Wirecards US-Tochter stellt sich zum Verkauf

Nach Insolvenz verklagt Tilp den Abschlussprüfer EY - BIZ fordert einheitliche Regeln für Zahlungsabwickler

Wirecards US-Tochter stellt sich zum Verkauf

sck München – Die juristische Aufarbeitung des Bilanzskandals beim mittlerweile insolventen Zahlungsabwickler Wirecard zieht weitere Kreise. Die Anwaltskanzlei Tilp hat ihre Schadenersatzklage gegen das bayerische Dax-Mitglied auf den Abschlussprüfer Ernst & Young (EY) und frühere Vorstände des zusammengebrochenen Unternehmens mit Sitz in Aschheim bei München ausgeweitet. “Vom zumindest bedingt vorsätzlichen Verhalten der neuen Beklagten sind wir überzeugt”, erklärte Rechtsanwalt Andreas Tilp.Neben EY, die jahrelang die Bilanzen von Wirecard geprüft haben, verklagt die Kanzlei Ex-Vorstandschef Markus Braun, den flüchtigen, gefeuerten Vorstand Jan Marsalek sowie den noch amtierenden Finanzvorstand Alexander von Knoop. Nach fragwürdigen Ad-hoc-Pflichtmitteilungen des weiß-blauen Fintech im Zusammenhang mit der Sonderprüfung von EY-Wettbewerber KPMG hatte Tilp Mitte Mai Klage gegen den Konzern eingereicht und ein Musterverfahren beantragt. Strengere Regulierung offenDerweil stellte sich die US-Tochter von Wirecard zum Verkauf selbst ins Schaufenster. Die US-Tochter Wirecard North America erklärte in der Nacht zum Dienstag, sie habe eine Investmentbank mandatiert, um einen neuen Eigentümer zu finden. Wirecard North America sei eine separate rechtliche und geschäftliche Einheit, trage sich selbst und sei “im Wesentlichen unabhängig” von der pleitegegangenen Mutterfirma in Aschheim bei München. Wirecard hatte die US-Gesellschaft 2016 übernommen. Sie war früher unter dem Namen Citi Prepaid Card Services bekannt.Unterdessen ruft der Fall die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) auf den Plan. Dessen Präsident forderte mehr einheitliche Regeln für Zahlungsabwickler. “Einer der Schlüsselaspekte wird sein, wie die unterschiedlichen Marktteilnehmer in das System eingebunden werden können”, sagte Agustín Carstens laut Reuters. Immer mehr Fintechs böten diese Zahlungsdienste an. Ob eine strengere Regulierung notwendig sei, lasse sich noch nicht abschließend beurteilen. “Wenn mehr Details bekannt werden, denke ich, dass wir in der Lage sein werden festzustellen, ob weitere aufsichtsrechtliche oder regulatorische Maßnahmen erforderlich sind oder nicht.”Wirecard hatte Mitte Juni eingeräumt, dass in der Bilanz 1,9 Mrd. Euro fehlen, und eine Woche darauf wegen drohender Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit Insolvenz angemeldet. Das Insolvenzverfahren richtet sich auf die Wirecard AG, die börsennotierte Obergesellschaft. Der auf Insolvenzrecht spezialisierte Münchner Anwalt Michael Jaffé agiert nun als vorläufiger Insolvenzverwalter. Die Abschlussprüfer von EY hatten den Ball ins Rollen gebracht, weil sie bei der Durchsicht von Dokumenten für die Bilanz 2019 auf Unregelmäßigkeiten gestoßen waren. EY wird vorgeworfen, nicht früher Alarm geschlagen zu haben.