Wall Street vor trüber Quartalssaison
Wall Street vor trüber Quartalssaison
Von Norbert Kuls, New YorkJamie Dimon hat sich in dieser Woche nach vierwöchiger Zwangspause wegen einer Herz-Notoperation zurückgemeldet. In seinem Aktionärsbrief avisierte der langjährige Vorstandschef der Großbank J.P. Morgan Chase angesichts der Corona-Pandemie eine “schlimme Rezession”, sieht sein Institut aber als “Fels in der Brandung”. Die Gewinne der Bank würden in diesem Jahr nach dem Rekordergebnis des Vorjahres aber “bedeutsam” fallen, schrieb Dimon. Weitere Details erhoffen sich Börsianer am kommenden Dienstag, wenn J.P. Morgan ebenso wie der Wettbewerber Wells Fargo die Ergebnisse für das erste Quartal vorlegen wird. Am Mittwoch folgen Bank of America und Citigroup, die große Regionalbank U.S. Bancorp sowie die stärker im Wertpapiergeschäft engagierten Häuser Goldman Sachs und Morgan Stanley. Die großen US-Banken geben damit den inoffiziellen Startschuss für die Bilanzsaison an der Wall Street.Analysten machen sich bereits auf negative Nachrichten gefasst. An der Börse dominiert die Angst. Der KBW Bank Index, das wichtige Branchenbarometer, liegt in diesem Jahr um 41 % im Minus und ist damit mehr als doppelt so stark gefallen wie der Leitindex S&P 500. Die Banken stehen wegen einer ganzen Reihe von Faktoren unter Druck. Bei arbeitslos gewordenen Privatkunden und Firmenkunden aus der Luftfahrt- oder der Tourismusbranche, deren Umsätze dramatisch eingebrochen sind, drohen Kreditausfälle. Zudem stehen Darlehen an Energiefirmen im Feuer, die unter den stark gefallenen Ölpreisen leiden. Die Leitzinssenkung, mit der die US-Notenbank dem drohenden Wirtschaftsabschwung Paroli bot, drückt die Zinsmargen der Banken. Ein Lichtblick könnte allerdings der Wertpapierhandel sein, da das Handelsvolumen in den vergangenen Wochen angesichts der stark schwankenden Kurse in die Höhe schoss. Rückstellungen im Fokus Analysten achten in den vierteljährlichen Telefonkonferenzen mit Top-Managern nach Vorlage der Zahlen in der Regel stark auf die Prognosen. Angesichts der großen Unwägbarkeiten, die die weiter grassierende Pandemie mit sich bringt, ist es für exakte Vorhersagen aber wohl noch zu früh. “Die Spitzenmanager der Banken gehen wie der Rest von uns ohne ihre Kristallkugel in die Bilanzsaison”, sagt JJ Kinahan, Marktstratege beim Onlinebroker TD Ameritrade, der sich erst in ein paar Monaten mehr Klarheit verspricht. Kinahan will stark auf die Rückstellungen achten, die Banken für notleidende Kredite bilden. Um 14 Prozent gesenktAnalysten senkten die Prognosen für die im S&P 500 abgebildeten Finanzdienstleister zuletzt stetig – wie auch die Gewinnschätzungen für den gesamten Index. Für Finanztitel kalkulieren die Experten nach Angaben des Informationsdienstes Factset für das erste Quartal aktuell mit einem Rückgang der Gewinne um durchschnittlich knapp 14 % gegenüber dem Vorjahr. Für den S&P 500 insgesamt rechnen Analysten mit einer Minderung von mehr als 8 %.Belastet werden die Prognosen außer von den Finanztiteln vor allem von den weiteren konjunktursensiblen Indexsegmenten: Energiewerte, zyklische Konsumwerte, Industrietitel und Grundstoffhersteller. “Ich habe mich erholt und werde jeden Tag kräftiger”, schrieb Dimon den Mitarbeitern von J.P. Morgan bei seiner Rückkehr. Für die US-amerikanische Wirtschaft steht ein ähnliches Gutachten wahrscheinlich noch in weiter Ferne.