PERSONEN

Ein Schweizer als Schmittmann-Nachfolger?

Von Daniel Zulauf, Zürich Börsen-Zeitung, 8.7.2020 Im Aufsichtsrat der Commerzbank herrscht eine eigenartige Form von Personalnot. Im 20-köpfigen Gremium besteht gewiss kein Mangel an Mitgliedern - auch dann nicht, wenn sich der aktuelle...

Ein Schweizer als Schmittmann-Nachfolger?

Von Daniel Zulauf, ZürichIm Aufsichtsrat der Commerzbank herrscht eine eigenartige Form von Personalnot. Im 20-köpfigen Gremium besteht gewiss kein Mangel an Mitgliedern – auch dann nicht, wenn sich der aktuelle Vorsitzende Stefan Schmittmann am 3. August wie angekündigt verabschieden wird. Doch von den vielen Aufsichtsräten scheint, wie man hört, vor allem einer als nächster Vorsitzender in Frage zu kommen: Tobias Guldimann. Der 58-jährige Schweizer ist seit 2017 Teil des Gremiums. Dort sitzt er dem Prüfungsausschuss vor und gehört dem Risikoausschuss an.Trotzdem ist der Mann in Frankfurt fast gar nicht und auch in der Schweiz nur in einschlägigen Kreisen bekannt. Das dürfte mitunter daran liegen, dass er die meiste Zeit seiner beruflichen Laufbahn in Stabsfunktionen tätig war. Zwar saß er zwischen 2004 und 2013 als Risikochef in der Geschäftsleitung der Credit Suisse. Doch für die großen öffentlichen Auftritte, wie sie sein Bruder Tim Guldimann als Botschafter in Berlin (2010 bis 2015) und nachfolgend als Parlamentsabgeordneter der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (2015 bis 2018) in den heimischen Medien genossen hatte, fehlte es dem elf Jahre jüngeren Bruder am nötigen Profil.Dabei wäre der Banker Guldimann 2008 fast doch noch groß herausgekommen. Sein damaliger Verwaltungsratspräsident Walter Kielholz soll in jener Zeit höchst persönlich versucht haben, seinen Risk Manager auf den Posten als Direktor und operativen Chef der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma) zu hieven. Doch die Regierung entschied sich schließlich für den Versicherungsmann Patrick Raaflaub, der den Banken in der Finanzkrise und in den Jahren danach tüchtig einheizen sollte.Tatsächlich erhielten die Schweizer Banken im Sommer 2008 deftige Post von den Behörden. Verdoppelung des Eigenkapitals lautete die einstweilige Forderung (die später noch weit höher ging), als sich die horrenden Verluste der UBS im amerikanischen Hypothekengeschäft nicht mehr kaschieren ließen. Die Credit Suisse, zum damaligen Zeitpunkt finanziell noch deutlich besser gestellt als ihr Lokalrivale, fühlte sich in Sippenhaft genommen, was Risikochef Guldimann auf einer Branchenkonferenz im Sommer 2008 zur spitzen Bemerkung motivierte: “Wir orientieren uns an Basel II und nicht an Hildebrand I.” Doch bald darauf wurde auch der Credit Suisse klar, dass der internationale Baseler Kapitalstandard (Basel II) ausgedient und ein spezifisch auf die Schweizer Banken zugeschnittenes “Too-big-to-fail”-Gesetz mit weit schärferen Kapitalanforderungen dringend nötig war. “Vom reinen theoretischen Wissen her ist er bestimmt besser beschlagen als alle anderen im Commerzbank-Board”, sagt ein ehemaliger Weggefährte über Guldimanns Qualifikation. “Doch ich weiß nicht, wie viel er vom Geschäft versteht, um es zu führen”, sagt der Intimus mit unverhohlener Skepsis.Guldimann war im Alter von 24 Jahren nach Abschluss seines Ökonomiestudiums an der Universität Zürich bei der Credit Suisse in der internen Revision eingestiegen. Mit dem Abschluss seiner Doktorarbeit zum Thema risikoorientierte Revisionsplanung war das Kapitel Prüftätigkeit vier Jahre später aber abgeschlossen. Der Jungbanker wechselte in die damalige Talentschmiede “Credit Suisse Financial Products”, um auch den Handel und das Emissionsgeschäft aus erster Hand kennenzulernen. Zu den Stars der damaligen Truppe gehörte auch ein gewisser Brady Dougan, der 2007 Credit-Suisse-Chef werden sollte.Der Posten eines Aufsichtsratschefs der zweitgrößten Bank Deutschlands ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits verschafft er seinem Inhaber einen bedeutenden Status. Anderseits könnte der Job mit Blick auf die nötigen Restrukturierungen und dem schwierigen politischen Kontext (Staat als Hauptaktionär) ein Himmelfahrtskommando werden. Ob Guldimann diese Herausforderung wirklich sucht, bleibt vorerst offen. Er war gestern für ein Gespräch nicht zu erreichen.