Siemens vor Weichenstellungen
Siemens vor Weichenstellungen
mic München – Wofür steht Siemens inmitten der Coronavirus-Krise? Vorstandschef Joe Kaeser, sein designierter Nachfolger Roland Busch und Finanzvorstand Ralf Thomas werden dies am Freitag nächster Woche beantworten müssen. Denn der Konzern erläutert am 8. Mai erst den Journalisten und dann den Analysten seine Geschäftsergebnisse im zweiten Quartal des Geschäftsjahres (30. September).Allerdings geht die Frage weit über die Zahlen und die Prognose 2019/2020 hinaus. Denn der Konzern steht vor vielfachen Weichenstellungen. Strategisch zentral ist dabei, wie die Börsennotierung von Siemens Energy im September umgesetzt werden kann – trotz abrupter Wechsel an der Spitze des Unternehmens, trotz eines kollabierenden Ölpreises, trotz der Pandemie und trotz der Zweifel am Geschäftsmodell angesichts der Erderwärmung. Die Abspaltung wurde Ende März vollzogen. Der Vorstandsvorsitzende wird nun einen detaillierteren Zeitplan zum weiteren Vorgehen vorlegen. Aus Aktionärssicht ist dabei zu klären, wie Anfang Juli eine Hauptversammlung unter Pandemie-Bedingungen so gestaltet werden kann, dass die Aktionärsrechte in einer derart zentralen Angelegenheit gewahrt bleiben. Spannend bleibt auch, ob letztlich doch eine Abschreibung auf den Goodwill von Dresser Rand fällig wird. Der Spezialist für Ölausrüstungen, einst überteuert gekauft, leidet aktuell zusätzlich unter dem Preiskampf am Ölmarkt. Mit Kratzern durchs QuartalEbenfalls harrt einer Antwort, mit welchem Konzept und welchen Veränderungen Busch den Kernkonzern rund um die Industrieautomatisierung in die Zukunft führen will. Der Kapitalmarkt wird daher genau zuhören, wenn der Vorstand am Freitag seine Sicht auf die operativen Gesellschaften erläutert. Noch allerdings agiert Busch in einem Tandem, so dass weiter gehende Festlegungen unwahrscheinlich erscheinen. Trotzdem tut Klarheit not. Dass der Aktienkurs überproportional zum Dax unter der Pandemie leidet, obwohl Siemens finanziell robust aufgestellt ist, macht diesen Bedarf klar.Das zweite Quartal dürfte Siemens mit erheblichen Kratzern, aber angesichts der Wucht der Pandemie trotzdem solide absolviert haben. Im Schnitt erwarten 22 Analysten einen Umsatzrückgang von 3 % auf 20,2 Mrd. Euro und einen Gewinnrückgang im industriellen Kerngeschäft von 30 % auf 1,7 Mrd. Euro. Der Ordereingang soll von 23,6 Mrd. Euro auf 21,8 Mrd. Euro sinken.Den Kapitalmarkt interessiert jedoch vor allem der Blick in die Zukunft. Die Prognose für das Ergebnis pro Aktie, die entscheidend auch durch die Höhe des Abspaltungsgewinns bestimmt sein wird, ist dabei weniger interessant als die Prognose für einzelne operative Einheiten. Ironischerweise dürfte das kurzzyklischen Geschäft der Sparte Digitale Industrien besonders leiden, während die Medizintechnik von Siemens Healthineers, wie in Krisen gewohnt, die Ergebnisse stabilisiert.Healthineers präsentiert die Ergebnisse des zweiten Quartals bereits am Dienstag – der Laborspezialist ist in der Pandemie sogar Teil der Lösung und profitiert teils auch geschäftlich. Nach einem Fehlstart in das Geschäftsjahr muss der Konzern allerdings auch Boden gutmachen. Wenig Freude wird den Aktionären weiterhin der Windkraft-Ableger Siemens Gamesa machen, der nach dem Streichen der Prognose seine Quartalsergebnisse am Mittwoch vorlegt.