FINANZEN UND TECHNIK - IM INTERVIEW: NIKLAUS WASER, IBM

Neue Chancen durch IoT und lernende Systeme

"Innovationsökosystem" im Watson IoT Center

Neue Chancen durch IoT und lernende Systeme

Im Februar wurde von IBM das Watson IoT Center in München eröffnet. In dem globalen IoT-Hauptquartier will der US-Konzern mit Partnern und Kunden wie etwa BMW, BNP Paribas, Capgemini oder Tech Mahindra Lösungen und Geschäftsmodelle für lernende Systeme und das Internet der Dinge (IoT) entwickeln. Im Interview der Börsen-Zeitung erläutert Niklaus Waser, Vice President Watson IoT Global Ecosystem und Watson IoT Center Munich, was so ein “Innovationsökosystem” bieten kann.- Herr Waser, worauf liegt der Fokus des IBM Watson IoT Center?Der Fokus des Center liegt auf Lösungen für Industrien, die sich mit der Thematik lernende Systeme und Internet der Dinge beschäftigen. Kernbereiche sind Automotive, Consumer Electronics, Industrial Products und Manufacturing sowie die Versicherungsbranche. Aber auch jemand wie BNP Paribas hat sich hier angesiedelt, um mit uns gemeinsam an Lösungen für die Bankenbranche zu arbeiten, die ja eigentlich nicht als eine Kernindustrie im Bereich IoT gilt. Das Team hat jedoch die Möglichkeiten in den Bereichen kognitive Lösungen und IoT für das Banking-Geschäft erkannt.- Was bieten kognitive Lösungen?Kognitive Lösungen verarbeiten Daten. Und zwar nicht nur strukturierte Daten, sondern auch unstrukturierte wie Texte, Geräusche oder Bilder. Die bisherigen analytischen Modelle konnten im Wesentlichen nur strukturierte Daten nutzen. Die kognitiven, also lernenden Systeme versetzen uns nun in die Lage, auch mit unstrukturierten Daten zu arbeiten und daraus einen Mehrwert zu generieren.- Wie sieht das konkret aus?- Das sieht je nach Anwendungsfall ganz unterschiedlich aus: Zum Beispiel kann mit der Cognitive-Visual-Inspection-Anwendung ein Produktionssystem anhand von Bildern erkennen, ob ein Werkstück fehlerfrei ist oder nicht. Kognitive Systeme können auch die Sprache eines Textes analysieren und feststellen, in welchem Gemütszustand ein Mensch sich befindet. Das ist zum Beispiel ein Anwendungsfall für Kundendienstmitarbeiter etwa in der Versicherungsbranche.- Welche Rolle spielt Ihre künstliche Intelligenz Watson hierbei?Mit dem Begriff AI meinen wir eigentlich nicht Artificial Intelligence, sondern Augmented Intelligence. Unsere kognitive Lösung Watson soll den Menschen beim Treffen von Entscheidungen nicht ablösen, sondern ihn dabei unterstützen. Watson ist eine Technologie, die für einen spezifischen, konkreten Anwendungsfall implementiert wird. Es gibt also nicht einen zentralen Watson, der alles lernt, sondern verschiedene, industrie- und kundenspezifische Lösungen.- Können Sie einen Anwendungsfall als Beispiel nennen?Ein Anwendungsfall ist die Kooperation mit dem Aufzugs- und Fahrtreppenproduzenten Kone. Kone nutzt die Watson IoT Platform, um Gerätedaten und Wartungsfälle zu analysieren. So lässt sich steuern, welcher Techniker mit welchem Ersatzteil wann zu welchem Aufzug fahren sollte, um vorausschauend eine Wartung durchzuführen, ohne dass ein Schaden überhaupt auftritt.- Und in der Fertigung?Nehmen wir zum Beispiel die Herstellung von Zylinderköpfen für Aukönnen keine Sensoren integriert werden. Aber es gibt viele Umweltdaten wie Luftfeuchtigkeit, die Zusammensetzung der Gussmasse, Temperaturen oder Abkühlgeschwindigkeiten, die einzeln betrachtet vielleicht unauffällig sind, aber in der Kombination Auffälligkeiten zeigen können. So konnten wir bei einem Hersteller die Ausschussquote drastisch reduzieren und dem Unternehmen sehr viel Geld sparen, indem wir direkt nach dem Gießprozess erkennen konnten, ob die Wahrscheinlichkeit zu hoch ist, dass ein Zylinderkopf in einer Charge fehlerhaft ist.- Welche neuen Geschäftsfelder bietet das in der Kombination mit dem Internet der Dinge?Das ist für uns eine zentrale Frage. Wir haben drei Fokusbereiche: Operation Efficiency, Kundenerlebnis und neue Geschäftsbereiche. Operation Efficiency beschäftigt sich mit der Frage: Wie kann ein Unternehmen bei gleichem Ressourceneinsatz effizienter arbeiten, also etwa wenn man die gleiche Fläche zur Verfügung hat, die gleichen Anlagen, aber mehr oder günstiger Outcome produzieren möchte?- Zum Beispiel gibt es einen Hafen in Südamerika, der jedes Jahr 40 Millionen Tonnen Güter umschlägt. Wie kann so ein Hafen mit seinen gegebenen Infrastrukturen mehr Güter umschlagen? Mithilfe von kognitiven Lösungen und vernetzten Geräten kann man einem Gabelstapler, Kran oder dem Handscan-Gerät mitteilen, wo gerade Bedarf ist. Und indem man so Prozesse je nach Situation optimiert, kann dieser Hafen ohne signifikante Eingriffe in seine Infrastruktur mehr Güter umschlagen.- Und der zweite Fokusbereich?Da geht es um die Frage: Wie kann ich mit unseren Kunden erreichen, dass deren Kunden das bekommen, was sie benötigen? Hierfür braucht man Informationen über den Einsatzfall eines Produktes oder eines Service. Dann kann man auch die eigentliche Nutzung optimieren.- Worum geht es im dritten Bereich, den neuen Geschäftsmodellen?Nehmen wir das Beispiel Carsharing. Vor 30 Jahren wäre so etwas gar nicht möglich gewesen, weil viele Informationen nicht zugänglich waren: Wo befindet sich das Auto? Wie viele Kilometer wurden gefahren? Wie viel Kraftstoff ist noch im Tank? Durch die Vernetzung der Autos und mithilfe kognitiver Lösungen können diese Fragen heute beantwortet werden. Also können sich Automobilhersteller etwa mit Car2Go neue Geschäftsmodelle und neue Käufergruppen erschließen.- Im Zusammenhang mit Ihrem Center ist immer wieder von einem Innovationsökosystem die Rede. Wie sieht das aus?Im Watson IoT Center versuchen wir, Parteien zusammenzubringen, die auf Basis unserer Technologie neue Lösungen erarbeiten. Dafür haben wir auch sogenannte “Collaboratories” eingerichtet.- Wie soll man sich das vorstellen?Wir stellen hier ein Kernteam aus Mitarbeitern der Kunden und von IBM zusammen. Dieses Team zieht je nach Erfordernis innerhalb des Ökosystems andere Kompetenzen oder Partner hinzu. Dieses Modell ermöglicht den stetigen Austausch zwischen allen Partnern und Kunden.- Sind auch Start-ups dabei?Ja, denn einer unserer Partner ist UnternehmerTUM, die das Entwickeln und Aufbauen von Start-ups zum Ziel haben. Gemeinsam betreiben wir einen Incubator Space, in dem wir permanent wechselnd Jungunternehmen unterbringen. Aber auch etablierten Konzernen bietet UnternehmerTUM einiges.- Was zum Beispiel?Gemeinsam betreiben wir eine “Digital Product School” für Mitarbeiter von Firmen, die für drei Monate hierher geschickt werden. Dabei handelt es sich um Produktmanager, Softwareentwickler, Digitaldesigner und KI-Spezialisten, die hier erfahren, wie man agile Methoden in ihren Produktentwicklungsprozessen anwendet, um die Bedürfnisse der Kunden noch besser zu bedienen. So wie das Motto des Programms sagt: “Act like a startup, scale like an enterprise.”—-Das Interview führte Franz Công Bùi.