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Überraschungscoup des Gentleman-Bankers

Von Gerhard Bläske, Mailand Börsen-Zeitung, 20.2.2020 Einen kleinen Seitenhieb auf die "Kollegen" von Unicredit konnte sich Intesa-Sanpaolo-CEO Carlo Messina im Moment des Triumphs nicht verkneifen. "Wir sind eine Bank mit starker Verwurzelung in...

Überraschungscoup des Gentleman-Bankers

Von Gerhard Bläske, MailandEinen kleinen Seitenhieb auf die “Kollegen” von Unicredit konnte sich Intesa-Sanpaolo-CEO Carlo Messina im Moment des Triumphs nicht verkneifen. “Wir sind eine Bank mit starker Verwurzelung in Italien, die von italienischen Managern geführt wird”, sagte er bei der Pressekonferenz zur geplanten Übernahme der Ubi Banca. Messina spielte darauf an, dass Unicredit-Chef Jean Pierre Mustier Franzose ist und sich zuletzt von der Online-Bank Fineco und bereits 2016 vom Vermögensverwalter Pioneer getrennt hat.Messina setzt voll auf Italien und wird für seinen jüngsten Coup gefeiert. Seit zwei Monaten bereitete er zusammen mit dem Mediobanca-Manager Francesco Canzonieri die Ubi-Banca-Übernahme vor. Völlig überraschend schlug er dann in der Nacht von Montag auf Dienstag zu.Im Erfolgsfall würde Intesa Sanpaolo, gemessen an der Kapitalisierung, zur Nummer 4 und gemessen an den Nettoerträgen zur Nummer 9 in Europa – in beiden Fällen vor Unicredit. In der Vermögensverwaltung käme Intesa Sanpaolo auf Assets under Management von 1,1 Bill. Euro, in den anderen Geschäftsfeldern auf Marktanteile von rund 20 %. Sogar an kartellrechtliche Probleme hat Messina gedacht: Mit der BPER wurde vereinbart, dass sie bis zu 500 Geschäftsstellen übernimmt. In den letzten Wochen hatte Intesa Sanpaolo 9,9 % am Zahlungsdienstleister Nexi und die Mehrheit am Krankenversicherer RBM übernommen.Messina wird von der Zeitung “La Stampa” als “der Banker Italiens” gefeiert. Der Bankenexperte Carlo Carnevale Maffè von der Mailänder Bocconi-Universität hält die jüngste Operation für die “renditeträchtigste, die möglich ist”.Dabei ist Messina, Jahrgang 1962, eher ein Mann der leisen Töne. Mit Ausnahme von gelegentlichen Besuchen der Scala ist der gebürtige Römer im gesellschaftlichen Leben Mailands kaum präsent.Der bekennende Gourmet ist ein Zahlenmensch. Nach dem Studium an der renommierten römischen Privatuniversität Luiss, wo er viele Kontakte knüpfte, die er noch heute nutzt, begann er seine Berufslaufbahn 1987 bei der damaligen Banca Nazionale del Lavoro (BNL). Gleichzeitig unterrichtete er an der Managementschule der Luiss und an der Wirtschaftsfakultät der Universität Ancona Finanzwissenschaften. Heute ist er Mitglied des von Ex-Premierminister Mario Monti präsidierten Bocconi University Boards, des Aufsichts- und Steuerungsorgans der Mailänder Universität. Die Lehre liegt ihm sehr am Herzen. Wäre er nicht Bankenchef geworden, hätte er wohl eine wissenschaftliche Karriere angestrebt, sagte er einmal.Messina, dessen Vater Chef einer Bank war, die heute zur Intesa Sanpaolo gehört, kam nach einer Zwischenstation bei Banco Ambrosiano Veneto 1998 zur Intesa Sanpaolo und stieg dort schnell auf. 2008 wurde er CFO, 2012 zusätzlich Generaldirektor und 2013 CEO.Der Intesa-Sanpaolo-CEO, der seine stets gepflegten Haare etwas länger trägt, wird in Italien oft als “Gentleman-Banker” mit hervorragenden Kontakten in die Politik bezeichnet. Abgesehen von der Oper schätzt er auch die bildnerische Kunst. Die Bank pflegt ein reiches künstlerisches Erbe, das über 30 000 Werke zählt und drei Museen. Außerdem ist das Institut, das große Stiftungen als Aktionäre hat, bekannt für sein umfangreiches soziales Engagement.Geschäftspolitisch setzt Messina auf den Ausbau der Vermögensverwaltung, denn da gibt es großes Potenzial. Ein großer Teil des Privatvermögens der Italiener von 4,4 Bill. Euro schlummert auf Girokonten. Außerdem erweitert die Bank ihr Versicherungsgeschäft kräftig. 2017 erhielt Intesa Sanpaolo mit Veneto Banca und der Popolare di Vicenza zwei starke Banken zum symbolischen Preis von 1 Euro – ohne deren schlechte Risiken und mit einer staatlichen Finanzspritze von 4,8 Mrd. Euro. Das gilt als ein Bombengeschäft.Im Vergleich zu Unicredit ist Intesa Sanpaolo im Ausland (Osteuropa, Mittlerer Osten, Nordafrika, China) nur relativ schwach vertreten. Messina machte nun erneut deutlich, dass er grenzüberschreitende Fusionen für zu riskant hält. Dagegen gibt es Spekulationen, sein nächstes Ziel könnte die Versicherung Generali sein. Die hatte er schon vor drei Jahren im Visier, ließ das Projekt dann aber fallen.