LEITARTIKEL

Stresstest für Bankenaufseher

Da hatten sich die Bankenaufseher dieser Welt mit ihren Reformen nach der Finanzkrise noch bis 2027 Zeit lassen wollen - schon hat sie mit Covid-19 die nächste Krise eingeholt. Den endgültigen Abschluss der Kapitalregeln von Basel III haben sie...

Stresstest für Bankenaufseher

Da hatten sich die Bankenaufseher dieser Welt mit ihren Reformen nach der Finanzkrise noch bis 2027 Zeit lassen wollen – schon hat sie mit Covid-19 die nächste Krise eingeholt. Den endgültigen Abschluss der Kapitalregeln von Basel III haben sie deshalb bereits schon einmal um ein Jahr auf nun 2028 verschoben: Vor dem Unbekannten, das der Kreditwirtschaft jetzt droht, ist die Frage verblasst, wie die Institute ihre Kapitalbasis grundsätzlich verbessern sollen. Immerhin hat sich die globale Aufseherrunde in der Krise handlungsfähig gezeigt, was in Zeiten von zunehmendem Unilateralismus durchaus nicht selbstverständlich erscheint. Dies tut auch dringend not. Denn Aufsicht und Regulierung steht in den kommenden Monaten ein Stresstest bevor. Ende 2018 noch hatte sich die Bundesregierung per Gutachten bescheinigen lassen, dass die nach der Finanzkrise ergriffenen Regulierungsmaßnahmen wirksam gewesen seien. Die Frage ist nun, ob das System auch gegen Corona gewappnet ist. Im Vergleich zur Politik auf EU- und Bundesebene, die flugs ihre Regeln zur Verschuldung über Bord geworfen hat, agieren Aufseher und Regulierer in Europa noch recht moderat. Sie verschieben Verschärfungen, weisen auf Spielräume innerhalb bestehender Normen hin und reduzieren Aufwand der Institute im Tagesgeschäft. Am weitesten ging bisher ihre Aufforderung zu einem Dividendenverzicht der Banken. Die mag man als Eingriff in Aktionärsrechte anprangern – rechtsverbindlich ist der Appell allerdings nicht und letztlich nur ein Spiegelbild der Erleichterungen, die in den Banken Ressourcen mobilisieren sollen, um die Verluste der kommenden Monate abzufedern und die Kreditversorgung sicherzustellen. Ohnedies müssen Regulierer und Aufseher nun eine delikate Balance halten: die Kreditwirtschaft so eng genug führen, dass sie die Finanzierung der Realwirtschaft sicherstellt, ohne sie zugleich übermäßig zu sanktionieren in einer Krise, die diesmal nicht aus der Finanz- auf die Realwirtschaft übergeschwappt ist, sondern den umgekehrten Weg nimmt.Vor allem auf den Erhalt der Finanzierungsfunktion kommt es an. Liquidität haben die Institute momentan dank der viel gescholtenen Geldpolitik zuhauf. Heiß wird es aber, wenn die großen Ratingagenturen, deren Bedeutung für das System die Regulierer nach der Finanzkrise eigentlich hatten zurückdrängen wollen, nun auf breiter Front Unternehmen in den spekulativen Bereich herabstufen. Dann klettert der Eigenkapitalbedarf der Banken, noch bevor diese nur eine einzige Forderung zusätzlich ausgereicht haben, um einem im Grunde soliden Schuldner über die Krise hinwegzuhelfen. Einige Wochen lang werden die Häuser von ihren in den vergangenen Jahren aufgebauten Reserven zehren können. Liegt die Wirtschaft aber monatelang danieder, müssen andere Optionen auf den Tisch kommen, von denen eine befristete Senkung der Mindestkapitalanforderungen noch eine der schonendsten wäre. So weit ist es noch nicht.Unklar ist aber auch, in welchem Maße Auslandsbanken vor allem aus den USA dem deutschen Markt die Stange halten werden: Zwar zählen die Aufseher die jeweiligen Europa-Töchter zu den stabilsten in der gesamten Eurozone. Die Risikoaufschläge am Markt für Kreditderivate legen indes nahe, dass der Markt diese Einschätzung mit Blick auf die global aktiven Mutterhäuser nicht unbedingt teilt. Nun droht es sich zu rächen, dass die Politik das Vorhaben einer Kapitalmarktunion in Europa seit Jahren auf der langen Bank hat verkümmern lassen. Denn das Letzte, was Europa nun braucht, ist eine Fragmentierung des Marktes wie in der Finanzkrise. Dass die Aufsicht angesichts dieser Unwägbarkeiten, in der Hoffnung auf einen günstigen Verlauf der Krise, noch Pulver trocken hält, verwundert kaum. Im günstigsten Fall wird die Krise im Sektor eine Konsolidierung nach sich ziehen, welche die Aufseher ohnehin seit langem fordern. Im ungünstigsten Fall hingegen werden nicht mehr Aufseher, sondern Politiker den Ton angeben – nolens volens mit neuerlichen Stützungen im Sektor. Die EU-Bankenabwicklungsbehörde SRB mag Pläne auch für große Fälle in der Schublade haben, im Zweifel aber nicht gegen die Politik angehen können. Wie Banken, die in der Krise nicht jeden Schuldner stützen, wird die Politik dann unterscheiden müssen zwischen Banken, die unverzichtbar sind, und jenen, die aus einem ohnehin überbesetzten Markt ausscheiden können. Man dachte einmal, man wäre schon weiter. Die Krise legt auch diese Schwachstelle offen.——Von Bernd NeubacherDie Coronakrise legt Schwachstellen in der Bankenregulierung offen. Für Aufsicht und Politik werden die kommenden Monate heikel.——