Vom regionalen Institut zum internationalen Player

Commerzbank, seit 150 Jahren "Die Bank an Ihrer Seite" - Die Historie spiegelt die deutsche Politik- und Wirtschaftsgeschichte wider

Vom regionalen Institut zum internationalen Player

Vor 150 Jahren wurde die Commerzbank als “Commerz- und Disconto-Bank in Hamburg” gegründet. Es gibt nur wenige Unternehmen, die auf eine so lange Geschichte zurückblicken und über so viele Jahre ihre Unabhängigkeit haben bewahren können. Zu verdanken haben wir dies nicht nur dem Management des Unternehmens, sondern der gesamten Belegschaft, die bis heute erfolgreich für unsere Bank und ihre Kunden gearbeitet hat.Die Geschichte der Commerzbank ist ein Spiegel deutscher Politik- und Wirtschaftsgeschichte. Bei der Gründung am 26. Februar 1870 war der Aufstieg von einer regionalen Bank zu einem auch international tätigen Institut noch nicht absehbar. Mit dem Namenszusatz “in Hamburg” wurde zunächst die lokale Ausrichtung der Bank betont. Das neue Institut sollte den Hamburger Kaufleuten die nötigen Finanzmittel für ihre Handelsgeschäfte, insbesondere den Überseehandel, zur Verfügung stellen. Deshalb schlossen sich bekannte Handelshäuser mit Merchant-Bankern und renommierten Privatbankiers zusammen, um eine Universalbank in der Form einer Aktiengesellschaft zu errichten. Das Interesse der Anleger war so groß, dass das zur öffentlichen Zeichnung vorgesehene Kapital 135-fach überzeichnet wurde.Hamburg galt schon damals als “Tor zur Welt”. Durch den Überseehafen verfügte die Stadt über weltumspannende internationale Beziehungen. Die bürgerlich geprägte Hamburger Kaufmannschaft stand für Freihandel, Liberalität und offene Grenzen. Diese Weltoffenheit sollte auch Merkmal der neuen Bank sein. Der Aufbau des internationalen Geschäfts durch enge Beziehungen zum aufstrebenden Finanzplatz New York und die Beteiligung an der London and Hanseatic Bank in London gehörten zu den ersten Schritten der Commerz- und Disconto- Bank.Nach der Reichsgründung 1871 stieg das Deutsche Reich in nur wenigen Jahren zu einer der führenden Industrienationen auf. Im Zuge der Industrialisierung und der wirtschaftlichen Expansion knüpfte die Bank enge Beziehungen zu allen Industriezweigen. Die Bank begab darüber hinaus staatliche und städtische Anleihen deutscher und europäischer Emittenten.Der weitere Aufstieg der Bank erforderte deren Präsenz an anderen wichtigen Finanzstandorten. So erwarb die Bank 1897 das Bankhaus J. Dreyfus & Co mit Niederlassungen in Berlin und Frankfurt am Main. Aufgrund dieser räumlichen Expansion verzichtete die Bank auf den Namenszusatz “in Hamburg”. Durch die Verlegung des Hauptsitzes von Hamburg in die Reichshauptstadt Berlin im Jahr 1905 machte die Commerz- und Disconto-Bank ihren nationalen Anspruch vollends deutlich. Mit der Übernahme von 45 Regionalbanken und Privatbankhäusern zwischen 1900 und 1923 war sie aktiver Treiber der Konsolidierung im deutschen Bankwesen. Die Weimarer RepublikDie Bank firmierte nach 1920 als “Commerz- und Privat-Bank Aktiengesellschaft” und verfügte nach der Fusion mit der Mitteldeutschen Creditbank im Jahr 1929 über 350 Filialen und damit über das größte Filialnetz in der Weimarer Republik. Die Weltwirtschaftskrise und die folgende Bankenkrise von 1931 machten eine umfassende Reorganisation und Sanierung des deutschen Bankwesens erforderlich. Dies führte dazu, dass die Bank in den 1930er Jahren teilverstaatlicht wurde. 1936/37 wurden die staatlichen Anteile reprivatisiert, und 1940 erhielt die Bank ihren heutigen Namen: “Commerzbank Aktiengesellschaft”.Lange Zeit hat sich die Bank mit der Aufarbeitung ihrer Rolle während des Nationalsozialismus schwergetan. Zum 150-jährigen Jubiläum und 80. Namenstag der Commerzbank Aktiengesellschaft erscheint nun eine wissenschaftliche Untersuchung zur Geschichte unseres Hauses. Darin wird die Tätigkeit der Bank in der nationalsozialistischen Zeit umfassend, kritisch und differenziert betrachtet.Auch die Commerzbank hat durch ihre Geschäftspolitik und Personalmaßnahmen an der Verfolgung und Entrechtung der Juden mitgewirkt und davon profitiert. Nach der Machtübernahme mussten die jüdischen Mitglieder des Aufsichtsrats und des Vorstandes ihre Ämter niederlegen. Bis Anfang 1938 hatten alle jüdischen Mitarbeiter die Bank verlassen müssen.An der Arisierung jüdischer Unternehmen war die Bank in großem Umfang durch Vermittlung und Finanzierung der Übernahme durch neue Geschäftsinhaber beteiligt. Die Studie geht von mehr als 1 000 “Arisierungsfällen” aus. Hinzu kommen die Liquidationen jüdischer Unternehmen und Geschäfte; auch daran war die Commerzbank beteiligt. Seit 1938 kam es dann zu einem regelrechten “Arisierungswettlauf” zwischen den Großbanken, an dem sich auch die Commerzbank beteiligt hat. Nach den Novemberpogromen von 1938 hat die Bank durch Sperrung der Wertpapierdepots ihrer jüdischen Kunden dazu beigetragen, die zynisch als “Sühneleistung” bezeichnete “Judenvermögensabgabe” durchzusetzen.In den seit 1938 annektierten und den danach im Krieg besetzten Gebieten hat auch die Commerzbank ihre Expansion betrieben. In den Niederlanden übernahm sie eine Tochtergesellschaft des jüdischen Bankhauses Hugo Kaufmann & Co., in dessen Direktion unser jüdisches Vorstandsmitglied Ludwig Berliner bereits 1933 wechseln musste. Das Bankhaus Hugo Kaufmann wurde aufgelöst, Kaufmann und Berliner wurden 1942 nach Auschwitz deportiert.Die Mitwirkung unseres Hauses an der Verfolgung und Entrechtung der Juden erfüllt mich mit tiefer Trauer und großer Scham. Der Bundespräsident hat in seinen Reden zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers von Auschwitz die Verantwortung beschworen, die wir Deutsche tragen. Wir müssen die Erinnerung wachhalten, damit nie wieder geschieht, was damals geschah. Ich bekenne mich im Namen der Commerzbank zu dieser Verantwortung. Wiederaufbau nach dem KriegMit dem Kriegsende 1945 und der Teilung Deutschlands durch die Siegermächte begann ein neues Kapitel für die Commerzbank. Der Neubeginn der Geschäftstätigkeit nach 1945 stand unter dem Vorzeichen des Verlustes der Filialen in Mittel- und Ostdeutschland. Von den 359 Geschäfts- und Zweigstellen, die die Bank 1940 besessen hatte, befanden sich 161, das heißt knapp 45 %, auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone. In den drei Westzonen führte die von den alliierten Militärregierungen betriebene Dezentralisierung der Großbanken zur Aufsplitterung der Commerzbank in neun Filialgruppen.Erst durch die Einführung der D-Mark entwickelte sich mit dem beginnenden Wiederaufbau in der “alten” Bundesrepublik wieder eine normale Banktätigkeit. Danach ging es rasch voran. Die Nachfolgeinstitute durften sich nach und nach wieder zusammenschließen. Im November 1958 wurde das neu gegründete Kreditinstitut unter dem alten Namen “Commerzbank AG” im Handelsregister eingetragen.Die Zeit des Wirtschaftswunders mit dem sich schnell entwickelnden Massenkonsum eröffnete auch für die Commerzbank neue Chancen und Geschäftsfelder. Neben dem Firmenkundengeschäft geriet der Privatkundenbereich – zunächst mit Kleinkrediten – verstärkt in den Fokus. Besonders erfolgreich war dann die Baufinanzierung, in der die Bank führend war und ist. Ab den 70er Jahren erlangte das Investment Banking aufgrund der Öffnung der Kapitalmärkte zunehmende Bedeutung.Auch im Ausland war die Commerzbank im Zuge der europäischen Integration und der Internationalisierung des Finanzsektors aktiv. Schon in den 50er und 60er Jahren wurden die ersten Repräsentanzen in Südamerika, Südafrika und Japan eröffnet. 1971 folgte – als erste Filiale eines deutschen Kreditinstituts in den USA – New York. Die bisherigen Hauptverwaltungen wurden 1970 in Frankfurt am Main zentralisiert. Dort befindet sich seit 1990 auch der juristische Sitz der Bank. Mit dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung Deutschlands taten sich ab 1990 für die Bank neue Chancen in der ehemaligen DDR und in Osteuropa auf. Die Commerzbank war früh im Osten vertreten und spielte dort eine wichtige Rolle bei der Finanzierung des wirtschaftlichen Aufbaus. Mit Blick auf Osteuropa ist insbesondere die Übernahme der Mehrheitsanteile an der BRE Bank – heute mBank – zu Beginn der 2000er Jahre hervorzuheben. Die mBank hat sich zwischenzeitlich zu einer der weltweit führenden Digitalbanken entwickelt.Im August 2008 übernahm die Commerzbank die Dresdner Bank. Kurz danach kam es zum Zusammenbruch von Lehman Brothers. In der darauf folgenden Finanzmarktkrise musste auch die Commerzbank staatliche Hilfe in Anspruch nehmen. Die stillen Einlagen haben wir komplett zurückgezahlt, aber wir sind auch heute noch dankbar für diese Unterstützung. Geblieben sind uns mit gut 15 % ein von uns geschätzter Aktionär sowie viele Kunden und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der “grünen” Bank. Mit der schnellen und erfolgreichen Integration der Dresdner Bank konnten wir unsere Marktposition stärken.Ausblick – Die Commerzbank hat sich immer wieder neu organisiert und weiterentwickelt, um angesichts gewachsener Anforderungen auch in der Zukunft bestehen zu können. Heute stehen wir vor gleich mehreren anspruchsvollen Herausforderungen unserer Geschichte. Das dauerhafte Niedrigzinsumfeld belastet unsere Zinsmargen und damit unsere Ertragsseite erheblich. Gleichzeitig werden die Eigenkapitalanforderungen an Banken kontinuierlich erhöht. Hinzu kommen neue Wettbewerber aus den Bereichen Fintech und Big Tech, die teilweise massive Vorteile genießen, da sie anders als Banken weniger reguliert werden und insbesondere zwischen Zahlungsverkehrsdienstleistern und Banken kein Level Playing Field herrscht.Um diese Herausforderungen zu meistern, investiert die Commerzbank massiv in die Digitalisierung. Durch die Konzentration auf das Kerngeschäft und das gezielte Wachstum in den vergangenen Jahren hat die Commerzbank es trotz der geschilderten Herausforderungen geschafft zu bleiben, was sie schon immer war: Begleiter und Finanzierer des Mittelstands sowie großer internationaler Unternehmen. Sie fokussiert sich weiter auf das Geschäft mit Unternehmerkunden und ist Spezialist für die gesamte Palette an Finanzmarktprodukten von Privatkunden. Die regionale Verwurzelung und Internationalität sind nach wie vor unsere Stärken. Mit einem risikoarmen Profil der Bank gilt dabei weiterhin die kaufmännische Vorsicht. Die Commerzbank hat aber auch den Mut zur aktiven Gestaltung der Zukunft. So sind wir seit 150 Jahren “Die Bank an Ihrer Seite” und werden dies auch zukünftig sein. Stefan Schmittmann, Aufsichtsratsvorsitzender der Commerzbank AG