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Geld oder Brief
Von Eduard Steiner, Moskau

Der damalige russische Premier Wladimir Putin hat es den Gründern von TNK-BP eigenen Worten zufolge 2003 deutlich empfohlen: "Macht keine 50:50-Beteiligung! Vereinbart, dass jemand von Euch die Mehrheit hat!" Die russischen und britischen Anteilseigner an Russlands drittgrößtem Ölförderer setzten dennoch auf Gleichberechtigung. Nun, nur fünf Jahre nach der Gründung, befindet sich das Joint Venture in einem schier ausweglosen Patt. Die Differenzen über die Strategie sind so groß, dass der Konflikt nicht nur über die Medien ausgetragen wird. Dieser Tage reichte die russische Seite Klage ein, weil sie die Aufsichtsratssitzung vom 3. Juni für illegal hält.

Der führende russische Anteilseigner Michail Friedman kündigte außerdem an, auch im Ausland gegen BP zu klagen. Zuvor hatte es noch danach ausgesehen, dass Friedman, laut "Forbes"-Magazin der siebtreichste Mann Russlands, das BP-Angebot annimmt, die Anteile der russischen Anteilseigner zu bündeln. Sie wollten als Gegenleistung angeblich 7,6 bis knapp 10 % der BP-Anteile.

Derzeit hält Friedman über seine Alfa-Group 25 % an TNK-BP, je 12,5 % gehören dem russischstämmigen US-Milliardär Len Blavatnik über seinen Konzern Access Industries und dem russischen Oligarch Wiktor Wekselberg über seine Holding Renova. Durch die Initialen ihrer Konzerne wird das Milliardärs-Konsortium AAR genannt. Blavatnik ist seit Kurzem Hauptaktionär bei Air Berlin, Wekselberg größter Aktionär beim Schweizer Technologiekonzern Oerlikon.

Für BP unverzichtbar

Die zweite Hälfte an TNK-BP hält BP. Der BP-Anteil ist die zweitgrößte ausländische Investition in Russland. Für die Briten ist das Joint Venture unverzichtbar, generiert es doch ein Drittel der Konzernförderung und verfügt es doch über 23 % der nachgewiesenen Konzernreserven. TNK-BP rangiert unter den weltweit größten Ölproduzenten auf Platz zehn. 2006 förderte der am Markt mit 33,3 Mrd. Dollar bewertete Konzern 73 Mill. Tonnen, knapp ein Fünftel der gesamten russischen Ölproduktion, im Vorjahr waren es 72 Mill. Tonnen. Zu TNK-BP International gehören neben zwei anderen Aktiva 95 % an der TNK-BP Holding, die ihrerseits den Großteil der TNK-BP-Aktiva in Russland umfasst.

Der Konflikt zwischen dem AAR-Konsortium und BP scheint zum Jahreswechsel aufgeflammt zu sein. Am 1. Januar endete die Frist, in der es den russischen Aktionären verboten war, ihre Anteile zu veräußern. Die Essenz des Streits liegt in Differenzen über die strategische und grundsätzliche Entwicklung des Unternehmens. AAR will den von den Briten eingesetzten TNK-BP-Präsidenten Robert Dudley loswerden, weil er angeblich nur die Interessen der Briten vertritt und ineffizient arbeitet. BP hält an Dudley fest, weil TNK-BP eine bessere Performance aufweise als seine russischen Konkurrenten.

Was die Strategie betrifft, so will BP vorwiegend in russische Lagerstätten investieren und weniger Dividenden zahlen. AAR hingegen will international expandieren. Laut Friedman lehnt BP genau dies aus Angst vor der eigenen Konkurrenz ab und kann außerdem Zukäufe im Irak, im Iran, in Venezuela, Kuba oder Syrien - wohin die Russen streben - politisch nicht vertreten. Die Sache ist verworren. Der Staat betont, sich nicht einzumischen. Dabei wird gerade er nach Einschätzung vieler Analysten über einen Staatskonzern die Anteile von AAR übernehmen und so den Ölkonzern unter Kontrolle bringen. BP könnte gewissermaßen als Zwischenhändler zunächst den Anteil kaufen und dann etwa an Gazprom weiterreichen.

Jüngsten Gerüchten zufolge wird auch ein Aktientausch zwischen BP und dem staatlichen Ölkonzern Rosneft überlegt. Denn laut Alexandr Razuvajev, Analyst bei der Sobinbank, würde Rosneft den Briten 9,44 % seiner Aktien für den BP-Anteil an TNK-BP anbieten. Weil aber die angebotenen Anteile nur 12 Mrd. Dollar wert seien, würden fast 6 Mrd. Dollar für einen fairen Tausch fehlen.

Die Staatsunternehmen hüllen sich in Schweigen. Das tut auch der Staat weitgehend, obwohl er in den vergangenen Monaten große Behördenaktivität gegenüber TNK-BP zeigte. So wurde die Moskauer Firmenzentrale wiederholt durchsucht, ein russischer Mitarbeiter wegen des Verdachts der Spionage festgenommen. Dazu kamen hohe Steuernachforderungen. Im Vorjahr musste TNK-BP außerdem einwilligen, die Mehrheit am großen Gasförderfeld Kowykta an Gazprom abzugeben, der Abschluss des Deals steht aber noch aus.

Selbst wenn Gazprom der neue Partner von BP im Joint Venture würde, bestünde das Problem der Strategie von TNK-BP weiter, meint Alexandr Kusnezow, ein Analyst der Investmentgesellschaft Prospekt: Den Gasmonopolisten dürfte wohl kaum die Präsenz des britischen Konkurrenten in Russland erfreuen, wo doch russische Firmen nur ungern auf den britischen Markt gelassen werden. Der in solchen Fällen entscheidende Kreml habe kein gutes Verhältnis zu Großbritannien, sekundiert Alexandr Razuvajev. "Jedoch begrüßt die Staatsmacht die Präsenz großer ausländischer Investoren im Land", meint er.

Hohes Kurspotenzial

Razuvajev empfiehlt, die Aktien zu halten. Zwei weitere Analysten sind derselben Meinung, sechs Experten empfehlen den Wert zum Kauf, zwei zum Verkauf. Das durchschnittliche Kursziel beträgt 2,72 Dollar. Gemessen am aktuellen Niveau hätten die Aktien somit ein Aufwärtspotenzial von rund 30 %. Angesichts eines Kurs-Gewinn-Verhältnisses von 4,91 scheint der überwiegende Optimismus nicht überzogen. Allerdings gab der Kurs binnen eines Jahres - trotz Höhenflugs der Ölnotierungen - um knapp 6 % nach.

Zu Monatsbeginn hatte TNK-BP bekannt gegeben, dass der Umsatz 2007 gegenüber dem Geschäftsjahr 2006 um 9 % auf 38,7 Mrd. Dollar gestiegen, der Gewinn jedoch um 21 % auf 5,3 Mrd. Dollar gesunken ist. Als Hauptgrund dafür gab man den Verkauf der Beteiligung am Ölaktiv Udmurtneft an. Ohne die Veräußerung wäre der Umsatz um 17,5 % gestiegen und der Gewinn nur um 14 % gefallen, meint Denis Borisow, Analyst der Investitionsgesellschaft Solid. Den Aktionären missfällt außerdem, dass der Direktoriumsrat die Dividenden für das abgelaufene Geschäftsjahr wegen der internen Differenzen noch nicht absegnete.

Börsen-Zeitung, 20.06.2008, Autor Eduard Steiner, Moskau , Nummer 117, Seite 17, 876 Wörter

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