Von der Wertpapierbereinigung zum Datenservice
Von der Wertpapierbereinigung zum Datenservice
Zugegeben, auf den ersten Blick mögen die heutigen Dienstleistungen der WM Gruppe wenig gemein haben mit den Ursprüngen der Wertpapier-Mitteilungen (WM) vor 70 Jahren. Schließlich war das Jahr 1947 geprägt durch die Wirren der ersten Nachkriegsjahre. Mangel bestimmte das Bild in der Wirtschaft, und das Wertpapiergeschäft war in völliger Unordnung. Die Tresore der Geschäftsbanken waren vor und nach Kriegsende geplündert worden. Dringend erforderlich war deshalb eine Wertpapierbereinigung. Alte Wertpapiere mussten kraftlos erklärt und durch neue ersetzt werden. Damit verbunden war die anspruchsvolle Aufgabe, vorhandene Wertpapiere den rechtmäßigen Eigentümern zuzuordnen – also denen, die ihre Ansprüche nachweisen konnten.Die einzelnen Institute waren damals jedoch kaum in der Lage, Wertpapiere zu verwalten. Die erforderlichen Informationen lagen weder systematisch gesammelt noch sortiert vor. In dieser komplizierten Situation tat sich ein Konsortium Frankfurter Banken, das wenige Jahre später in der Interessengemeinschaft Frankfurter Kreditinstitute aufging, mit den zwei Verlegern Günter Lehmann und Paul Keppler zusammen. Denn deren Verlage verfügten über besondere Expertise in der Finanzwirtschaft und im Wertpapierverkehr. Das Ergebnis der Partnerschaft zwischen Kreditgewerbe und Verlagen war die Herausgebergemeinschaft Wertpapier-Mitteilungen. Sie war maßgeblich daran beteiligt, die Wertpapierbereinigung vorzubereiten und ihre technische Umsetzung zu erleichtern – etwa durch die Dokumentation von Gesetzen, Verordnungen und Bekanntmachungen oder die Erfassung von Lieferbarkeitsbescheinigungen.Das Jahr 1952 war das Gründungsjahr für eine weitere wichtige Säule von WM: Die Herausgebergemeinschaft antwortete auf die rasant wachsende Nachfrage nach börsentäglichen Nachrichten für die Finanzmarktakteure mit der Gründung der Börsen-Zeitung. Sie erfüllt bis heute als Arbeitsmittel für Marktteilnehmer und für Führungskräfte in Banken und Unternehmen eine wichtige Aufgabe für den Finanzplatz und die Medienwirtschaft. Und auch wenn sich die Börsen-Zeitung über die Jahrzehnte hinweg in Inhalt und Erscheinungsform laufend verändert und weiterentwickelt hat, so ist sie doch ihrer Linie treu geblieben. Von ihren Ursprüngen als um Marktberichte ergänztes “Kursblatt” bis zur führenden deutschsprachigen Finanzzeitung steht die Börsen-Zeitung für einen hohen journalistischen Anspruch und bekennt sich zu sozialer Marktwirtschaft, stabilem Geld, unternehmerischer Initiative und dem Risiko als Lenkungsinstrument. Das war und das ist ihr publizistischer Anspruch.Um der Erfordernis zu entsprechen, Wertpapiere eindeutig identifizieren zu können, wurde 1955 die Wertpapierkennnummer (WKN) eingeführt und von den Wertpapier-Mitteilungen vergeben. Mit diesen unternehmerischen Initiativen trug WM in den Jahren nach dem Krieg entscheidend dazu bei, wieder Ordnung in die Verwaltung von Wertpapieren zu bringen und die Voraussetzung für einen effektiven Wertpapierhandel zu schaffen. Die WM Gruppe legte damit zugleich die Basis, um in den folgenden Jahrzehnten ihre Dienstleistungen und Informationsangebote zu erweitern – stets am Bedarf der Kunden orientiert und maßgeblich unter Regie von Ernst Padberg, der 1987 in die Geschäftsführung eintrat und seit 1993 die Geschäftsführung des Gesamtunternehmens leitet.Auch wenn viele Aktivitäten der Anfangsjahre aus heutiger Perspektive weit entfernt vom aktuellen Geschäft wirken, so gibt es doch ein hohes Maß an Verwandtschaft mit den Aktivitäten, die den WM Datenservice und die gesamte WM Gruppe auch heute noch prägen. Denn auch wenn die Zeiten – und mithin die Anforderungen und Bedürfnisse der Kunden ebenso wie die technologischen Möglichkeiten – heute ganz andere sind, so sieht sich der WM Datenservice nach wie vor dem gleichen Auftrag verpflichtet. Ziel ist es, in enger und frühzeitiger Abstimmung mit der Kreditwirtschaft Lösungen für die Verwaltung und Verwahrung von Wertpapieren zu entwickeln – und auf diese Weise den Finanzmarktakteuren Aufgaben abzunehmen, die sie selbst nicht so effizient erledigen könnten. Begleitung bei RegulierungAber der Reihe nach. Was den Kern der Geschäftstätigkeit betrifft, so geht es heute wie damals darum, Daten zu sortieren und zu paketieren und Referenzdaten aus einer Hand zu liefern. Aber längst sind zusätzliche Aufgaben hinzugekommen – beispielsweise den Kunden dabei zu unterstützen, regulatorische Erfordernisse zu erfüllen.Was das Datenuniversum angeht, so liegt der Schwerpunkt auch heute noch auf eigenen Daten. Zugleich wird der etablierte und standardisierte Lieferweg auch zur Distribution von Drittdaten wie beispielsweise Ratingdaten verwendet.Auch hinsichtlich der Bereitstellungsformate gibt es Veränderungen. VF1 ist seit Jahrzehnten als Standardlieferformat etabliert und geschätzt, gleichwohl kann das gesamte Leistungsspektrum seit einigen Jahren auch über XML bezogen werden. Europa wird HeimatbasisSelbstverständlich hat zudem die Globalisierung der Finanzplätze dazu geführt, dass sich der geografische Fokus der Geschäftstätigkeit des WM Datenservice ausgedehnt hat. Es geht schon lange nicht mehr nur um den deutschen oder den deutschsprachigen Markt. Vielmehr wird Europa zusehends zur Heimatbasis.Vorbei sind schließlich die Zeiten, als die Daten fast ausschließlich für das Backoffice und das Middleoffice zur Verfügung gestellt wurden. Moderne Lieferformate erlauben ein höheres Tempo der Updates von Stammdaten, so dass die Daten auch effizient im Frontoffice genutzt werden können.Last but not least ist in den vergangenen Jahrzehnten die Liste der Standards deutlich länger geworden. Die Wertpapierkennnummer gibt es zwar nach wie vor. Neben sie ist allerdings vor vielen Jahren ihre internationale “Schwester”, die International Securities Identification Number (ISIN) getreten. Die ISIN gibt es mittlerweile auch für außerbörslich gehandelte Derivate (Over the Counter) – sie erfasst damit alle Assetklassen weltweit. Neben diesen werden von WM weitere Standards und Klassifikationen angeboten wie beispielsweise der FISN, eine Beschreibung des Emittenten- und Instrumenten-Kurznamens, der CFI, eine global gültige Klassifikation von Wertpapieren, oder der COAF zur eindeutigen Identifikation von Corporate Events.Von großer Bedeutung ist schließlich ein Standard, der garantieren soll, die Vertragsparteien von Finanzmarkttransaktionen weltweit eindeutig zu identifizieren: der Legal Entity Identifier (LEI) – ein notwendiges Instrument, nachdem die G 20-Staaten nach der Finanzkrise verabredet haben, dass kein Finanzmarkt, kein Finanzprodukt, aber eben auch kein Finanzakteur unterhalb des Radars der Aufsicht bleiben darf.Standards wiederum leisten einen wichtigen Beitrag zur Vergleichbarkeit von Daten. Sie reagieren nicht nur auf Anforderungen der Regulierer, sondern auch auf das Interesse der Marktteilnehmer. Insofern ist Transparenz weit mehr als bloß eine gesetzliche Pflichtaufgabe für Banken. Die Dienstleistungen des Datenservice helfen dabei den Finanzinstituten, auf der Grundlage verlässlicher Daten transparent zu sein.Die zurückliegenden 70 Jahre haben die WM Gruppe und der WM Datenservice allerdings nicht nur dazu genutzt, um das Angebot zu verbreitern und zu modernisieren, sondern auch um die Qualität der Dienstleistungen zu verbessern. So hat es die stetige Steigerung des Automatisierungsgrads ermöglicht, Fehlerquoten bei den Quelldaten zu reduzieren.Eine besondere Bewährungsprobe steht in wenigen Wochen an. Im Januar 2018 tritt – neben vielen anderen neuen EU-Vorgaben wie den Regeln für das Anlegerinformationsblatt (PRIIPs) und den neuen Anforderungen im Zahlungsverkehr (PSD2) – eines der umfassendsten und folgenreichsten Rahmenwerke der europäischen Finanzmarktregulierung in Kraft: die novellierte EU-Marktrichtlinie Mifid II. Der WM Datenservice bereitet den Übergang in die neue Mifid-Welt bereits seit Jahren in enger Abstimmung mit der Kreditwirtschaft vor. Statt den Kunden ein fertiges Produkt- und Dienstleistungsangebot vorzusetzen, haben der WM Datenservice und seine Kunden bereits unmittelbar nach der Verabschiedung der Gesetze damit begonnen, in gemeinsamen Arbeitsgruppen Lösungen zu erarbeiten – und zwar passend für den individuellen Bedarf jedes einzelnen Kunden. Gerade diese intensive Verständigung mit den Nutzern ist der wesentliche Grund dafür, dass sich sowohl der WM Datenservice als auch seine Kunden heute für die Zeitenwende im Wertpapiergeschäft durch Mifid II gut gerüstet sehen. Und das soll so bleiben.—Torsten Ulrich, Geschäftsführer der WM Gruppe—Jens Zinke, Geschäftsführer der WM Gruppe