Überraschungen der kommenden Dekade meistern
Überraschungen der kommenden Dekade meistern
Der 1. Januar 2020 markierte nicht nur einen Jahreswechsel, sondern den Aufbruch in eine neue Dekade. So stellt sich die Frage, welche Trends wohl die kommenden Jahre prägen werden. Politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich ist vieles im Umbruch. Selten zuvor wurden die Menschen mit so vielfältigem Wandel in so kurzer Zeit konfrontiert. Dabei mag der Rückblick auf die letzten Dekaden helfen, die Chancen und Herausforderungen des neuen Jahrzehnts zu verstehen. Jedoch sollte man stets das geflügelte Wort “Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen”, im Auge behalten.Wer hätte Anfang der 1980er Jahre gedacht, dass am Ende des Jahrzehnts der Kalte Krieg beendet sein und der Kommunismus in Trümmern liegen würde? Die 1980er Jahre waren bei allen damaligen Ängsten dabei ein hervorragendes Jahrzehnt an den Börsen, in dem sich der MSCI Welt mehr als verdreifachte. Nach dem Ende des Kalten Kriegs schien klar zu sein, dass sich das westliche Gesellschaftssystem marktwirtschaftlicher Prägung verbunden mit einer demokratischen, auf Privateigentum basierenden Gesellschaft weltweit durchsetzen würde. Die Globalisierung erhielt einen großen Schub und die Ausbreitung des Internets beschleunigte diese Entwicklung. Und trotz Russland- und Asienkrise kletterten die Kurse gegen Ende der 1990er Jahre massiv nach oben und der MSCI Welt stieg nochmals um deutlich mehr als das Doppelte.Umso so ernüchternder begann das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Das Platzen der Dotcom-Blase begleitet vom Terroranschlag am 11. September 2001 erschütterten das Vertrauen in globalpolitisch befriedete Verhältnisse und die Kapitalmärkte. Die nächste, noch größere Erschütterung durch die Subprimekrise und dem Fall von Lehman Brothers brachte das globale Finanzsystem ins Wanken. Und obwohl der MSCI Welt über die gesamten 2000er Jahre gesehen rund 10 % nachgab, gab es innerhalb des Jahrzehnts von 2003 bis 2007 eine Hausse. Als dann das letzte Jahrzehnt begann, hatte die Rettung des Bankensystems in Europa zu einer Staatsschuldenkrise geführt. Die Notenbanken reagierten mit massiven Zinssenkungen, die die Kapitalmärkte befeuerten. So verdoppelte sich der MSCI Welt bis Ende 2019 ein weiteres Mal. 4G bestimmen 2020er JahreEs zeigt sich also, dass jedes Jahrzehnt seine eigenen Überraschungen bereithält, die sich schwerlich prognostizieren lassen. Fest steht jedoch, dass wir mit dem Übergang in die 2020er Jahre weiterhin vor großen Herausforderungen stehen werden. Und dies gilt nicht nur auf der gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Ebene, sondern auch für die gesamte Finanzdienstleistungsbranche. Es sind vor allem die anhaltende Regulierung durch den Gesetzgeber, der Niedrigzins beziehungsweise Strafzins der Notenbank, der die Geschäftsmodelle der Banken, aber auch Versicherer und Bausparkassen unter enormen Druck setzt. Hinzu kommt, dass durch die Digitalisierung Fintechs wie Pilze aus dem Boden geschossen sind und versuchen, die Wertschöpfungskette der Banken zu ergänzen.Deutlich erfreulicher verläuft bislang hingegen die Entwicklung der Assetmanagement-Branche. Der offene Investmentfonds mit seinen diversen Vorzügen, fungibel und insolvenzgeschützt in verschiedenste Anlageklassen investieren zu können, gewinnt seit Jahren zunehmend an Beliebtheit bei den Anlegern – institutionellen wie privaten. Dem BVI zufolge erhöhte sich das verwaltete Vermögen der im deutschen Verband registrierten Fondsgesellschaften in den 2010er Jahren um 1 Bill. Euro. Allein Union Investment hat den Bestand in diesem Zeitraum um rund 200 Mrd. Euro steigern können. Insgesamt erhöhte sich das vom BVI ausgewiesene Vermögen um 68 %, während das von Union Investment sogar um 108 % zulegte. Dennoch herrscht auch in der Assetmanagement-Branche nicht nur eitel Sonnenschein. Schon seit Jahren weisen Unternehmensberatungen wie McKinsey darauf hin, dass weltweit zwar das Wachstum der verwalteten Fondsvermögen weiter steigt, jedoch zugleich die Gewinne schrumpfen.Wie sehen also die Rahmenbedingungen zu Beginn der neuen Dekade aus, und was lässt sich für Assetmanager daraus ableiten? Ich beschreibe diese Bedingungen mit “4G”: Geopolitik, globale Konjunktur, Geldpolitik und Green Deal. In der Geopolitik ist die Phase der Friedensdividende nach der Beendigung des Kalten Kriegs längst vorbei. Multilaterale Abkommen verlieren an Bedeutung, nationale Interessen stehen wieder stärker im Vordergrund. Zwischen den USA und China ist ein hegemonialer Machtkampf entbrannt. Der Handelskonflikt zwischen beiden Staaten ist dabei nur ein Ausdruck des Kampfes um die globale Vormachtstellung. Die zwischenzeitliche Befriedung des Konflikts beruhigt einerseits die Märkte und kommt beiden Parteien derzeit taktisch entgegen.Man darf jedoch davon ausgehen, dass sich zukünftig Phasen der Beruhigung mit Phasen erneuter Eskalation abwechseln werden. Dies wird die Volatilität an den Märkten verstärken, womit wir bei der globalen Konjunktur sind. Die zunehmenden Handelsstreitigkeiten zwischen den großen Wirtschaftsregionen verunsichern naturgemäß Unternehmen, so dass sich das Investitionsklima eintrübt. Der globale Wachstumspfad wird wohl intakt bleiben, wenn auch in abgeschwächter Form. Zusätzliche exogene Faktoren wie das sich derzeit epidemisch ausbreitende Coronavirus können solche Trends verstärken.In der Geldpolitik hat die langanhaltende Phase der Niedrigzinsen für konjunkturelle Unterstützung und Entspannung an den Kapitalmärkten gesorgt. Es ist fraglich, ob dies ewig funktionieren kann. Deshalb dürften Zentralbanken mit weiteren Zinssenkungen eher vorsichtig sein. Damit bleibt die Herausforderung des zementierten Niedrigzinses für Zinssparer auch in der nächsten Dekade erhalten. Niedrigzinsen taten bislang nicht allzu weh, aber Minuszinsen tun dies schon. Kognitives Verstehen ist für den Anleger etwas anderes, als es wirklich zu erleben. Fondssparplan neues SparbuchSo denken auch immer mehr Menschen neu über das Sparen nach. Inzwischen halten es 49 % der Bundesbürger für sinnvoll, zumindest einen kleinen Teil ihres Geldes auch in chancenreichen Anlagen zu sparen. Vor fünf Jahren waren es erst 32 %. Und dieser Trend dürfte sich weiter fortsetzen. Dies bedeutet für die Fondsindustrie enorme Chancen, denn für viele Menschen wird so der Fondssparplan zum neuen Sparbuch.Beim Green Deal geht es um nicht weniger als die Transformation der Wirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit, um die ehrgeizigen Ziele der CO2-Neutralität in Europa bis spätestens 2050 zu erreichen. Die Verzahnung von Ökonomie und Ökologie wird dabei notwendiger denn je. Das Thema der nachhaltigen Transformation der Wirtschaft bestimmt schon heute vielfach die Schlagzeilen und die politische Diskussion ebenso wie die breite Öffentlichkeit. Sie wird die nächste Dekade maßgeblich prägen, auch in der Geldanlage. Dabei sind zwei Dimensionen für Assetmanager entscheidend: die Haltung der Anleger und unsere Verantwortung als Investor. Ökologie braucht FinanzierungFondsgesellschaften sind Treuhänder und handeln im Auftrag ihrer Kunden. Insofern ist Nachhaltigkeit kein Selbstzweck, sondern eine Lösung, die sich aus dem Bedarf der Anleger ableitet – und das nicht erst seit gestern. Klar wird das am Beispiel der genossenschaftlichen Kirchenbanken und ihrer Sparer, deren Gelder wir seit 30 Jahren nach nachhaltigen Kriterien anlegen. Während sich das Interesse an nachhaltigen Anlagen lange vor allem in diesem Bereich und bei institutionellen Kunden zeigte, ist die Nachfrage im vergangenen Jahr auch bei privaten Sparern angesprungen.Uns ist dabei in der Beratung wichtig, die Bedarfsermittlung und die Anlageziele weiter in den Mittelpunkt zu stellen. Denn als Treuhänder haben wir in erster Linie den Auftrag, die Kundengelder zu erhalten und zu mehren. Hinzu kommt die zweite Dimension, unsere Verantwortung als Investor. Ein Blick auf das große Vorhaben der Transformation der Wirtschaft offenbart: Ökonomie braucht Nachhaltigkeit, und Ökologie braucht Finanzierung. Des Weiteren müssen jedoch auch die Renditen erwirtschaftet werden, um das Altersvorsorgesystem privat zu stützen und Kapital für große Infrastrukturprojekte bereitzustellen.Fest steht in jedem Fall: Vor uns liegen große Gemeinschaftsaufgaben, die der Unterstützung vieler bedürfen. Assetmanager können in ihrer Rolle als Intermediär hierzu wertvolle Beiträge leisten. Damit sollten sich auch die Überraschungen der kommenden Dekade meistern lassen. Hans Joachim Reinke, Vorstandsvorsitzender von Union Investment