LEITARTIKEL

Testierter Betrug

Der Fall Wirecard ist ein schwerer Reputationsschaden für EY. Wie in allen Bilanzskandalen steht der Abschlussprüfer in vorderster Reihe am Pranger. In der aufgeheizten Debatte über den mutmaßlich größten Betrugsfall hierzulande sind die Prüfer im...

Testierter Betrug

Der Fall Wirecard ist ein schwerer Reputationsschaden für EY. Wie in allen Bilanzskandalen steht der Abschlussprüfer in vorderster Reihe am Pranger. In der aufgeheizten Debatte über den mutmaßlich größten Betrugsfall hierzulande sind die Prüfer im Dilemma, dass sie hinter den Kulissen bleiben müssen und gesetzlich zur Verschwiegenheit verpflichtet sind. EY hat immerhin selbst die Reißleine gezogen und mit Hinweis auf Betrugsverdacht das Testat verweigert, womöglich zu spät.In den Klagen von Anlegern steht ebenfalls der Prüfer im Scheinwerferlicht – auch weil man bei ihm mehr finanzielle Substanz für Schadenersatzzahlungen vermuten darf als bei den beschuldigten Vorständen und Aufsichtsräten. Die Verantwortlichkeit der Beteiligten wird in langwierigen Rechtsverfahren zu prüfen und hoffentlich aufzudecken sein. Die Aufarbeitung wird schwierig werden, spielt sich doch die Affäre vor allem in Südostasien ab. Die Komplexität ist hoch: EY spricht von Hinweisen auf einen umfassenden Betrug, an dem mehrere Parteien weltweit beteiligt waren. Noch nicht bewiesen ist, wie lange mutmaßlich getäuscht wurde und wie oft EY womöglich in vergangenen Jahren in Unkenntnis Betrug testiert hat.Die Prüferbranche ist seit langem bestrebt, das Image der Hakelmacher abzulegen. Bilanzskandale wie Enron und Worldcom oder hierzulande Flowtex und Comroad haben den Berufsstand wie das gesamte Governance-System wachgerüttelt. Dabei geht es ums Renommee, aber auch um die Abwehr weiterer Konzentration im Prüferoligopol. Es gilt zu verhindern, dass noch einmal eine Gesellschaft vom Markt gefegt wird, so wie damals der global größte Wirtschaftsprüfer Arthur Andersen nach Pflichtverletzungen bei Enron. Noch weniger Wettbewerb wäre ein Desaster für die Märkte.Die Abschlussprüfer sind aufgerufen, mit kritischer Grundhaltung an ihre Arbeit zu gehen. Das fängt mit dem Urteil an, ob der Ferrari des CEO zur Höhe der Gewinnmarge passt und hört nicht damit auf, Tochtergesellschaften in Finanzoasen in Augenschein zu nehmen – vor allem, wenn dort ein Großteil des Geschäfts generiert wird. Gleichwohl ist der Prüfer von Rechts wegen nicht der Staatsanwalt im Hause des Mandanten. Seine Aufgabe ist es, festzustellen, ob die Bilanzierung den maßgeblichen Rechnungslegungsnormen entspricht. Dabei kann und muss er bei aller Alarmbereitschaft nicht jede Salden- oder Kontenbestätigung auf Fälschung überprüfen, muss aber Ungereimtheiten nachgehen und speziell Risiken im Geschäftsmodell ausreichend Aufmerksamkeit schenken. Das alles dürfte in der komplexen Konzernstruktur von Wirecard nicht leicht gefallen sein. Doch EY ist seit 2009 an Bord und sollte genügend Zeit gehabt haben, die Aktivitäten des Zahlungsdienstleisters zu durchdringen. Insofern ist es für Außenstehende unerklärlich, dass der Prüfer von den mutmaßlich kriminellen Machenschaften bis 2019 nichts bemerkt haben will.Man darf annehmen, dass EY Zeitung liest. Insofern ist davon auszugehen, dass der Prüfer alles versucht hat, um nach Medienberichten über Luftbuchungen nicht in die Haftung zu kommen. Die Absicherung ist in neun Seiten Bestätigungsvermerk zum Wirecard-Abschluss 2018 abzulesen – länger als der Bericht des Aufsichtsrats. Mit den Reformen nach der Finanzkrise 2008 ist das formelhafte Einheitstestat abgeschafft worden, der Abschlussprüfer muss sein Urteil über die bedeutsamsten Risiken darstellen. So geht EY detailliert auf die Untersuchung von unterstellten Scheingeschäften ein und hebt den Einsatz eigener forensischer Fachleute hervor. Im Fazit wird der Adressat des Abschlusses gewarnt, dass eine ordnungsgemäße Prüfung nicht garantiert, dass Verstöße stets aufgedeckt werden. Der Investor kann sich nicht auf das Testat allein verlassen, er muss die Corporate Governance in Gänze betrachten – und die war bei Wirecard einen sehr strengen Blick wert.In Aufarbeitung der Finanzkrise ist die Regulierung der Prüfer erneut in Gang gekommen – mit Beschränkung von Beratungsleistungen, Pflichtrotation, unabhängiger Berufsaufsicht und dem Appell, intensiv mit den Aufsichtsräten ins Gespräch zu gehen. Dass es damit nicht getan ist, zeigten zuletzt schon die Diskussionen in Großbritannien. Nach der Pleite des Baukonzerns Carillion bescheinigte die britische Marktaufsicht der Zunft erhebliche Qualitätsmängel und forderte einschneidende Eingriffe, um die Marktmacht der vier großen internationalen Wirtschaftsprüfer aufzubrechen. Der Fall Wirecard wird diesen Prozess beschleunigen.——Von Sabine WadewitzIm Fall Wirecard steht der Abschlussprüfer in vorderster Reihe am Pranger. Der Bilanzskandal wird die Regulierung anheizen.——