#VerlorenesJahrzehnt
#VerlorenesJahrzehnt
Um 12:22 Uhr, die Hauptversammlung der Deutschen Bank war knapp zweieinhalb Stunden alt, und die Aussprache mit bereits rund 50 Wortmeldungen zu den 19 Tagesordnungspunkten hatte noch nicht begonnen, mahnte der Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner zum ersten Mal einen “zügigen Ablauf” des Aktionärstreffens an. Bis dahin waren zwei Reden gehalten. Zunächst Achleitners eigene: Spätestens nach diesen 37 Minuten wusste jeder der 3 600 Teilnehmer in der Frankfurter Festhalle, was für einen super-duper Aufsichtsrat die Blauen haben. Demut ist halt nicht jedem gegeben.Dem Vorstandsvorsitzenden John Cryan, dessen Ausführungen (in geradezu perfektem Deutsch) sich an Achleitners auch thematisch weit ausladende Rede anschlossen, schon eher. Was folgte, war der inzwischen fast übliche, nur schwer erträgliche Auftritt des einen oder anderen Selbstdarstellers mit dem Begehr, den Versammlungsleiter, also Achleitner, abzuwählen (der Antrag stieß bei grandiosen 0,25 % des vertretenen Grundkapitals auf Zustimmung). Da wird natürlich über weite Strecken zu allem möglichen geredet, nur nicht zur Geschäftsordnung, wie es sein sollte. Mit etwas weniger Schaum vorm Mund würde mancher mit seinem in der Sache nicht von vornherein abwegigen Argument vielleicht sogar in der Breite des Auditoriums durchdringen.Als Aktionär der Deutschen Bank muss man über Sitzfleisch und ausgeprägte Nehmerqualitäten verfügen, nicht nur als Teilnehmer der Hauptversammlung. Das ist keine ganz neue Erkenntnis. Ob Apartheid, Atomkraft oder Aktienkurs: Die Anteilseignerversammlungen dieses ganz besonderen Unternehmens geraten traditionell zu Abrechnungen – jedenfalls aus Sicht der nicht an politischer Auseinandersetzung, sondern vornehmlich an Vermögenserhalt und Rendite interessierten Aktionäre nur allzu verständlich. Da hilft auch keine sympathieheischende Kommunikationsoffensive zur Einstimmung auf das Treffen: Um mehr als 90 % war die DBK-Aktie seit ihrem Allzeithoch vom Mai 2007 bis zum vorigen Herbst abgestürzt, ehe eine deutliche Erholung einsetzte, wie Ingo Speich der Führung der einstigen Vorzeigebank vorrechnete. Der Portfoliomanager von Union Investment beklagte ebenso wie der Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Klaus Nieding, ein verlorenes Jahrzehnt für die Aktionäre mit einem halben Dutzend Kapitalerhöhungen über mehr als 30 Mrd. Euro. Viel höher ist die aktuelle Marktkapitalisierung auch nicht. Das Desaster könnten die Investoren eher ertragen, wenn die Deutsche Bank mit ihrer miserablen Performance wenigstens in guter Gesellschaft wäre. Ist sie aber nicht.Es liegt in der Natur der Rollenverteilung auf einer Hauptversammlung, dass die Aktionäre sich mehr mit der Vergangenheit beschäftigen, zumal wenn es sich wie hier um eine unrühmliche Vergangenheit handelt, und nach der Verantwortung für Versagen und Fehlleistungen wie die allein im Fall Postbank 3,5 Mrd. Euro vergeudenden strategischen Kapriolen fragen. Derweil mühen sich Vorstand und Aufsichtsrat, den Blick vor allem in eine angeblich rosigere Zukunft zu richten: Bei den Rechtsstreitigkeiten habe man das Schlimmste hinter sich, die neue Aufstellung der integrierten Privat- und Firmenkundenbank werde von Dauer sein, und die Deutsche Bank werde wieder für Integrität und Glaubwürdigkeit stehen, versprach Cryan, den am Missmanagement und an den Regelverletzungen der Vorzeit persönlich sicher so wenig Schuld trifft wie seine heutigen Vorstandskollegen.Die Botschaft hören die Stakeholder und das geneigte Publikum wohl. An sie zu glauben fiele leichter, wären die unterschiedlichen Interessengruppen von Deutschlands größter Bank nicht so oft bitter enttäuscht worden. Wenn es galt, Aktionären, Kunden und der Öffentlichkeit einen #PositivenBeitrag für die Zukunft zu versprechen, nicht zuletzt in Form eines Kulturwandels, waren die Verantwortlichen ja auch schon gerne zur Stelle, als “Hashtag” sogar bei diesem hochinnovativen Global Player noch “Rautezeichen” hieß und vermeintliche Leistung allweil neue Leiden schaffte.Dabei ist man durchaus geneigt, allen voran Cryan und seinen Stellvertretern Marcus Schenck und Christian Sewing einen Kredit in puncto Glaubwürdigkeit und Lernfähigkeit einzuräumen. Sogar aus der Klatsche beim Vergütungssystem auf der Hauptversammlung 2016 hat die Verwaltung Konsequenzen gezogen. Doch gerade beim Lerneifer scheint es noch reichlich Luft nach oben zu geben. Sonst hätte die Bankspitze die Aktionäre kaum mit dem Ansinnen konfrontiert, per Vorratsbeschluss einen neuen riesigen Kapitalrahmen von fast 40 % zu schaffen.——–Von Bernd WittkowskiAls Aktionär der Deutschen Bank muss man über Sitzfleisch und ausgeprägte Nehmerqualitäten verfügen, nicht nur als Teilnehmer der Hauptversammlung.——-