Trommler in neuer Mission
Trommler in neuer Mission
Der ehemalige Vizekanzler und FDP-Chef Philipp Rösler wirbt für den ESG-Datendienst Arabesque. Wahlkampf-Rhetorik prägt seinen Auftritt.Von Jan SchraderDer Vermögensverwalter und Datendienst Arabesque, so sagt Philipp Rösler, ist mit tollen Leuten besetzt. Der Gründer und Chef Omar Selim, der als Manager der Großbank Barclays zu Wohlstand gekommen sei, wolle nun ein Stück dazu beitragen, “die Welt zu verändern, die Welt zu verbessern”. Der Aufsichtsratschef Georg Kell, der für die Vereinten Nationen Initiativen zur nachhaltigen Kapitalanlage mit angeschoben hat, habe das Kürzel ESG erfunden, also den Dreiklang aus Umwelt (Environment), Sozialem (Social) und Unternehmensführung (Governance). Diese und andere Köpfe der britischen Gesellschaft, die in Frankfurt mit der Tochter Arabesque S-Ray vertreten ist, seien auf einer Mission unterwegs, erklärte der ehemalige Vizekanzler und FDP-Chef unlängst auf dem Fondskongress in Mannheim, einem wichtigen Branchentreffen. “Aber gleichzeitig machen die das nicht so esoterisch und abgehoben und abgedreht und auch nicht hysterisch, sondern allein aufgrund von Daten und Fakten und Zahlen.” Einst war Rösler ein hochrangiger Politiker: Bundesgesundheitsminister von 2009 bis 2011, Bundeswirtschaftsminister, Vizekanzler und FDP-Parteivorsitzender von 2011 bis 2013. So rasch, wie der heute 47-Jährige in jungen Jahren in der Politik aufgestiegen war, so rasch schied er auch wieder aus, als die FDP bei der Bundestagswahl 2013 knapp an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert war. Für den liberalen Politiker war das “die bitterste Niederlage” auch für ihn persönlich, wie er damals erklärte. Heute zeigt sich Rösler selbstironisch. Er sei einmal “ein bisschen in der Politik unterwegs” gewesen, sagt er auf der Bühne in Mannheim. Nach dem bisschen Politik wurde es ruhig um Rösler, obwohl er weiterhin aktiv blieb. 2014 rückte er in den Vorstand des Weltwirtschaftsforums auf und knüpfte Kontakte zu verschiedenen Politikern. Dubios blieb seine Rolle für den chinesischen Mischkonzern HNA, für den er 2017 eine nahestehende Stiftung führte, ehe er 2019 unter Angabe von familiären Gründen ausstieg. Heute führt er einige Aufsichtsratsmandate, darunter für Arabesque Partners. Röslers Mission in Mannheim: Für die Gesellschaft werben. Das zugehörige Datenhaus S-Ray, an dem der Allianz-Konzern, die Fondsgesellschaften DWS und Commerz Real sowie das Land Hessen beteiligt sind, verbinde zwei Trends der Gegenwart: Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Die Gesellschaft stellt Bewertungsergebnisse zu rund 7 000 Unternehmen bereit. Auf einer Punkteskala kann dort jeder einsehen, wie die Firmen aus Sicht der Analysten in puncto Menschenrechte, Arbeitsrechte, Umwelt und Korruptionsprävention abschneiden und in welchen umstrittenen Geschäftsfeldern sie aktiv sind. Damit schaffe Arabesque “viel mehr Transparenz in der gesamten Wertschöpfungskette”, so Rösler.Darin sieht er eine “urliberale Idee”. Denn das Offenlegen von Daten erlaube es Investoren, selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen. “Diejenigen, die investieren, entscheiden, ob nachhaltige Geschäftsmodelle Erfolg haben werden.” Langfristig seien nachhaltig ausgerichtete Firmen immer erfolgreicher, was sich in der Kursentwicklung niederschlage, sagt er. Motto: “Doing well and doing good”, also etwas gut umsetzen und Gutes dabei tun. Ein Wandel der Unternehmen soll aber offenbar nicht vom Staat ausgehen. “Mir ist lieber, die Menschen entscheiden, als wenn dann irgendeine Regierung kommt und meint dann zu entscheiden, was gut für uns ist und was nicht.” Parteipolitik hat seine Rhetorik geprägt. Die Macht der EmotionenIn der Politik fiel Rösler nicht als Umweltschützer auf: Als Wirtschaftsminister geriet er mit dem damaligen CDU-Umweltminister Norbert Röttgen wegen der Förderung von erneuerbaren Energien in Konflikt. Nachdem die Bundesregierung 2011 nach dem Reaktorunfall im japanischen Fukushima eine Kehrtwende in der Atompolitik vollzog, sprach sich Rösler auch für neue Gas- und Kohlekraftwerke aus, um die Lücke nach dem Abschalten von Kernkraftwerken zu schließen. Auf Kritik stieß auch die Energieeffizienzkennzeichnung für Autos, die den Kohlenstoffdioxid-Ausstoß ins Verhältnis zum Fahrzeuggewicht setzt. Somit kamen auch große Autos als umweltfreundlich daher. Heute sagt Rösler, dass der Begriff der Nachhaltigkeit ursprünglich kein politischer Begriff gewesen sei, sondern in der Wirtschaft eine lange Tradition habe und aus der Forstwirtschaft entlehnt sei. Auf die Politik blickt Rösler heute verärgert zurück: “Anders als zu meiner Zeit spielen Emotionen eine immer stärkere Rolle in Politik und Gesellschaft”, sagt er. “Sie können eigentlich völlig fernab von Daten und Fakten, frei von jedem Sachverstand eine Behauptung aufstellen.” Ein Beispiel seien die “dummen und falschen” Aussagen des US-Präsidenten Donald Trump, der vorgebe, die US-Wirtschaft mit Zöllen zu schützen. Unternehmen wiederum reagierten sachlich und auf Grundlage von Tatsachen. Die moderne Informationstechnologie sei dabei entscheidend. “Daten sind das Erdöl des 21. Jahrhundert.” Ungewöhnlich war Röslers Aufstieg in jungen Jahren, nicht aber seine Karriere nach dem Abgang: Ehemalige Politiker wenden sich regelmäßig der Wirtschaft zu. Altkanzler Gerhard Schröder, der jeweils an die Spitze des Aufsichtsrats der Betreibergesellschaft der Ostseepipeline sowie des russischen Ölkonzerns Rosneft gerückt war, und der ehemalige SPD-Chef und Bundesminister Sigmar Gabriel, der in das Kontrollgremium der Deutschen Bank einzieht, sind dafür nur die prominentesten Beispiele. Auch die FDP-Riege aus Röslers Zeit zog es teils in die Wirtschaft: Der ehemalige Gesundheitsminister Daniel Bahr rückte in den Vorstand der privaten Krankenversicherungssparte der Allianz, der ehemalige Entwicklungsminister Dirk Niebel wechselte als Berater zum Rüstungsunternehmen und Automobilzulieferer Rheinmetall. Neben seiner Rolle für Arabesque ist Rösler derweil auch Aufsichtsratsmitglied der börsennotierten Siemens-Tochter Healthineers und der Bremer Privathochschule Jacobs University. Außerdem zog er ins Kuratorium der Bertelsmann-Stiftung ein.Eine seiner beiden Zwillingstöchter wendet sich derweil dem Klimaaktivismus zu und lief bei den Schülerprotesten “Fridays for Future” mit, wie Rösler dem Publikum erzählt. In so jungen Jahren wie seine elfjährige Tochter sei er noch nicht politisch aktiv gewesen. Die junge Generation sei idealistisch und strebe nicht nur nach Geld. Als Vater stehe er hinter dem Engagement seiner Tochter, “solange sie nicht auf die schiefe Bahn gerät und am Ende grün wählt”, scherzt er. Den Graben der Parteipolitik hat Rösler noch nicht verlassen.—- 36 Jahre alt war Philipp Rösler, als er im Oktober 2009 überraschend zum Bundesgesundheitsminister ernannt wurde. Damit war er zunächst das jüngste Kabinettsmitglied, bis wenige Wochen später die CDU-Politikern Kristina Schröder im Alter von nur 32 Jahren als Bundesfamilienministerin hinzukam. Auch die heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel war noch jung, als sie erstmals einer Bundesregierung angehörte: Auch sie war 36 Jahre alt, als sie 1991 als Bundesministerin für Frauen und Jugend in das Kabinett des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl einzog.