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Redaktion

Geld oder Brief
Von Giovanni Binetti, Mailand

Italiens größter Bankkonzern Unicredit hat einen neuen Chef. Die Aktien der Gruppe stehen nach dem überraschenden Wechsel unter Beobachtung. Dass dabei mit dem bisherigen Osteuropa-Verantwortlichen Federico Ghizzoni schnell ein Nachfolger von Alessandro Profumo als Chief Executive Officer gefunden wurde, ist zwar ein positiver Faktor. Dies allein reicht aber nicht aus, um das Aufwärtspotenzial freizusetzen, das die meisten Analysten der Unicredit-Aktie zuschreiben.

Mit Spannung wird nun darauf gewartet, welche Entscheidungen sich unter der Führung Ghizzonis abzeichnen. So wird bereits für die kommenden Tage mehr Klarheit darüber erwartet, wie die künftige Führungsstruktur unterhalb des Vorstandschefs aussehen wird.

Verunsicherte Anleger

Für die Anleger geht der Wechsel zunächst mit einer gewissen Unsicherheit einher. Viele hielten sich daher zuletzt zurück. So legte die Unicredit-Aktie an der Mailänder Börse seit dem Amtsantritt Ghizzonis Ende September zwar um rund 3,7 % zu, sie schnitt damit aber schwächer ab als der italienische Gesamtmarkt und der Euro Stoxx-Bankenindex, die zeitgleich jeweils rund 4,1 % hinzugewannen. Die Aktie von Unicredits größtem italienischen Konkurrenten Intesa Sanpaolo verteuerte sich sogar um mehr als ein Zehntel.

Viele Analysten beurteilten das Ausscheiden des "Machers" Profumo, auf dessen Wirken die Entstehung Unicredits maßgeblich zurückzuführen ist, zunächst negativ. Sie befürchteten ein instabiles Management, Verzögerungen bei der Umstrukturierung in Italien und vor allem eine stärkere politische Einflussnahme auf Unicredits Tagesgeschäft.

Die Analysten von Cheuvreux setzten den Titel vor diesem Hintergrund auf "Underperform" herab. Die Landesbank Berlin stufte Unicredit von "Halten" auf "Verkaufen" zurück. Ihre Experten sprachen von einem schweren Schlag für das Institut. Die Machtverschiebung in der Gruppe hin zu den italienischen Kernaktionären stelle auch die erfolgreiche europäische Expansion in Frage, hieß es in der Begründung der Herabstufung.

Eine Hoffnung der zweifelnden Analysten erfüllte sich aber zumindest. Der Machtwechsel bei Unicredit zog sich nicht über Wochen und Monate hin, so wie es hier und dort bereits befürchtet worden war. Zudem steht der Name des neuen Bankchefs Ghizzoni nach Einschätzung von Goldman Sachs und anderen für Kontinuität.

Ändert sich die Strategie?

Von noch zentralerer Bedeutung ist indes die Frage, welche strategischen Neuerungen Ghizzoni einführen wird. Es wird erwartet, dass sich die Debatten darüber über Monate hinziehen werden. Zwar rechnet niemand damit, dass die internationale Ausrichtung der Bank grundsätzlich in Frage gestellt wird. Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als Vorstandschef unterstrich Ghizzoni aber schon einmal, dass er sich künftig auf die Märkte konzentrieren will, in denen Unicredit eine starke Präsenz hat. Die vier Hauptmärkte sind und bleiben demnach Italien, Deutschland, Österreich und Polen. Auch Länder wie die Türkei, Russland und die Tschechische Republik werden weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Allerdings werde das Institut künftig wählerischer sein. In Ländern, in denen Unicredits Präsenz marginal ist, könnte es zu einer Einstellung der bisherigen Aktivitäten kommen. Als ein mögliches Rückzugsgebiet machte er die baltischen Staaten aus, wo die Marktanteile nur bei 1 % liegen.

Politische Fallstricke

Schwierigkeiten wird Ghizzoni vor allem in Italien meistern müssen. Nach ihrem Erfolg, Profumo loszuwerden, dürfte die italienische Politik ihren Druck auf die Führung erhöhen. Die Mittel dazu hat zumindest die wohlstandsseparatistische Lega Nord in den reichen, alpennahen Regionen Italiens. Dort konzentriert sich ihre politische Stärke. Und dort sind die wichtigsten Sparkassenstiftungen angesiedelt, die als Aktionäre ein deutliches Wort bei Unicredit mitreden. Die Stiftungen und damit die Politiker, die in fast allen Fällen hinter ihnen stehen, dürfen als Gegner der Unabhängigkeit Unicredits gelten. Profumo hatte diese stets verteidigt - bis er dann doch scheiterte. Ghizzoni wird erst noch zeigen müssen, dass er die Unabhängigkeit Unicredits in diesem Umfeld tatsächlich bewahren kann.

Gewinn unter dem Schnitt

Die Unwägbarkeiten, die sich daraus für die Unicredit-Aktie ergeben, bleiben bestehen. Zudem sind weiterhin die Hürden zu nehmen, die die gesamte Bankenbranche hemmen. Im ersten Halbjahr sorgte die europäische Schuldenkrise für negative Entwicklungen. Bei Unicredit kam eine Firmenwertabschreibung von 162 Mill. Euro auf die Aktivitäten in Kasachstan dazu. Mit 148 Mill. Euro im zweiten Quartal nach 490 Mill. Euro ein Jahr zuvor lag der Nettogewinn unter dem Durchschnitt, den eine Analystenbefragung der Bank selbst ergeben hatte. In diesem Lichte ist auch die Entwicklung der Unicredit-Aktie in den vergangenen drei Monaten zu betrachten, in denen sie mehr als 2 % verlor, während Intesa Sanpaolo um 12,3 % zulegte. Der italienische Leitindex stieg um 6,1 %, der europäische Bankenindex um 6 %.

Nicht zu übersehen ist allerdings auch, dass Unicredit in den vergangenen Jahren unverhältnismäßig stark für allgemeine Entwicklungen abgestraft wurde, obwohl die Bank gut durch die Krise kam. Dennoch büßten Unicredit-Papiere über die vergangenen drei Jahre fast zwei Drittel an Wert ein, während der Euro Stoxx-Bankenindex ein kleineres Minus von 55 % aufwies. Auch über ein Jahr betrachtet schnitt Unicredit mit - 28 % schlechter ab als der Branchenindex. Auch deshalb dürfte die große Mehrzahl der Analysten Unicredit weiterhin zum Kauf empfehlen. Erst recht, wenn über die künftige Strategie Klarheit herrscht und Ghizzoni beweist, dass die Unabhängigkeit des Konzerns auch in der neuen Ära gewahrt werden kann.

Börsen-Zeitung, 22.10.2010, Autor Giovanni Binetti, Mailand, Nummer 204, Seite 17, 803 Wörter

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