FINANZMARKTKALENDER – NÄCHSTE WOCHE

US-Banken geraten ins Fadenkreuz

Spitzeninstitute eröffnen Berichtssaison - Debatte über Schusswaffenmissbrauch erreicht Finanzindustrie

US-Banken geraten ins Fadenkreuz

Von Stefan Paravicini, New YorkAm nächsten Freitag eröffnen die Spitzeninstitute J.P. Morgan, Citi und Wells Fargo in den USA die Berichtssaison zum ersten Quartal. Neben den Geschäftszahlen und weiteren Aussichten könnte dabei auch ein Thema zur Sprache kommen, zu dem sich Bankvorstände sonst eher bedeckt halten. Denn in den vergangenen Wochen hat alle drei Institute wie die gesamte Branche die Debatte über Waffengesetze und Schusswaffenmissbrauch in den USA sowie über die Rolle von Unternehmen und Banken für Veränderungen des Status quo erreicht.Erst vor wenigen Tagen hat Thomas DiNapoli, Comptroller des Bundesstaates New York und damit auch Chefaufseher des drittgrößten Pensionsfonds des Landes, die CEOs von J.P. Morgan und Wells Fargo sowie sechs weiteren Finanzdienstleistern gebeten, die Klassifizierung von Waffenkäufen zu überprüfen und das Risiko bei der Abwicklung solcher Transaktionen mit den von ihnen herausgegebenen Kreditkarten wie die Einkäufe von Drogen, Pornografie oder Kryptowährungen zu bewerten. Er bat die Konzernchefs weiter, die Risiken und Kosten von neuen Systemen abzuwägen, mit denen die Institute den Kauf von Waffen und Munition mit ihren Karten ganz verhindern könnten.Der Brief von DiNapoli ging neben den Chefs von J.P. Morgan und Wells Fargo auch an Bank of America, Mastercard, Visa, American Express, Discover Financial Services, First Data und Worldplay, wie das Büro des Comptrollers am Mittwoch mitteilte. Citi fehlt auf der Liste wohl vor allem deshalb, weil die Bank kurz zuvor verkündet hatte, ihren Unternehmenskunden Auflagen für den Verkauf von Waffen zu machen (vgl. BZ vom 24. März). Citi will ihre Kunden aus dem Handel künftig verpflichten, Schusswaffen nur noch an Personen im Alter von wenigstens 21 Jahren und nach einem sogenannten Background-Check zu verkaufen. Händler, die die Leistungen von Citi weiterhin in Anspruch nehmen wollen, müssen außerdem das Angebot von “bump stocks” aus ihrem Sortiment streichen. Solche Schnellfeuerkolben hatten es zuletzt Anfang Oktober einem Attentäter in Las Vegas ermöglicht, mit halbautomatischen Waffen einen verheerenden Effekt wie mit einem vollautomatischen Gewehr zu erzielen. Einen noch größeren Eindruck in der Öffentlichkeit hat der jüngste Anschlag auf eine Schule in Parkland, Florida, hinterlassen, bei dem am 14. Februar 14 Jugendliche und drei Lehrer von einem 19-Jährigen mit einem Schnellfeuergewehr erschossen wurden. Das liegt vor allem am Engagement von Schülern und Jugendlichen im ganzen Land, die seit dem Amoklauf für strengere Waffengesetze protestieren.”Wenn Waffengewalt in der Gesellschaft unvermindert weitergeht, könnten der öffentliche Aufschrei und die Aufrufe zum Handeln lauter werden und erhebliche finanzielle Risiken für das Unternehmen bringen”, heißt es dazu im Brief des Comptrollers an Mastercard. Bereits im März war der Kreditkartenanbieter ebenso wie Visa ins Visier von Aktivisten geraten. Reputationsrisiko RemingtonFür Banken lauern außerdem im Kreditgeschäft Reputationsrisiken. Remington Outdoor, der insolvente Waffenhersteller, musste zuletzt bei mehr als 30 Adressen anklopfen, bevor J.P. Morgan zusammen mit Franklin Resources einen Überbrückungskredit für die Abwicklung der Insolvenz zur Verfügung stellte. Die meisten Institute hätten angegeben, im aktuellen Umfeld lieber keine Finanzierung für einen Waffenhersteller schnüren zu wollen, hieß es in Gerichtsunterlagen. J.P. Morgan hatte bisher kaum Berührungsängste und gehört zu den Instituten, die seit dem Schulmassaker mit einem Sturmgewehr an der Grundschule Sandy Hook in Connecticut im Dezember 2012 die meisten Finanzierungen für Waffenhersteller geschnürt haben. Wells Fargo, die außerdem als Hausbank der Waffenlobby National Rifle Association fungiert, liegt in diesem Ranking an der Spitze (siehe Grafik).