Vom Risikomanagement zum Chancenmanagement
Vom Risikomanagement zum Chancenmanagement
Wir leben in einer Zeit, in der das bisher Unvorstellbare zur Realität geworden ist. Das Brexit-Votum, die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten, die aktive Rolle der Europäischen Zentralbank (EZB) als geldpolitischer Grenzgänger sowie Negativzinsen in der Kapitalanlage sind Beispiele dafür, dass scheinbar fest gefügte Annahmen sich fundamental verändern können. Aus Sicht von Investoren bewirken radikale Umbrüche vor allem eines: eine Zunahme an Unsicherheit. Als natürlicher Reflex rückt zwangsläufig der Blick auf die Anlagerisiken in den Vordergrund, eng verbunden mit der Frage, wie diese zu vermeiden sind.Diese Haltung ist verständlich und per se nicht kritikwürdig. Allerdings beinhaltet sie nur eine Seite des Risikomanagements. Die andere ist das bewusste Eingehen von Risiken, um Chancen an den Kapitalmärkten zu nutzen. Beide Seiten haben ihre Berechtigung, letztere vielleicht mehr denn je. Denn im aktuellen Investmentumfeld mit weiterhin niedrigen Zinsen und insgesamt gesunkenen Renditen können Investoren ihre Ertragsziele nur noch erreichen, wenn sie bereit sind, stärker ins Risiko zu gehen. Grundsätzlich überdenkenDiese Erkenntnis ist bei den meisten Großanlegern angekommen. Viele haben ihre Kapitalanlage überdacht und diese an die neuen Herausforderungen angepasst. Sie sind die Risikoleiter zwangsläufig ein Stück nach oben gestiegen. Aber mit graduellen Adjustierungen ist es vermutlich nicht getan. Gefragt ist vielmehr ein grundsätzliches Überdenken der Risikoeinstellung. Dies trifft insbesondere auf deutsche Investoren zu, deren Risikokultur traditionell defensiv geprägt ist. Gerade für sie gilt es daher, Risiko zunehmend auch unter Chancenaspekten zu betrachten.Dass es hier noch Überzeugungsarbeit zu leisten gilt, zeigt ein Blick auf die letzte Risikomanagementstudie unseres Hauses zu den Investmentpräferenzen deutscher institutioneller Anleger. Für 82 % von ihnen hat Verlustvermeidung danach die höchste Priorität. Im internationalen Vergleich ist dies ein hoher Wert. Auf europäischer Ebene wiesen lediglich 67 % der befragten Großanleger der Verlustvermeidung eine besonders hohe Bedeutung zu. Daraus lässt sich schließen, dass vor allem deutsche institutionelle Investoren ihr Risikoverständnis künftig offensiver ausrichten sollten, um der dringend benötigten Chance eine Chance zu geben.In der Praxis ist die Umsetzung eines aktiven Chancenmanagements allerdings leichter gesagt als getan, was nicht zuletzt auf die Regulierung zurückzuführen ist. Die Vorgaben der Finanzaufsicht, wie und unter welchen Bedingungen Investoren in risiko- und chancenreichere Assetklassen investieren können, machen eine ertragsorientierte Kapitalanlage deutlich schwieriger. Erwähnt seien hier zum Beispiel die Festsetzung von Mindestliquiditätsquoten (LCR) oder das Erfordernis der Eigenkapitalunterlegung risikoreicher Investments.Wie stark solche Regelungen die Ertragsaussichten der Großanleger einschränken, macht die Antwort auf folgende Frage deutlich, die im Rahmen der Risikomanagementstudie institutionellen Investoren gestellt wurde: “Wie viele Prozentpunkte mehr an Rendite könnten Sie erwirtschaften, wenn Sie ohne externe und interne Restriktionen handeln würden?” Die Einschätzung der Investoren war eindeutig. 61 % der Befragten gaben an, unter diesen Umständen 0,5 bis 5 Prozentpunkte mehr an Rendite erzielen zu können. Lediglich 20 % der Großanleger fühlten sich durch die Regulierung nicht in ihren Ertragsmöglichkeiten eingeschränkt.Dass der Regulierungsdruck in absehbarer Zeit abnehmen wird, steht allerdings nicht zu erwarten. Dies zeigt unter anderem der Vorstoß der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), der zuletzt für Aufmerksamkeit sorgte, wonach die Eigenkapitalunterlegung künftig womöglich auch auf Staatsanleihen von Ländern aus dem Europäischen Wirtschaftsraum und der OECD ausgedehnt werden soll. Nach dem Regelwerk von Solvency II müssen diese bisher nicht mit Eigenkapital unterlegt werden. Jetzt heißt es, dass auch Staatsanleihen Kredit- oder Ausfallrisiken aufweisen, welche sich allerdings nicht vollständig in den Vorschriften zur Eigenkapitalunterlegung widerspiegeln würden. Anleger bleiben gefordertEs bleibt also Sache der Anleger, Wege und Mittel zu finden, sich trotz des oft engen regulatorischen Rahmens die Möglichkeiten für eine renditeorientierte Kapitalanlage offenzuhalten. Ein erster Schritt hierzu ist die Erweiterung des Anlagespektrums um solche Anlageklassen, welche die traditionelle Dominanz von Rentenanlagen im Portfolio aufzubrechen in der Lage sind. Zwar hat hier bereits ein Umdenken eingesetzt. Ein Blick auf die gegenwärtige Asset Allocation verdeutlicht jedoch, dass Anleihen mit im Durchschnitt gut über 70 % nach wie vor die am meisten genutzte Anlageklasse darstellen. Wie Auswertungen von Greenwich Associates belegen, haben einige Investorengruppen den entsprechenden Anteil von 2015 auf 2016 zudem zum Teil deutlich erhöht. Hierzu zählen neben den Versicherungsunternehmen vor allem die Banken.Aktien hingegen spielen immer noch eine untergeordnete Rolle. Ihr Anteil an den Portfolien von Pensionskassen, Banken und Versicherungsunternehmen ist von 2015 auf 2016 sogar leicht gesunken. Schaut man auf Multi-Asset-Lösungen oder Immobilien als weitere Diversifikationsbausteine, so ist deren Bedeutung mit durchschnittlichen Allokationswerten von deutlich unter 10 % ebenfalls gering. Gleiches gilt für alternative Investments (ex Immobilien). Je nach Investor kommen diese über eine Quote von 4 % nicht hinaus.Vor diesem Hintergrund erscheint die sukzessive Öffnung für Anlageklassen außerhalb des Rentenspektrums als ein notwendiger erster Schritt. Auch Verbriefungen sind in diesem Zusammenhang eine geeignete Option, um das Portfolio breiter aufzustellen. Gerade ihr Beispiel zeigt aber, dass auch interne Restriktionen ein Hindernis auf dem Weg zu mehr Rendite sein können. So gelten strukturierte forderungsbesicherte Investments bei vielen für die Kapitalanlage zuständigen Vorständen oder Entscheidern nach wie vor als hochriskant und als Tabu in der Kapitalanlage. Dabei sprechen minimale historische Verlustraten in fast allen Verbriefungsarten für ein geringes Ausfallrisiko bei gleichzeitig attraktiven Renditechancen.Ähnliche Vorbehalte gibt es mitunter gegenüber konzentrierten Aktienportfolien. Können diese noch eine ausreichende Diversifikation sicherstellen? Die Wissenschaft macht hierzu keine genauen Angaben. Sicher scheint jedoch, dass der Diversifikationseffekt eines Aktienportfolios ab einer gewissen Menge an Titeln nicht mehr signifikant zunimmt. So lassen die Arbeiten von Sharpe Portfolien mit bis zu 50 Titeln als ausreichend diversifiziert erscheinen. Der Versuch, eine genaue Zahl bestimmen zu wollen, lenkt jedoch vom eigentlichen Erfolgsfaktor ab. Dieser liegt in der Korrelation zwischen den einzelnen Werten im Portfolio. Je geringer ihr Gleichlauf, desto höher der Diversifikationseffekt.Ziel eines konzentrierten Portfolios sollte es daher sein, solche Werte zu berücksichtigen, die untereinander in einer möglichst geringen Wechselwirkung stehen. Dies kann dadurch gelingen, dass auf unterschiedliche Anlageregionen, Branchen, Themen und Größenklassen gesetzt und dabei eine in die Tiefe gehende Prüfung der ausgewählten Werte vorgenommen wird. Über die genaue Kenntnis jedes Unternehmens im Portfolio lassen sich Risiken besser erkennen und vermeiden. “Konzentration schützt” lautet hier das Argument.Die beiden genannten Beispiele können sicherlich nicht verallgemeinert und jedem Investor vorbehaltlos empfohlen werden. Sie lassen jedoch die Notwendigkeit erkennen, bei der Erweiterung des Anlagespektrums möglichst vorbehaltlos alle zur Verfügung stehenden Optionen zu analysieren und somit Risikomanagement als Chancenmanagement zu begreifen. Ansonsten könnte sich das Bonmot des US-Humoristen Will Rogers als zutreffend erweisen: “Die Chance klopft öfter an, als man meint. Aber meistens ist keiner zu Hause.”—Alexander Schindler, Vorstandsmitglied von Union Investment