M&A-Tätigkeit in der Kryptobranche zieht an

Derivate-Spezialist FTX erwirbt Blockfolio für 150 Mill. Dollar - Tokenisierung von Bitcoin beflügelt Decentralized Finance

M&A-Tätigkeit in der Kryptobranche zieht an

Wirklich erwachsen geworden ist die Kryptobranche noch nicht. Aber der Zustrom an Geldern für das “Yield Farming” sorgt für Euphorie. Das zeigt sich im entstehenden M&A-Markt, den insbesondere Handelsplätze nutzen, um sich zusätzliche Funktionalitäten zu verschaffen. Es geht um die Retailkunden von morgen.Von Björn Godenrath, FrankfurtDas Wachstum von dezentralen Kryptowährungshandelsplätzen auf Ethereum-Basis (DEX, Decentralized Exchanges) mündet in eine verstärkte M&A-Tätigkeit, um jetzt schon die Märkte der Zukunft zu besetzen. Jüngstes Beispiel für diese Entwicklung ist die Akquisition des Datentrackers Blockfolio durch den Derivatespezialisten FTX für einen Unternehmenswert von 150 Mill. Dollar. Dabei erhalten die Blockfolio-Eigentümer einen Mix aus Cash, Aktien sowie dem von FTX emittierten (nativen) Token. DEX-Betreiber sind in diesem Jahr dazu übergegangen, eigene Token auf den Markt zu bringen, um die Liquidität auf ihren Handelsplätzen zu stützen und sich außerdem eine weitere Opportunität für Wertsteigerungen zu eröffnen.FTX wurde erst im vergangenen Jahr gegründet und wendet sich mit seinen Futures-Produkten an institutionelle Investoren, die als Profi-Trader die Marktchancen volatiler digitaler Assets bespielen wollen. Dem Vernehmen nach erhält FTX derzeit großvolumige Mittelflüsse von institutionellen Adressen auf ihre Plattform. Konkurrenten von FTX sind unter anderem die aus Amsterdam stammende Deribit sowie die in London ansässige Crypto Facilities, die 2019 für 100 Mill. Dollar von Kraken übernommen wurde. In Großbritannien baut derzeit Archax einen Handelsplatz für tokenisierte digitale Assets auf, der auch ein breites Spektrum an Hebelprodukten anbieten dürfte. Die FCA-Lizenz dafür wurde vergangene Woche erteilt.FTX ist derzeit einer der Hauptdarsteller in Decentralized Finance (DeFi). So bezeichnet man das Ökosystem an bankenunabhängigen Plattformen, die Ehtereum-Token auf alle erdenkliche Art und Weise handelbar machen und dabei stark anziehende Volumina verzeichnen. Dabei kommt es aber auch zu Unfällen, wie kürzlich bei YAM Finance: Der heißt gehandelte YAM-Token krachte um 90 % zusammen, als sich das Software-Protokoll zur Steuerung der Token-Funktionalität als fehlerhaft erwies. In der Gier auf schnelle Renditen wurde dummerweise auf ein technologisches Audit, wie es üblicherweise über Github erfolgt, verzichtet. Governance-ProblemeAußerdem gerät der DeFi-Markt in Verruf, weil Eigentümer/Emittenten, die für eine gute Governance sorgen sollten, die Stimmrechte nach Gutdünken zu ihren Gunsten drehen können. So wurde vergangene Woche offenbar, dass der Betreiber von Curve, Michael Egorov, sich 71 % der Stimmrechte zugeteilt hatte, was den offenen Charakter der auf Community-Mitbestimmung gepolten DeFi-Architektur konterkariert. Schon zuvor war Curve wegen einer Panne ins Zwielicht geraten: Mitte August hatte die in Form einer DAO (Decntralized Autonomous Organization) operierende Blockchain-Plattform verfrüht ihren Betrieb aufgenommen, da sich ein unbekannter Software-Ingenieur Zugang zu den Smart Contracts verschafft hatte und damit das TokenMining in Gang setzte – was die grundsätzliche Schwäche von sogenannten “Permissionless Networks” offenlegt: Jeder Programmierer hat Zugang zum Code – allerdings dürfte es eine Ausnahme sein, dass sich dieser, wie im Fall des Curve-Maleurs, auch Administratoren-Rechte verschafft hat.Auch wenn DeFi mit ihren Wild-West-Methoden ungute Erinnerungen an das ICO-Debakel von 2017 weckt, so darf doch nicht ignoriert werden, dass zum einen eine rapide technologische Innovation stattfindet und dass zum anderen eine ganze Reihe seriöser Trading-Profis die Entwicklung von DeFi mitgestalten. Da wäre zum Beispiel Matthew Graham, der über seine Gesellschaft Sino Global Capital bei FTX engagiert ist und einen Hintergrund in “Quantative Finance” besitzt. Um die ganze Blockchain-Sache professionell anzugehen, ist er vor ein paar Jahren nach China gegangen, hat Mandarin gelernt und betreut nun vor Ort renditehungrige Investoren – in China ist der Retailmarkt sehr aufgeschlossen für Kryptotrading. Institutionelle Portemonnaies lassen sich nur über den persönlichen Kontakt anzapfen. Und den pflegt Graham.Für FTX am Ruder ist CEO Sam Bankman-Fried, der über Erfahrung im OTC-Spothandel verfügt – und FTX hat sich auf die Fahne geschrieben, hier die besten Spreads für Profi-Händler zu stellen. Das scheint gut zu funktionieren und so baut FTX nun eine DEX-Plattform für Retail-Anleger auf. Dafür hat man Ende Juli “Project Serum” gestartet, das auf der neuartigen Solana-Blockchain basiert, die interoperabel ist mit der Ethereum-Blockchain. Diese ist (noch) langsam und teuer, was in Verbindung mit Solana als sogenannte “Layer-2-Technologie” behoben werden kann, so das Versprechen: Solana soll 50 000 Transaktionen pro Sekunde verarbeiten können, auf Ethereum sind es magere 15 pro Sekunde, bevor in ein bis zwei Jahren das Upgrade da ist.Ein nicht unwesentlicher Treiber des DeFi-Wachstums ist die Möglichkeit, Bitcoins zu tokenisieren und diese Bestände über DEX-Plattformen zu beleihen und zu verzinsen. Das sogenannte “Yield Farming” ist der letzte Schrei auf DeFi, birgt mit der Leverage-Komponente aber auch Potenzial für böse Überraschungen. Marketmaker im GepäckDie dezentralen Handelsplätze dürften zunehmend Volumen von zentral organisierten Platzhirschen wie Binance und Coinbase auf sich ziehen. FTX will auf Serum einen synthetischen Bitcoin-Handel ermöglichen, wofür ein sogenannter “Bitcoin Proxy Token” herhalten soll. Mit der Blockfolio-Akquisition sollen Retail-Anleger einen Info-Pool zu Preisbewegungen für ihre Investment-Entscheidung erhalten. Damit attackiert FTX, die reichlich Marketmaker mitbringen dürfte für enge Spreads, vor allem Binance, die mit der Akquisition von Coinmarketcap im Frühjahr (siehe Grafik) in eine ähnliche Richtung zielte.Die von China nach Malta umgesiedelte Binance gilt in Branchenkreisen als umstritten, da offenbar mit gefakten Social-Media-Profilen operiert wurde, um Kursnotizen nach oben zu treiben. Außerdem hatten Marktbeobachter notiert, dass Coinmarketcap plötzlich Bewertungskriterien für ihre Rankings änderte – und Binance damit besser dastand als zuvor. – Wertberichtigt Seite 6