Coronakrise

Einzelhandel kritisiert Fokussierung der Politik auf Inzidenzwerte

Mit Enttäuschung und Unverständnis hat der Handelsverband Deutschland (HDE) auf die Corona-Beschlüsse von Bund und Ländern reagiert.

Einzelhandel kritisiert Fokussierung der Politik auf Inzidenzwerte

md Frankfurt

Mit Enttäuschung und Unverständnis hat der Handelsverband Deutschland (HDE) auf die Corona-Beschlüsse von Bund und Ländern reagiert. Die für eine Wiedereröffnung der Geschäfte als Bedingung genannte stabile Inzidenz von 50 sei auf absehbare Zeit nicht flächendeckend zu erreichen, heißt es in einer Mitteilung. „Click & Meet“, also der Einkauf nach Terminvergabe, könne für die allermeisten Geschäfte kein wirtschaftlicher Rettungsanker sein, denn dabei seien in der Regel die Personal- und Betriebskosten höher als die Umsätze.

Die Verlängerung des Lockdowns vom 8. bis vorerst zum 28. März kostet die geschlossenen Handelsunternehmen nach Schätzung des HDE im Vergleich zum letzten normalen Jahr 2019 rund 10 Mrd. Euro Umsatz.

„Eine Katastrophe“

„Die Ergebnisse des Corona-Gipfels sind für den Einzelhandel eine Katastrophe. Faktisch wird der Lockdown damit trotz aller theoretischen Perspektiven für die große Mehrheit der Nicht-Lebensmittelhändler bis Ende März verlängert“, so HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Viele Läden hätten dann seit mehr als 100 Tagen geschlossen. „Das ist nicht mehr zu verkraften“, so Genth weiter. Der Lobbyist wirft der Politik vor, dass sie ihre Verantwortung für die zwangsgeschlossenen Händler nicht wahrnimmt, „denn gleichzeitig kommen die staatlichen Hilfszahlungen nur schleppend und spärlich an“.

Die Corona-Maßnahmen sollten sich nicht an symbolträchtigen Branchen wie dem Handel abarbeiten, kritisiert der Verband, sondern sich an der jeweiligen Infektionsgefahr orientieren. Der HDE verweist auch auf die Einschätzung des Robert Koch-Instituts (RKI), wonach die Infektionsgefahr beim Einkauf unter Beachtung von Hygienemaßnahmen niedrig ist. Zuvor habe bereits eine Studie der Berufsgenossenschaft für Handel und Warenlogistik (BGHW) sowie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) deutlich gemacht, dass für die Beschäftigten im Handel kein erhöhtes Infektionsrisiko besteht.

„Die Politik orientiert sich weiter stur ausschließlich an Inzidenzwerten. Dieses Vorgehen erscheint zunehmend fragwürdig“, meint Genth. Es gebe keine vernünftigen Argumente, den Einzelhandel jenseits wissenschaftlicher Erkenntnisse einfach weiter geschlossen zu halten. „Hier wird ohne nachvollziehbare Gründe die Kernbranche der Innenstädte geopfert.“ Der HDE pocht auf eine zeitnahe und komplette Öffnung aller Geschäfte unter Einhaltung von Hygiene- und Abstandsregeln.

Ruin für Modehändler

Ähnlich wie Genth äußerte sich der Präsident des Handelsverbandes Textil (BTE), Steffen Jost: „Was uns die Politik vorgelegt hat, erfüllt unsere Forderungen bei weitem nicht. Weitere Modehändler werden so in den Ruin getrieben, weil die Politik immer nur auf die Inzidenzwerte schaut.“ Trotz eindeutiger Belege, dass ein Einkaufen in Textil-, Schuh- und Lederwarengeschäften unter Einhaltung von Hygiene- und Abstandsregeln kein erhöhtes Infektionsrisiko darstelle, „wurde die von der Mehrheit der Bundesbürger geforderte generelle Öffnung aller Geschäfte erneut verschoben“, wie es in der Mitteilung heißt. „Die Politik verhält sich gegenüber unserer Branche nach wie vor verantwortungslos“, kritisiert Jost scharf.