber auch bestimmte Dinge wie Alkohol, Tabak, Pornografie oder Spielcasinos ausgeschlossen haben. Dabei lassen sich Ausschlüsse gut mit integrierten Ansätzen kombinieren. Darüber hinaus rücken Klimaschutz und Klimaziele bei etlichen Investoren in den Vordergrund. Zudem orientieren sich immer mehr Anleger an den 17 UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung. Das ist der Bereich, in dem wir das größte Wachstum sehen.Mindert eine nachhaltige Ausrichtung das Risiko eines Investments? Die Performance grüner Anlagen ist ja nicht geringer als die herkömmlicher Investments?Die Performancedebatte gibt es seit Auflage der ersten Wasserfonds Anfang des Jahrtausends. Inzwischen hat sich die Diskussion grundlegend gewandelt und entspannt. Etliche Untersuchungen zeigen, dass nachhaltige Investments nicht zu einer geringeren Performance führen. Im Gegenteil: Firmen mit einer nachhaltigen Geschäftsführung und einer entsprechenden Corporate Governance profitieren davon. Hingegen werden Unternehmen, die sich dieser Entwicklung nicht stellen, abgestraft. Eine verantwortungsvolle und nachhaltige Geschäftsführung trägt gewiss dazu bei, Risiken zu reduzieren. Gleichwohl bleiben natürlich auch bei nachhaltig ausgerichteten Firmen, wie bei allen Unternehmen, Investitionsrisiken. Viele institutionelle Anleger legen bereits nachhaltig an. Wie sieht das in Ihrem Haus aus, sie verfügen ja über ein großes institutionelles Geschäft?Wir sind ein globales Haus und die Ausrichtung ist je nach Land verschieden. In Europa hat Nachhaltigkeit bei fast allen Institutionellen Einzug gehalten. Kirchen und Stiftungen investieren bereits seit langem nachhaltig, sie waren praktisch die Vorreiter. Inzwischen legen aber vor allem auch die großen Pensionskassen nachhaltig an. Hinzu kommen die Versicherungen. Insofern ist die Zukunft im institutionellen Bereich grün. Dies gilt übrigens auch für Anleihen. Hier legen zum Beispiel die Green Bonds stetig zu und erfreuen sich eines großen Interesses.Viele Privatanleger wissen mit dem Begriff ESG nichts anzufangen, hat jüngst eine Umfrage festgestellt. Besteht hier nicht noch großer Informationsbedarf?Das Interesse der Privatanleger an nachhaltigen Anlagen ist groß und in den vergangenen Jahren massiv gewachsen, das zeigen alle Untersuchungen. Vielleicht ist ESG für viele private Investoren aber ein Begriff, den sie noch nicht so kennen. Die UN-Nachhaltigkeitsziele sind hier möglicherweise viel greifbarer. Natürlich braucht es weitere Informationen. Unsere Vertriebspartner etwa haben Zugang zu unserer Investment Academy, die auch zahlreiche interaktive Tools enthält.Inwieweit haben Sie Ihre Produktpalette bereits in Richtung Nachhaltigkeit umgestellt? Erweitern Sie vor allem bestehende Produkte um ESG-Filter, oder legen Sie zusätzlich zu den bisherigen Produkten diese im nachhaltigen Gewand auf?Wir haben bisher beides gemacht: ESG-Filter in bestehende Produkte integriert oder für ausgewählte bestehende Fonds eigene Nachhaltigkeitstranchen aufgelegt. Und natürlich darüber hinaus völlig neue Produkte mit spezieller nachhaltiger Ausrichtung begeben. Die bei uns mit ESG-Fokus angelegten Gelder sind von 25 Mrd. Euro im Jahr 2017 bis auf inzwischen 165 Mrd. Euro geklettert. Schon in wenigen Jahren soll unsere gesamte Produktpalette nachhaltig ausgerichtet sein. Es gibt keine Zukunft ohne ESG-Integration. Die nachhaltige Ausrichtung wird dazu beitragen, dass wir die Welt langsam ein Stück verbessern.Bisher wurden vor allem Aktienfonds nachhaltig ausgerichtet. Wie ist der Trend bei Mischfonds und Fixed Income?Der Trend ist eindeutig, auch diese werden zunehmend nachhaltig ausgerichtet. Die Research-Einschätzung ist ja dieselbe, ob Sie nun die Aktie oder eine Anleihe eines Unternehmens betrachten. Auch bei Mischfonds kommt ein integrierter ESG-Ansatz immer mehr zum Tragen. Die Frage wird bei Investmentfonds künftig nicht mehr sein: nachhaltig oder nicht, alles wird nachhaltig sein. Vielmehr kommt es darauf an, wie der Nachhaltigkeitsansatz eines bestimmten Produkts konkret aussieht. Stichwort Vertrieb: Gilt es, diesen in Richtung Nachhaltigkeit zu schulen, oder besteht dort bereits das notwendige Know-how?Wir bieten unseren Kunden eine Vielzahl von Veranstaltungen und Informationsmöglichkeiten. Das Know-how wächst stetig, auch im Vertrieb. Was vor 30 Jahren als Nische begann, ist heute Mainstream.Wie sieht die Fondswelt bezüglich Nachhaltigkeit in fünf Jahren aus?ESG ist ein Mega-Trend, der nicht aufzuhalten ist. In fünf Jahren wird es keine allgemeine Differenzierung hinsichtlich Nachhaltigkeit mehr geben. Nachhaltige Investments werden dominieren, wobei es natürlich Produkte mit unterschiedlicher Ausrichtung geben wird. Dabei haben insbesondere Impact Investments großes Potenzial.Legen Sie selbst bereits Gelder in nachhaltigen Produkten an?Ja, seit 2003. Ich fand dieses Thema immer schon sehr spannend und von besonderer Bedeutung. Das Interview führte Werner Rüppel.