Redaktion

Langfristig muss keinesfalls auf Rendite verzichtet werden - Mehrdimensionaler, dynamischer Analyseprozess erforderlich

Nachhaltigkeitsinvestoren galten lange Zeit als Exoten unter den Anlegern und wurden als "Weltverbesserer" belächelt. Die Belebung des weltweiten gesellschaftlichen Diskurses über Nachhaltigkeit hat jedoch auch vor den Finanzmärkten nicht haltgemacht. Themen wie der globale Klimawandel, gute Unternehmensführung oder humane Arbeitsbedingungen durchdringen seit Jahren die Finanzwelt und haben daher zunehmend zu eigenen Anlageformen geführt. Dieser Trend wird durch starke Wachstumszahlen untermauert. So hat sich nach Angaben des European Sustainable Investment Forum (Eurosif) allein in Deutschland das Volumen (Assets under Management) nachhaltiger Geldanlagen von 5,3 Mrd. Euro 2005 auf 11,1 Mrd. Euro 2007 mehr als verdoppelt. Unseren Prognosen zufolge dürfte sich diese Tendenz in den kommenden Jahren fortsetzen.

Keine Modeerscheinung

In der heutigen Diskussion rund um das Thema nachhaltiges Investieren kann also von anachronistischen Tendenzen oder einer kurzfristigen Modeerscheinung längst keine Rede mehr sein. Nachhaltige Geldanlagen haben sich als eine anerkannte Anlageform etabliert, die ökonomische Renditeaspekte mit ethischen, sozialen und ökologischen Motiven kombiniert.

Dabei muss langfristig keinesfalls auf Rendite verzichtet werden, wie die folgenden beiden Beispiele belegen. Eine Gegenüberstellung des Global Challenges Index und des MSCI World offenbart seit Lancierung des Nachhaltigkeitsindex im Jahr 2007 keine Underperformance nachhaltiger gegenüber traditionellen Aktienanlagen. Das Gegenteil ist sogar der Fall. Ebenso legte der Natur-Aktien-Index (NAI) im Fünfjahresvergleich um rund 60 % zu, während der Dax im selben Zeitraum lediglich um 30 % stieg. Der Ausschluss von bestimmten Themen wie Atomenergie, Rüstung oder Tabak geht also nicht automatisch mit einem Renditeverlust einher. Hinzu kommt, dass die Motivation der Anleger nicht ausschließlich auf dem materiellen Gewinn beruht. Es geht auch um das Erzielen einer ökologischen, einer sozialen sowie einer Governance-Rendite.

Die Einbeziehung von Nachhaltigkeitskriterien in die Unternehmensbewertung geschieht insbesondere vor dem Hintergrund, dass Nachhaltigkeit mehr und mehr ein strategischer Wettbewerbsfaktor für global agierende Unternehmen wird. Der Wandel von einer lokalen Produktions- hin zu einer globalen Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft hat dazu geführt, dass "nichtfinanziellem" Kapital, wie zum Beispiel Humankapital, Sozialkapital oder Kulturkapital, eine Schlüsselrolle für den Erfolg eines Unternehmens zukommt. "Nichtfinanzielle" Werte machen mittlerweile einen beträchtlichen Anteil am Unternehmenswert aus, insbesondere in der Langfristperspektive. Nur Unternehmen, die die Interdependenzen zwischen den einzelnen Dimensionen erkennen, werden langfristig erfolgreich sein.

Aufklärungsarbeit zu leisten

Aus Sicht des Researchs gilt es jedoch noch Aufklärungsarbeit hinsichtlich der Komplexität von Nachhaltigkeit zu leisten. Nachhaltig wird allzu oft auf den Begriff "Ökologie" reduziert. Zu Unrecht, wie wir meinen. Eine eindimensionale Betrachtung wird dem umfangreichen Konzept Nachhaltigkeit nicht gerecht. In einer umfassenden Nachhaltigkeitsanalyse darf die Einbeziehung von Sozial- und Governance-Faktoren ebenso wenig fehlen wie die Berücksichtigung der ökonomischen Dimension. Denn nur in dieser gesamtheitlichen Betrachtung kann Nachhaltigkeit funktionieren. Zudem ist Nachhaltigkeit kein starres Konstrukt, sondern vielmehr ein dynamischer Prozess, der eine regelmäßige Evaluierung der einzelnen Nachhaltigkeitskriterien auf ihre Objektivität, Gültigkeit sowie Zuverlässigkeit erfordert. Ebenso dynamisch entwickeln sich die Untersuchungsgegenstände selbst. Ein Unternehmen, das heute in der Aktienanalyse als nachhaltig klassifiziert wird, kann in der nächsten Evaluation bereits als nicht mehr nachhaltig eingestuft werden.

Weitsichtige Entscheidungen

Die Einbeziehung von Nachhaltigkeitsaspekten in die Aktienanalyse schafft letztlich sowohl gesellschaftlichen als auch ökonomischen Mehrwert. Evaluierte Unternehmen werden zum Beispiel dazu bewegt, proaktiv ihre Standards hinsichtlich Ökologie, Sozialem und Corporate Governance zu verändern. In den Mittelpunkt der unternehmerischen Motivation rückt die Langzeitperspektive, weitsichtige Entscheidungen sind gefordert. In der Folge kann sich dies positiv auf das Risiko und damit auf den Ertrag des Unternehmens auswirken. Ziel der nachhaltigen Aktienanalyse ist es also, eine "Win-win-Situation" zu schaffen - sowohl aus Sicht der Investoren als auch vom Standpunkt des bewerteten Unternehmens selbst.

Die DZ Bank sieht in der Bewertung von Unternehmen unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten eine qualitative Verbesserung des Analyseprozesses, die von vielen institutionellen Investoren im deutschsprachigen Raum schon seit langem gefordert wird. Das vom Nachhaltigkeitsteam der DZ Bank entwickelte Analysemodell umfasst vier interdependente Nachhaltigkeitsdimensionen: Ökonomie, Ökologie, Soziales und Corporate Governance. Der integrative Ansatz blendet die ökonomische Perspektive dabei bewusst nicht aus. Denn ungeachtet der Sichtweise, aus der man das Thema Nachhaltigkeit betrachtet, ist das Grundanliegen eines jeden Unternehmens immer der wirtschaftliche Erfolg. Investoren sind zudem bestrebt, eine angemessene Rendite für das eingesetzte Kapital zu erzielen.

Im Gegensatz zum klassischen Aktienresearch wird dem Langfristaspekt in der Nachhaltigkeitsanalyse eine noch stärkere Bedeutung beigemessen, denn ökonomische Nachhaltigkeit postuliert, dass die gegenwärtige Gesellschaft und somit eben auch Unternehmen als Teil dieser Gesellschaft nicht über ihre Verhältnisse leben sollen, um Einbußen für nachkommende Generationen zu vermeiden. Gewinne sollen also auf Basis langfristiger Produktions-, Investitions- und Innovationsstrategien erzielt werden.

Unternehmen gefordert

Mit der zunehmenden Bedeutung extra- und nichtfinanzieller Leistungsindikatoren haben sich das Informationsbedürfnis von Analysten und somit die Anforderungen an Unternehmen hinsichtlich ihrer Berichterstattung wesentlich verändert. Die Abbildung historischer und kurzfristiger Finanzkennzahlen allein reicht für die Analyse längst nicht mehr aus. Unternehmen sind vielmehr gefordert, kontinuierlich über alle vier Nachhaltigkeitsdimensionen zu berichten. Aufgrund der zunehmenden strategischen Bedeutung des Themas Nachhaltigkeit werden Informationen über extra- und nichtfinanzielle Leistungsindikatoren von heute immer wichtiger für die Einschätzung der Finanzdaten von morgen.

Noch weit vom Ideal entfernt

Die Nachhaltigkeitsberichterstattung vieler Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren enorm verbessert. Dennoch sind wir noch weit vom idealen Nachhaltigkeitsreport entfernt. Einige Unternehmen reduzieren ihre Berichterstattung immer noch auf wenige Dimensionen oder setzen Reporting mit einer reinen Werbemaßnahme ("Green Washing") gleich. Dabei dient das Reporting als wichtigstes Instrument für den Dialog zwischen den Unternehmen und ihren Stakeholdern und sollte stets nachfrageorientiert verfasst sein.

In den vergangenen Jahren wurden daher von diversen Initiativen Leitfäden und Standards publiziert, die eine Standardisierung der Nachhaltigkeitsberichterstattung zum Ziel hatten. Aufgrund unterschiedlichster Auffassungen über die Aufnahme von Nachhaltigkeitsaktivitäten ins Reporting sowie deren Art der Darstellung ist eine solche Vereinheitlichung unumgänglich, um eine möglichst hohe Aussagefähigkeit und Vergleichbarkeit der Berichte zu gewährleisten. Ziel der Standardisierung ist es, die doch zum Teil erheblich divergierenden Meinungen zwischen Anlegern, Analysten und Unternehmen hinsichtlich "nichtfinanzieller" Kennzahlen zu harmonisieren. Denn nur durch eine einheitliche Orientierung an bestimmten Kennzahlen und Indikatoren, die branchenspezifisch angepasst werden, kann ein Minimum an Qualität sowie die Reduktion der Unsicherheit hinsichtlich der Daten garantiert werden.

Gelungener Ansatz

Die Key Performance Indicators for Environmental, Social and Governance Issues, die von der "DVFA Commission on Non-Financials" entwickelt wurden, stellen aus unserer Sicht einen gelungenen Ansatz dar, der den Anforderungen von professionellen Marktteilnehmern an Unternehmensberichte bezüglich extra- und nichtfinanzieller Leistungsindikatoren gerecht wird.

Börsen-Zeitung, 26.10.2010, Autor Marcus Pratsch, Stellvertretender Abteilungsdirektor Nachhaltigkeitsresearch bei der DZ Bank AG, Nummer 206, Seite B 5, 1009 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2010206328&titel=Nachhaltiges-Investieren-ist-laengst-eine-etablierte-Anlageform
BZ Artikel twitternLinkedInXingFacebook



Serien zu Banken & Finanzen
Themendossiers zu Banken & Finanzen


Termine des Tages
Freitag, 06.12.2019

Ergebnisse
Carl Zeiss Meditec: Jahreszahlen
Dr. Hönle: Jahreszahlen


 


























22

0.228497 s