Die zwei Herren mit der Gebetsmühle
Die zwei Herren mit der Gebetsmühle
Von Jan Schrader, Frankfurt”Manchmal müssen Erkenntnisse eben gebetsmühlenartig vorgetragen werden, bis sie sich durchsetzen”, sagt Michael Rüdiger, Chef der DekaBank. Am Mittwochabend trat der Manager des Sparkassenhauses im Palmengarten in Frankfurt auf, um vor Journalisten die Neugeschäftszahlen im ersten Halbjahr zu skizzieren, die dann am gestrigen Donnerstag vorgelegt wurden. Wieder einmal hielt Rüdiger dabei fest, dass die Fonds- und Aktienkultur in Deutschland langsam um sich greife, allerdings noch viel zu tun bleibe. “Das zarte Pflänzchen Wertpapierkultur in Deutschland wächst stetig weiter”, sagt der Vorstandsvorsitzende. Der Einsatz müsse fortgesetzt werden. “Das ist zwar ein langwieriger Prozess – aber ein lohnender.”Mit seinem wiederholten Werben für die Wertpapierkultur in Deutschland ist Rüdiger nicht allein: Ähnlich häufig äußert sich Hans Joachim Reinke, Chef des Fondshauses Union Investment. “Auch wenn wir hier noch einen weiten Weg vor uns haben, sind wir in der Evolution des Sparens gut vorangekommen”, sagt er etwa oder: “Wenn der Prozess hin zu einer ausgewogenen, zukunftsorientierten Geldanlage der Privatkunden ein Marathonlauf ist, dann haben wir mal eben das Stadion verlassen.” Es hat sich schon etwas getan, aber es bleibt noch viel zu tun, lautet das Mantra. Fonds versus SichteinlagenDer Blick auf die Zahlen stärkt den Eindruck: Zwar können beide Firmenchefs mit dem bislang erzielten Ergebnis zufrieden sein. Mehr Sparpläne, mehr Neugeschäft, mehr Fondsvermögen hier wie dort – doch zugleich horten deutsche Privathaushalte 2,2 Bill. Euro als Bargeld oder in Sichteinlagen, während in Investmentfonds 540 Mrd. Euro liegen, wie Rüdiger referiert. Da scheint es angebracht, wiederholt auf die drohenden Verluste der Sparer hinzuweisen. “Bei der vorherrschenden Nullzinspolitik und einer Inflationsrate von 1,6 % in Deutschland wird so auf Jahresbasis ein Geldvermögen von 35 Mrd. Euro vernichtet.” Reinke rechnet vor: “20 000 hart ersparte Euro haben bei einer Teuerungsrate von 2 % nach 20 Jahren nur noch einen realen Gegenwert von 13 459 Euro.”Die Diskussion über die Wertpapierkultur hat nicht zuletzt eine politische Dimension: Mehr Wertpapierkultur schaffen die Banken und Sparkassen bekanntlich vorwiegend über den provisionsgetriebenen Vertrieb. Die damit einhergehenden Kosten und Interessenkonflikte in der Beratung sind immer wieder Anlass für Kritik. Die Branche hält stets leidenschaftlich dagegen, dass ohne den Vertrieb die allermeisten Sparer, insbesondere jene mit kleinem Vermögen, nicht mehr erreicht werden könnten. Wer könnte sie besser bedienen als Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken sowie einige große private Adressen mit ihrem breiten Filialnetz, so die implizite Frage.Die Stärkung der Wertpapierkultur entspricht somit dem Selbstverständnis der großen Adressen, die das Ziel natürlich noch in weiter Ferne sehen. Rüdiger lobt die gemeinsame Initiative von DekaBank, Union Investment, Bankhaus Metzler und dem Interessenverband Deutsches Aktieninstitut, die im vergangenen Jahr einen Aktionsplan zur aktienorientierten Altersvorsorge skizziert haben. Die Forderungen gehören zum Kanon der Fondsbranche: Renditechancen durch garantiefreie Produkte nutzen, die staatliche Förderung weiterentwickeln, Beratungsangebot stärken.Weil sich aber Veränderungen langsam vollziehen, werden Rüdiger und Reinke wohl noch oft zu der buddhistischen Walze mit den Gebeten greifen – oder, um ein anderes Bild aufzugreifen: Steter Tropfen höhlt den Stein.