IM GESPRÄCH: OLIVER SCHIMEK

Fintech Crosslend belebt alte Idee neu

Einzel-ABS ohne geschönte Ratings - CEO: Unsere Verbriefungen sind keine Mülleimer - Neue Börse

Fintech Crosslend belebt alte Idee neu

Crosslend hat aus der Finanzkrise gelernt. Statt intransparenter gepoolter ABS-Papiere offeriert das Berliner Fintech nunmehr Einzelkredite, die jeder Investor individuell überprüfen kann. Crosslend habe Absichtserklärungen über 5 Mrd. Euro, beteuert der Vorstandschef. Für den Sekundärhandel sei eine neue Börse geplant.Von Ulli Gericke, BerlinWenn sich die Venture-Capital-Tochter des weltweit größten Terminmarktbetreibers Chicago Mercantile Exchange (CME) als erstes europäisches Engagement ein Berliner Fintech aussucht, lohnt ein genauerer Blick. Zugegeben: Keiner weiß, wie viel Geld CME Ventures in Crosslend investiert hat und wie viele Anteile die Amerikaner dafür an dem deutschen Verbriefungsexperten erhalten haben. Da sei Schweigen vereinbart worden, versichert Oliver Schimek.Überhaupt zeigt sich der Gründer und CEO des erst 2014 angeschobenen Finanz-Start-ups im Gespräch mit der Börsen-Zeitung beim Thema Geld überaus zugeknöpft – weder das eigene Startkapital noch die bisher eingeworbenen Mittel mag der einstige Chief Financial & Investment Officer bei Kreditech beziffern. Die Investoren – zu denen neben CME Ventures Lakestar, Northzone und Atlantic Labs gehören – würden aber ebenso wie der CEO davon ausgehen, dass Crosslend eines Tages ein Einhorn wird, also mehr als 1 Mrd. Euro wert ist.Im Grunde nimmt Crosslend eine alte und bewährte Finanzierungsform auf, die durch die Finanzkrise aber in Verruf geraten ist. Per Verbriefung streuten Banken einen Teil ihrer Kredite breit an Investoren, um mit dem frei gewordenen Eigenkapital neue Darlehen ausreichen zu können. Mit der Subprimekrise in den USA wurde allerdings deutlich, dass diese gepoolten Asset Backed Securities (ABS) nur allzu oft von den Ratingagenturen falsch bewertet worden waren, sich in Triple-A-Papieren also häufig nur “Ds”, Defaults, befanden. Der ABS-Markt war damit – zumindest hierzulande – tot.Da der Bedarf an Verbriefungen jedoch unverändert gegeben ist – um die Bankbilanzen zu entlasten oder Klumpenrisiken zu vermeiden -, strebt Crosslend mit einem neuen Konzept an den Markt. Die Berliner kaufen Banken und anderen Kreditgebern einzelne Kreditforderungen ab und verbriefen diese in handelbare Wertpapiere, in die Anleger investieren können. So weit ist das Modell bekannt. “Doppelte Kreditprüfung”Anders als in der Vergangenheit poolt Crosslend aber diese Kredite nicht. Jeder einzelne Kredit wird zu einem einzelnen Wertpapier. Somit sei eine doppelte Transparenz gegeben, betont Schimek: Die Bank, die an ihrem Kredit auch in der Verbriefung zu einem bestimmten Teil beteiligt bleibt, absolviert wie üblich eine Kreditwürdigkeitsprüfung. Und der Investor kauft das ABS-Papier nur, wenn er den Kredit verstanden hat – “eine doppelte Kreditprüfung pro Kapitalfluss”, wirbt der Firmenchef. Und da die Kreditvergabe weiterhin bei der Bank bleibt, weist der Crosslend-Chef Mutmaßungen weit von sich, hier würde eine neue Schattenbank entstehen. Was bisher aber nur Theorie ist, soll in den nächsten Wochen Wirklichkeit werden. Ein erster, rund 500 Mill. Euro schwerer transeuropäischer Deal soll noch im Mai abgeschlossen werden, kündigt Schimek an. Eine südeuropäische Bank kauft dabei nordeuropäische Kredite bzw. deren Verbriefungspapiere – ein Deal, der angesichts immer wieder aufkeimender Überlegungen eines Euro-Austritts in einigen Südländern quasi einem “Euro-Hedge” für das dortige Bankhaus gleichkommt.Jenseits dieser kurz bevorstehenden Transaktion lägen Absichtserklärungen für weitere Deals im Umfang von etwa 5 Mrd. Euro vor, versichert Schimek: “Das Interesse ist da!” Wobei die Verbriefung zunächst “nur” Konsumentenkredite im Wert von 5 000 bis 50 000 Euro umfassen soll, die zu gleich großen Einzelbonds gewandelt werden. “Die Ausweitung auf Unternehmens- und Immobilienkredite ist geplant”, verspricht der CEO im Gespräch.Bei einem 10 000-Euro-Kredit müsse die Bank zu mindestens 5 % weiter engagiert bleiben, beschreibt Schimek das Modell. Damit behalte sie auch die Kundenbeziehung und -betreuung in eigener Hand. Die bisherige Beobachtung sei, dass die Institute eigentlich 60 bis 70 % der Volumina behalten wollten. “Unsere Verbriefungen sind keine Mülleimer”, in die die Finanzinstitute ihre notleidenden Kredite entsorgen wollten, betont Schimek. Crosslend ihrerseits verbrieft diese Teilkredite in einem Wertpapier, das bei Clearstream sammelverwahrt und mit einer eigenen Wertpapierkennnummer (ISIN) ausgestattet wird.In einem nächsten Schritt strebt Crosslend eine neue Börse für den Sekundärmarkt an, bei deren Installation die Chicagoer CME sicher behilflich sein kann. An dieser künftigen “European Debt Exchange” – so der bisherige Arbeitstitel – können dann die ISIN-nummerierten Papiere gehandelt werden. Da Luxemburg offen für neue Ideen sei, “massive Unterstützung” biete und zudem auch das Crosslend-Modell lizenziere – womit der Eintritt in den europäischen Markt gewährleistet ist -, soll der künftige Handelsplatz im Großherzogtum entstehen, fügt Schimek an. Entsprechend ist die luxemburgische Aufsicht auch für Crosslend zuständig. Nur indirekt gebe es eine BaFin-Kontrolle, da der Kooperationspartner bei den Verbriefungen die Frankfurter BIW Bank sei. Geld verdient Crosslend mit einer Gebühr für die vermittelten Kredite. Dabei fällt ein erster Teil der Fee bei der Transaktion an. Der Rest wird überwiesen, wenn der Kredit zurückgezahlt wird, die Verbriefung also bedient wird und kein Ausfall zu beklagen ist. Wie hoch die Fee ist, will der CEO nicht sagen – wie gesagt, beim Thema Geld zeigt sich Schimek überaus zugeknöpft.