LEITARTIKEL

Retail-Experiment

Vor rund drei Monaten hat die Deutsche Bank den Startschuss für eines der spannendsten Experimente im europäischen Retail Banking gegeben: Deutschlands größtes Kreditinstitut integriert seine Tochter Deutsche Postbank nach missglückten...

Retail-Experiment

Vor rund drei Monaten hat die Deutsche Bank den Startschuss für eines der spannendsten Experimente im europäischen Retail Banking gegeben: Deutschlands größtes Kreditinstitut integriert seine Tochter Deutsche Postbank nach missglückten Verkaufsbemühungen nun doch. Spannend ist das Vorhaben, weil die Bank damit gleich zwei Wetten wagt – auf die Management-Kompetenz von Privatkundenvorstand Christian Sewing und auf das Wohlwollen der Aufsicht. Vom Erfolg der Integration wird abhängen, ob die Bank bis 2022 wie geplant das Ergebnis ihrer Privat- und Firmenkundenbank um 900 Mill. Euro verbessern kann.Einen detaillierten Plan für den Zusammenschluss wollen Deutsche Bank und Postbank im Laufe des Jahres vorstellen. In den vergangenen Wochen einigte man sich darauf, “gemeinsame Quick Wins anzugehen, etwa im gemeinsamen Einkauf oder bei der Vermittlung von Neugeschäft”, wie Sewing und Postbank-Chef Frank Strauß jüngst den Mitarbeitern erklärt haben. Erst ab 2020 wird es darum gehen, Stellen abzubauen, um die Kosten zu senken. 1 Mrd. Euro hat die Bank allein für Restrukturierungen und Abfindungen vorgemerkt.Bis dahin muss Sewing die Leute bei Laune halten. Will sich der stellvertretende Vorstandschef der Deutschen Bank für nochmals höhere Aufgaben empfehlen, muss die Postbank-Integration sein Meisterstück werden. Dabei muss der intern auch wegen seiner Arbeitswut hoch geachtete Manager jenen Kräften im Deutsche-Bank-Konzern sowie in der Postbank entgegenwirken, die nach dem Kauf des Bonner Instituts 2010 schon einmal dafür sorgten, dass eine Integration scheiterte. Neben den Fähigkeiten von Sewings Team wird aber auch die Aufsicht darüber entscheiden, ob sich der 6,5 Mrd. Euro teure Zukauf, in dessen Ausgliederung die Bank ab April 2015 rund 200 Mill. Euro steckte, um für die neuerliche Integration nun nochmals 1,9 Mrd. Euro lockerzumachen, für das Institut je auszahlen wird. Da liegt der Hase zweifach im Pfeffer: So muss sich die Aufsicht zum einen bei der Verwendung der Postbank-Einlagen deutlich beweglicher zeigen als noch vor wenigen Jahren, als die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) es dem Institut zu dessen Überraschung untersagte, die Depositen im großen Stil zur Refinanzierung seiner Kapitalmarktaktivitäten zu nutzen. Zwar hieß es in der Bank vor Monaten, entsprechende Gespräche mit der Aufsicht verliefen sehr ermutigend. Das erste Mal wäre des allerdings nicht, dass der Austausch mit den Behörden wider Erwarten eine für die Bank unerfreuliche Wendung nimmt. Und dann hat die Bank ja noch das Trennbankengesetz zu beachten, das der Bundestag als deutsche Besonderheit schon im August 2013 in vorauseilendem Gehorsam in Kraft treten ließ, während das entsprechende Regelwerk auf europäischer Ebene vermutlich noch bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag vor sich hindämmern wird.Auf Entgegenkommen der Aufsicht ist die Bank auch angewiesen, was ihre Struktur und die Frage aufsichtsrechtlicher Befreiungen angeht. Sewing und Strauß wollen “mittelfristig eine Bereinigung der Gesellschaftsstrukturen vornehmen”, wie sie die Mitarbeiter haben wissen lassen. Das verwundert kaum: Mit dem Konzern, der Postbank und der Privat- und Geschäftskunden AG zählt das Haus gleich drei Apparate, die je über einen eigenen Vorstand verfügen und in rauen Mengen Berichte für die Aufseher produzieren. Was Synergien angeht, wäre es ideal, Postbank und Privat- und Geschäftskunden AG im Konzern aufzulösen. Die Aufseher werden sich gut überlegen, ob sie sich darauf einlassen. Schließlich entsteht mit der Postbank-Integration laut Deutscher Bank die “mit Abstand größte Privat- und Firmenkundenbank in Deutschland” mit “mehr als 20 Millionen Kunden in Europas größter Volkswirtschaft” – und nicht zu knapper Systemrelevanz. Sollte die Bank jemals wieder in Turbulenzen geraten wie im vergangenen Herbst, wird sich kein Aufseher nachsagen lassen wollen, er habe es zugelassen, dass die Behörden nur mehr mittelbar Zugriff aufs Privatkundengeschäft hatten.Andererseits ist der erste Verhandlungspartner für die Bank nicht mehr die BaFin, sondern die Europäische Zentralbank, deren Exponenten schon geraume Zeit barmen, dass sich die von ihnen ersehnten grenzüberschreitenden Bankenfusionen partout nicht einstellen wollen. Sollten sie dann einem Spieler, der nur auf nationaler Ebene eine gewichtige Integration plant, Steine in den Weg legen? Vor diesem Hintergrund ist dem Retail-Experiment der Deutschen Bank europaweit die Aufmerksamkeit des Marktes sicher.——–Von Bernd NeubacherMit der Integration der Postbank wagt die Deutsche Bank gleich zwei Wetten: auf die Fähigkeit von Vorstandsmitglied Sewing und auf das Wohlwollen der Aufsicht.——-