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Evolution der ETF

Das Segment der passiven Fonds wandelt sich, sagt Isabelle Bourcier von BNP Paribas. Anleger greifen immer mehr zu Spezialstrategien. Von Jan Schrader Als ETF-Fachfrau sei sie ein Dinosaurier, sagt Isabelle Bourcier. Denn als die Fondsexpertin...

Evolution der ETF

Das Segment der passiven Fonds wandelt sich, sagt Isabelle Bourcier von BNP Paribas. Anleger greifen immer mehr zu Spezialstrategien.Von Jan SchraderAls ETF-Fachfrau sei sie ein Dinosaurier, sagt Isabelle Bourcier. Denn als die Fondsexpertin kurz nach der Jahrtausendwende für Lyxor, eine Tochter der französischen Bank Société Générale, den Start der ersten börsengehandelten Indexfonds auf den Weg brachte, war das Segment in Europa noch unbekannt. Investoren musste die Managerin noch erklären, wieso sie den Fonds auf den französischen Leitindex CAC 40 anderen Instrumenten vorziehen sollten. Heute sind ETF nicht mehr wegzudenken. Anleger schätzen die Instrumente dafür, dass sie jederzeit wie eine einzelne Aktie ge- und verkauft werden können, wie Bourcier sagt.Die Managerin, die auch im Karrierenetzwerk “Women in ETF” aktiv ist (siehe “Zur Person”), hat den Aufstieg der Branche an verschiedenen Stationen miterlebt. Lyxor gewann in ihrer Zeit an Größe, ehe sie 2011 zum weitaus kleineren Spezialisten Ossiam wechselte, der zur französischen Investmentbank Natixis gehört. Seit dem vergangenen Jahr leitet sie die ETF- und Indexsparte von Theam, einer Tochter der französischen Großbank BNP Paribas. “Der ETF-Markt hat sich stark verändert”, sagt sie. Einkaufen im FondssupermarktLegten ursprünglich vor allem typische Indexfonds zu, die etwa den Dax, den Euro Stoxx, den CAC oder den MSCI World abbilden, so fächert sich der Markt heute in etliche Produkte auf. Die Angebotspaletten großer Fondshäuser glichen dabei einem Supermarkt, wo sich das Standard-Sortiment weitgehend ähnele, aber auch einige Spezialprodukte erhältlich seien, sagt Bourcier. Namen nennt sie nicht, doch dürfte sie die Riesen BlackRock, Deutsche Bank und Lyxor im Blick haben, die gemeinsam hinter knapp zwei Drittel des Marktvolumens von gut 600 Mrd. Euro in Europa stehen. Auf der anderen Seite existieren nach Darstellung der Managerin Spezialanbieter, die nach dem Modell einer Boutique eine erlesene Kundschaft bedienen und auf möglichst einmalige Fondsstrategien setzen. Neben Bourciers altem Arbeitgeber Ossiam zählen etwa der aus den USA kommende Spezialist Wisdom Tree, die auf die skandinavischen Länder fokussierte Xact oder die etwas breiter aufgestellte Source dazu. BNP Paribas muss sich unter der Marke “Easy” als kleinerer Anbieter positionieren: Einige Standardprodukte wie Indexfonds auf den Euro Stoxx 50, den US-Index S&P 500 und den MSCI World sind aus Sicht von Bourcier für den Anbieter einer bekannten Bank unverzichtbar, punkten will die Fondstochter aber darüber hinaus mit einem spezialisierten Angebot: In der Warenausgabe liegen ETF für europäische Branchen, Rohstoffe und Anleihen. Ebenfalls Teil des Sortiments sind sogenannte Smart-Beta-Fonds, die eine alternative Gewichtung zu einem Index bieten. So filtert das Fondshaus etwa jeweils europäische Aktien heraus, deren Wert rückblickend nur moderat schwankte (Low Vol), die sich im Vergleich zum Markt besonders gut entwickelt haben (Momentum) oder im Verhältnis zu Kennziffern wie Dividendenrendite und Cash-flow günstig sind (Value). Im Segment börsengehandelter Produkte verwaltet die Großbank in Europa 7 Mrd. Euro per Ende Mai, zeigt eine Marktstatistik der Deutschen Bank. Mit den Vehikeln erreichen die Anbieter ein ähnliches Publikum wie klassische ETF: “Viele Investoren ersetzen traditionelle ETF durch Smart-Beta-Lösungen”, sagt die Managerin. Es sei ein Irrtum, dass die oft in den Medien diskutierten Fonds nur aktiv verwalteten Strategien zusetzten. Natürlich legten auch die traditionellen ETF am Markt weiter zu, Smart-Beta-Fonds sammelten aber überproportional viele Mittel ein, auch wenn es je nach Marktphase Unterschiede gebe. Im vergangenen Jahr flossen dem Smart-Beta-Segment weltweit rund 53 Mrd. Dollar zu und damit – im Verhältnis zur Größe – tatsächlich mehr als den börsengehandelten Produkten insgesamt, berichtet der Marktführer BlackRock. Im laufenden Turnus hat das Neugeschäft aller ETF bis Ende Mai bereits stark zugelegt, so dass die erzielten 18 Mrd. Dollar der Smart-Beta-Fonds moderat erscheinen. Der Bestand der Produkte erreichte zuletzt 363 Mrd. Dollar, bislang also weniger als ein Zehntel aus einem Vermögen von weltweit gut 4 Bill. Dollar. Schon bei klassischen ETF greifen typischerweise selbstbestimmte Investoren zu. Smart-Beta-Fonds sind regelbasierte Strategien, deren Konstruktion ein Kunde genau verstehen sollte: Einmal gebaut, gewichten sie Aktien oder auch Anleihen nach festen Regeln. Ein Eingriff nach menschlichem Ermessen findet danach anders als bei einem klassischen aktiv verwalteten Fonds nicht statt. “Manche Investoren brauchen rigide und rein systematische Regeln”, sagt Bourcier. “Andere wiederum wollen, dass ein Fondsmanager für sie von Fall zu Fall entscheidet. Das ist eine Frage der Philosophie.”Aber auch bei Smart-Beta-Fonds zeige sich bereits ein Wandel: Hatte eine erste Generation, die schon 2004 auf den Markt kam, vor allem das Vermeiden von Risiken im Blick, sollen seit 2011/2012 aufgelegte Produkte, die zweite Generation also, bei gleichem Risiko mehr Rendite bringen. Alternative Gewichtungen verlangen den Investoren aber viel ab. Sie müssen eine Vorstellung davon haben, wie sich eine bestimmte Zusammensetzung von Aktien oder Anleihen unter verschiedenen Bedingungen verhält – zum Beispiel, wenn die Zinsen unerwartet steigen. Fondsanbieter und Investoren werten daher Börsenkurse aus und ziehen so ihre Schlüsse. “Die bisherige Kursentwicklung erlaubt zwar keine Prognose für die Zukunft”, sagt Bourcier. “Aber sie zeigt, wie sich ein systematisch gemanagtes Portfolio in bestimmten Fällen verhalten könnte.” Ohne umstrittene WaffenKünftig könnte eine weitere ETF-Kategorie das Segment prägen: Nachhaltige Fonds. Einige Produkte von BNP Paribas sortieren Unternehmen aus, die mit umstrittenen Waffen wie Tretminen, Streumunition, biologischen oder chemischen Waffen in Verbindung stehen. Die Bank war eigenen Angaben nach Anfang 2014 der erste Anbieter, der die entsprechende Indexreihe des Datenanbieters MSCI einführte. Andere ETF-Schmieden wie die UBS oder BlackRock mit der Marke iShares haben bereits Fonds im Angebot, die darüber hinaus Branchen wie Atomkraft, Glücksspiel, Alkohol und Tabak ausschließen. Das Segment bleibt in Bewegung.—– 7 Mrd. Eurohat die französische Großbank BNP Paribas europaweit in börsengehandelten Produkten per Ende Mai verwaltet, zeigt eine Statistik der Deutschen Bank. Damit gehört das Segment zu den kleinen Adressen, denn insgesamt liegen europaweit mehr als 600 Mrd. Euro in ETF und verwandten Produkten. Der Anbieter will etwa mit Branchenfonds und sogenannten Smart-Beta-Produkten sowie mit Fonds ohne Aktien von Herstellern umstrittener Waffen punkten.