Redaktion

Leitartikel
Die Finanzkrise hält die Aufsicht in Atem: Wie man sich erzählt, geben seit ihrem Beginn Abdrücke riesiger Tatzen auf den Grundstücken der Finanzaufsicht in Frankfurt und Bonn, aber auch auf dem Gelände der Securities and Exchange Commission (SEC) in Washington den Regulatoren Rätsel auf. Der Legende nach stammen die Spuren von dem Riesenbären, den die Finanzinstitute und ihre Adlaten den Aufsehern aufbanden, als sie ihnen seinerzeit weismachten, der Sektor vermöge sich am allerbesten selbst zu regulieren.

Nun ist die Krise in ihrem dritten Jahr, und in Legislative, Judikative und Exekutive wächst der Frust. Die Behörden schießen zunehmend scharf. Immer öfter im Visier: Investmentbanken und ihr Vorsprung an Information Kunden gegenüber. Je nachdem, wie sich die Dinge weiterentwickeln, könnte dies das Ende bedeuten für die Investmentbank, wie wir sie kennen. In den USA zeugt die Klage der SEC gegen Goldman Sachs von wilder Entschlossenheit, die Funktionsweise der Bank offenzulegen. Die ist in der Tat interessant: Ein im Internet kursierendes Diagramm, das versucht, das um das inkriminierte Hypothekenpapier Abacus 2007-AC1 gelegte Beziehungsgeflecht zu veranschaulichen, hat 11 Subjekte mit 18 Querverbindungen.

Hierzulande, aber auch in Italien und den USA ist unterdessen die Deutsche Bank wegen des Verkaufs von Zins-Swaps ins Gerede gekommen. Goldman wird angelastet, ihrem Kunden IKB verschwiegen zu haben, dass der Hedgefonds Paulson an der Auswahl des verbrieften Hypotheken-Portfolios beteiligt war, gegen das er sodann wettete. Der Deutschen Bank hat das Oberlandesgericht Stuttgart vor wenigen Wochen nicht nur attestiert, dass sie in einer "Art Glücksspiel" gegen einen Mittelständler gewettet habe, um einen Gewinn zu erzielen, "der zwangsläufig den Verlust des Gegners ausmacht", sondern auch, vor Abschluss des Geschäfts "wesentliche Informationen" verschwiegen zu haben. Der dabei mitschwingende Verdacht: Die Bank gewann schon deshalb, weil ihr Kunde es mit ihr an Expertise nicht aufnehmen konnte. Natürlich hat auch die Geschichte der Zins-Swaps zwei Versionen: So hat sich die Deutsche Bank in sieben von deutschen Kommunen angestrengten Verfahren in erster und zweiter Instanz bisher sechsmal mit ihrer Rechtsauffassung durchgesetzt. Wer sich des Vorwurfs erwehren muss, in Kapitalmarktfragen kaum bewanderten Kämmerern klammer Kommunen windige Zins-Swaps angedreht zu haben, hat in der Öffentlichkeit freilich schlechte Karten in einer Zeit, da jeder zweiten deutschen Kommune die Pleite droht.

Die deutsche Aufsicht hatte lange wenig von sich hören lassen. Dass nun, nach politischem Druck, ein rauerer Wind weht, zeigte am Dienstagabend das Verbot ungedeckter Leerverkäufe in Finanztiteln, mit dem die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) den Markt ebenso überraschte wie zuvor die SEC mit ihrer Klage gegen Goldman Sachs. Nach dem zweiten Bail-out für Europas Banken in zwei Jahren und dem beispiellosen Rettungspaket für den Euro war es nur eine Frage der Zeit, dass die Politik den Unmut der Wähler kanalisieren würde.

Schließt die Aufsicht arglistige Täuschung aus, hängt ihr Umgang mit Informationsasymmetrien letztlich davon ab, wie viel Erfahrung sie Anlegern zutraut. In der Vergangenheit war das Selbstbewusstsein der Kunden da größer, als es mancher von ihnen nun wahrhaben will. Die IKB etwa galt als einer der größten Spieler im Markt der Collateralized Debt Obligations, in einer Präsentation rühmte sich die Bank überragender Fähigkeiten und exzellenter Beziehungen, welche eine günstige Zuteilung von Papieren ermöglichten. In deutschen Gemeinden gab es nicht nur Kämmerer, die Haus und Hof verwetteten, sondern auch solche, die daran dachten, ihren Swap abzusichern.

Je komplizierter freilich die Konstruktionen werden, umso eher gilt es, das Bild des erfahrenen Anlegers zu überprüfen. Derzeit steht der Finanzsektor unter Generalverdacht, die eigenen Interessen vor die seiner Kunden zu stellen, und nach allem, was zuletzt passierte, darf dies nicht verwundern. Die Regulierung wird den Anleger- und Kundenschutz daher forcieren. Auch wenn nicht gleich das Beratungsprotokoll für Gemeinden und andere Institutionelle kommt - dies hat weitreichende Folgen, etwa für die Institution des Marktmachers. Dass jeder Intermediär, der zwischen Angebot und Nachfrage vermittelt, mehr weiß als jemand, der nur auf einer der beiden Seiten einer Transaktion steht, lässt sich zwar auch künftig nicht vermeiden. Eine Vielzahl von Richtlinien und Verhaltensmaßregeln aber kann jedem Market Maker und dessen Compliance-Abteilung das Leben sauer und die Erklärungen zum Haftungsausschluss deutlich länger machen.

Zuletzt verfestigte sich der Eindruck, der Regulierungsprozess stecke fest. Vermutlich hat er gerade begonnen. Nach der Großen Depression etwa dauerte es vier Jahre, bis die USA mit der Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken einschneidende Konsequenzen zogen. Seit Mitte der achtziger Jahre hatte man dort den Markt dereguliert. Da wird auch hierzulande die Reregulierung in zwei Jahren kaum ausgestanden sein.


Börsen-Zeitung, 21.05.2010, Autor Bernd Neubacher, Nummer 96, Seite 8, 721 Wörter

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