Nachhaltige Anlagen erobern Multi-Asset-Bereich

Nachhaltigkeitsstrategien werden neue Normalität - Regelmäßige Prophezeiungen der vergangenen Dekade werden Realität

Nachhaltige Anlagen erobern Multi-Asset-Bereich

Mehr als 1 Bill. Euro – dieses Investitionsvolumen möchte die neue EU-Kommission unter Präsidentin Ursula von der Leyen über die nächsten zehn Jahre im Rahmen eines europäischen “Green Deal” mobilisieren. Das Ziel ist, Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu transformieren – Europas “Mann auf dem Mond”-Projekt. Noch deutlich mehr – ein mittlerer zweistelliger Billionenbetrag – wird Berechnungen der Vereinten Nationen zufolge weltweit bis 2030 an Investitionen benötigt, um die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (UN Sustainable Development Goals) zu erfüllen. Diese umfassen neben ökologischen auch soziale beziehungsweise gesellschaftliche Aspekte, also nicht nur das E (Environmental/Umwelt) von ESG, sondern auch das S für Soziales und das G für Governance (gute Unternehmensführung). Es geht somit um enorme Summen. Beispiel sollte Schule machenKlar ist, dass die öffentlichen Hände dies unmöglich allein stemmen können. Privatwirtschaftliches Engagement und innovative Lösungen sind unabdingbar. Ein Beispiel, das Schule machen sollte, ist etwa die vor wenigen Jahren gegründete Canada Infrastructure Bank. Ihre Aufgabe ist, Infrastrukturprojekte, die im öffentlichen Interesse sind, durch öffentlich-private Partnerschaften finanziell zu unterstützen. Dabei geht es vor allem darum, die in kanadischen Pensionsfonds angelegten Altersvorsorgegelder für die Finanzierung derartiger Projekte zu gewinnen. Doch auch das Kapital von Privatanlegern gilt es zu mobilisieren. Eine gute Nachricht in diesem Zusammenhang ist ein zunehmendes Interesse der Bevölkerung an nachhaltigen Kapitalanlagen.In einer Ende 2018 im Auftrag von AllianzGI durchgeführten Umfrage unter 10 000 Bürgern aus zehn europäischen Ländern äußerten 75 % der Befragten, dass ihnen Nachhaltigkeitsaspekte bei der Geldanlage wichtig oder sehr wichtig seien. Gleichzeitig bekannten seinerzeit aber auch vier von fünf Befragten, dass sie dieses Thema noch nicht mit einem Finanzberater besprochen hätten.Nun bekommt das grundsätzlich vorhandene Interesse an nachhaltigen Anlagen zusätzlich regulatorischen Anschub. Im Rahmen des EU-Aktionsplans “Sustainable Finance” sind Anpassungen von Mifid II (Markets in Financial Instruments Directive) vorgesehen, denen zufolge Privatanleger künftig bei Anlageentscheidungen zu ihren Nachhaltigkeitspräferenzen befragt werden müssen. Dies erhöht zwar einen ohnehin bereits erheblichen Verwaltungsaufwand im Zusammenhang mit Finanzberatung, positiv zu Buche schlägt aber, dass damit in Zukunft quasi zwangsläufig nicht nur herkömmliche, sondern auch nachhaltige Anlagealternativen auf den Tisch kommen. Eine Reihe von ChancenDie Pläne der EU im Hinblick auf eine nachhaltige Finanzwirtschaft und die Taxonomie vermitteln eine Vorstellung davon, wie bedeutsam Nachhaltigkeit auch in der Kapitalanlage wird. Das Thema bietet eine Reihe von Chancen: So hat etwa die Global Commission on the Economy and Climate für die UN berechnet, dass allein die notwendigen Investitionen für den Klimaschutz bis 2030 weltweit Wohlstandsgewinne von 26 Bill. Dollar und 65 Millionen neuer Jobs schaffen könnten.Doch auch die Risiken sind für Anleger hochrelevant. Abgesehen von den Risiken des Klimawandels selbst sind auch die ökonomischen Konsequenzen einer möglicherweise notwendigen Verschärfung der regulatorischen Eingriffe beachtlich. So hat das globale Investorennetzwerk PRI (Principles for Responsible Investing) Ende vergangenen Jahres eine Studie veröffentlicht, der zufolge die politischen Klimarisiken an den Märkten noch nicht vollständig eingepreist sind. Die Autoren gehen davon aus, dass die Politik stärker in den Markt eingreifen muss, um den Klimaschutz voranzutreiben, und kommen zu dem Schluss, dass deutliche Bewertungsabschläge für viele Aktien drohen. Betont wird aber, dass es in vielen Branchen neben Verlierern auch Gewinner geben dürfte und dass die Preisverwerfungen umso geringer ausfallen, je früher die Gesetzgeber reagieren. Man darf davon ausgehen, dass diese Entwicklungen nicht auf den Aktienmarkt beschränkt bleiben.Insofern ist es nur folgerichtig, dass das Nachhaltigkeitsangebot bei Fondsanlagen an Breite gewinnt. Bereits heute ist bei 30 % der von AllianzGI verwalteten Vermögen die Analyse von ESG-Risiken fest in den Anlageprozess integriert (sogenanntes Integrated ESG) oder es werden über Ausschlusskriterien respektive einen Best-in-Class-Ansatz Selektionsfilter angewandt (Sustainable & Responsible Investing, SRI) oder es wird explizit auf eine ökologische oder soziale Wirkung abgestellt (Impact Investments). Dieser Anteil wird in den kommenden Jahren deutlich weiter ausgebaut werden.Branchenweit ist zu beobachten, dass ausgehend vom Aktien- und (Unternehmens-) Anleihebereich, in denen das Angebot bereits recht umfangreich ist, unter Nachhaltigkeitskriterien gemanagte Strategien nun auch in andere Anlageklassen wie etwa Multi Asset vordringen. Dies ist wichtig, waren Multi-Asset-Fonds doch in den zurückliegenden Jahren Anlegers Liebling. Zahlen des deutschen Fondsverbands BVI zufolge trugen Mischfonds hierzulande 2017 bis 2019 zu mehr als der Hälfte der branchenweiten Nettomittelzuflüsse seitens Privatanlegern bei. Angesichts des voraussichtlich noch länger andauernden Niedrigzinsumfeldes und der Multi-Asset-Produkten inhärenten Diversifikations- und Flexibilitätsvorteile dürften diese ihre Attraktivität so schnell nicht verlieren. Umso wichtiger, dass hier das Angebot an Nachhaltigkeitsstrategien weiter ausgebaut wird. Es tut sich etwasIm Geschäft mit institutionellen Kunden gibt es bereits seit längerem Anlagelösungen, die Nachhaltigkeitsaspekte über unterschiedliche Anlageklassen berücksichtigen. Häufig sind sie hierbei sehr kundenspezifisch zugeschnitten. Aktuell ist zu beobachten, dass ein derartiges Angebot nun auch auf Multi-Asset-Produktfamilien für Privatanleger ausgeweitet wird. Anbieter mit entsprechenden Manager-Research-Kapazitäten können über Kernportfolien aus Aktien und Industrieländeranleihen hinaus sehr gezielt auch nachhaltig gemanagte Satelliteninvestments in das Portfolio integrieren: Schwellenländeraktien und -anleihen, Hochzinsanleihen, Real Estate Investment Trusts (Reits), Alternatives. Die Einbindung von Nachhaltigkeitsstrategien im Multi-Asset-Bereich beeinträchtigt hierbei nicht die hoch entwickelten und erprobten Allokationsmechanismen. Vielmehr unterstützen sie einen holistischen Risikomanagementansatz, der neben Marktrisiken auch ESG-Risiken adressiert.So hat AllianzGI beispielsweise Ende vergangenen Jahres die Multi-Asset-Fondsfamilie Dynamic Multi Asset Strategy (DMAS) in eine SRI-Familie umgewandelt: Aus DMAS wurde DMAS SRI. Immerhin haben Anleger dieser Flaggschiff-Produktfamilie insgesamt 2,5 Mrd. Euro anvertraut. Konkret kommen im Kernportfolio, das aus globalen Aktien und Euroanleihen besteht, Ausschlussfilter zum UN Global Compact (unter anderem Menschenrechte), zu umstrittenen Waffen, Kohle und Tabak zum Tragen, hinzu kommt ein Best-in-Class-Ansatz. Für die Satellitenanlagen gilt Vergleichbares, sofern das Fondsmanagement geeignete Vehikel identifizieren kann. Mindestens 80 % des Portfolios sollen so unter Berücksichtigung von Ausschlusskriterien oder Best-in-Class-Filtern gemanagt werden. Vor dem Hintergrund der Erfolgsbilanz der DMAS-Fondspalette und der wachsenden Nachfrage nach nachhaltigen Multi-Asset-Lösungen von Seiten der Vertriebspartner und Kunden war die Umstellung auf eine SRI-Strategie ein logischer Schritt. Heute “Mainstream”All dies zeigt: In den zwanziger Jahren des 21. Jahrhunderts wird wahr, was in der zurückliegenden Dekade regelmäßig prophezeit wurde: Nachhaltige Kapitalanlage wird zur neuen Normalität, zum “Mainstream”. Endlich, mag man hinzufügen. Die Grundlage hierfür schaffen eine deutlich verbesserte Datenbasis im Hinblick auf ESG-Faktoren, eine bessere und zunehmende Marktabdeckung durch nachhaltige Anlagestrategien sowie eine Integration von ESG-Risikomanagement in den Anlageprozess. Nachhaltige Multi-Asset-Lösungen dürften so eine entscheidende Rolle dabei spielen, dass nachhaltige Anlagestrategien in der Breite zum Standard werden.—-Barbara Rupf Bee, Head of EMEA bei Allianz Global Investors