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Redaktion

Baustelle Finanzplatz - Finanzplatz-Serie (Teil 16)
Regulierung sollte dies stärker berücksichtigen - Hochspekulative Finanzinstrumente sind zu verbieten
Von Thomas Jorberg *)

Leistungsfähigkeit, internationale Wettbewerbsfähigkeit, Markteffizienz, Wachstum, Marktstabilität, Risikotragfähigkeit sowie das wiederzuerlangende Vertrauen sind Schlüsselbegriffe in der Diskussion um eine Finanzmarktreform. Was aber ist die Messlatte für die Leistungsfähigkeit des Finanzmarktes? Diese Frage kann nicht ohne eine andere, grundlegendere beantwortet werden: Was ist die eigentliche Kernaufgabe einer Bank? Die Antwort ist im Grunde simpel: Es ist die Entsorgung und Versorgung der Realwirtschaft mit Geld.

Ohne Selbstzweck

Dies geschieht z. B. durch Einlagen, Investments, Girokonten, Kredite, Beteiligungen und Absicherungsinstrumente (Derivate). Der Finanzmarkt übernimmt dabei eine Fristen-, Risiko- sowie Liquiditätsausgleichsfunktion. Banken und deren "Medium" Geld haben keinen Selbstzweck, sondern nur eine unterstützende Dienstleistungsfunktion für die Realwirtschaft, also z. B. für Menschen in Unternehmen, der öffentlichen Hand sowie in privaten Haushalten und gemeinnützigen Einrichtungen.

Ein nachhaltiger Finanzmarkt muss sich daher immer daran messen lassen, ob er vollumfänglich der Realwirtschaft dient oder nicht. Sobald Finanzinstrumente nur zur reinen, abstrakten und spekulativen Geldvermehrung geschaffen werden, muss zumindest absolut garantiert sein, dass dies keinen negativen Einfluss auf die Realwirtschaft hat. Genau wie sichergestellt sein muss, dass Dioxin nicht in Lebensmittel gelangt, so dürfen Geldgeschäfte nicht getätigt werden, wenn aus ihnen unwägbare Risiken für die Realwirtschaft resultieren. Eine Abgrenzung ist äußerst schwierig. Gezeigt hat sich, dass abstrakte Geschäfte insgesamt kaum kalkulierbare erhebliche soziale, ökologische und vor allem ökonomische Schäden verursachen. Umso wichtiger sind daher in diesen Fällen entsprechende Regulierungen und Kontrollen.

Ausgehend von diesen Tatsachen gibt es gleich mehrere problematische Entwicklungen in der europäischen Regulierungsdiskussion.

1. Es findet keine ausreichende regulatorische Differenzierung zwischen der Realwirtschaft dienenden und rein abstrakten Finanzprodukten statt.

2. Die vom Baseler Ausschuss formulierten Regelungen zielen in erster Linie auf große, international tätige, börsennotierte Finanzinstitute ab. Konsequenterweise werden diese in den USA z. B. auch nur auf solche Institute angewandt. In Europa, insbesondere in Deutschland, werden diese Regulierungen aber auch auf mittlere und kleinere Banken angewandt. Dies hat z. T. skurrile und wettbewerbsbenachteiligende Folgen.

3. Viele Einzelregulierungen reagieren nur auf problematische Entwicklungen, die von Großbanken verursacht und durch Lockerung der Regulierungen in der Vergangenheit erst ermöglicht worden sind.

Auch an einfachen Beispielen, wie bei der Betrachtung von Spareinlagen und Tagesgeldkonten, werden diese Entwicklungen deutlich: Im Zuge der Niedrigzinsphase und der Lockerung der Fristenkongruenz sind die täglich verfügbaren Bankeinlagen zu Lasten der Spareinlagen stark gestiegen und heute deutlich höher. Insbesondere Groß- und Direktbanken haben mit hohen Tagesgeldkonditionen den Markt bestimmt, so dass als Benchmark heute nicht mehr der Sparzins, sondern der Tagesgeldzins dient. Möglich geworden ist dies durch die Lockerung des alten Grundsatzes II, der Aufhebung der Fristenkongruenz durch einen Risikoansatz.

Kreditnehmer, private Unternehmen und der Staat fragen aber vorrangig nach Krediten mit langen Laufzeiten. Folge davon ist, dass langfristiges Kreditgeschäft teilweise sehr kurzfristig refinanziert ist. Schon auf Basis von Basel II wurde eine rein auf Zinsänderungsrisiken abgestellte Regelung getroffen, die bei einem plötzlichen Zinsanstieg von 1,3 % eine Belastung von 20 % des Eigenkapitals als Warngrenze vorsah. Nun soll ein Zinsanstieg von 2 % angenommen werden, und es dürfen daraus nur 10 % Eigenkapitalbelastung resultieren. Es ist daher zu erwarten, dass vor diesem Hintergrund deutlich erhöhte Eigenkapitalerfordernisse von Seiten der Aufsicht postuliert werden. Dieser zunächst einleuchtende Vorgang zeigt bei genauer Betrachtung die ganze regulatorische Problematik auf: Bis zur Aufhebung des Grundsatzes II galten Spareinlagen mit dreimonatiger Kündigungsfrist zu Recht als langfristige Refinanzierung. Spareinlagen legen Kunden bei der Bank ihres Vertrauens an. Der Gesamtbestand der Spareinlagen ist äußerst stabil und die Zinsreagibilität dieser Kunden relativ gering, da die Kunden mehr auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit als auf den höchsten Zinssatz schauen. Dadurch können Spareinlagen moderat ohne existenzielle Probleme für die Banken angepasst werden.

In der aktuellen Regelung finden Sparanlagen - ein Kernangebot von Genossenschaftsbanken und Sparkassen - trotz jahrzehntelanger bester Erfahrungen keine adäquate Berücksichtigung mehr. Dabei ist es nahezu gleichgültig, ob es sich um eine Spareinlage mit dreimonatiger Kündigungsfrist oder um ein Tagesgeld handelt. Als Folge "parken" heute viele Sparer ihr Geld auf dem Tagesgeldkonto. Eine Bank, die sich vor allem auf die Finanzierung der Realwirtschaft durch klassische Einlagen und Kreditvergabe konzentriert, ist dadurch viel mehr getroffen als Banken, die 80 bis 90 % ihres Ertrages nach wie vor im Bereich Investment Banking und Eigenhandel verdienen.

Vor diesem Hintergrund schlage ich zur Verbesserung des Ordnungsrahmens der Finanzmärkte die folgenden Maßnahmen vor:

1. Die Bank- und Finanzangebote sollten - je nach ihren Auswirkungen auf die Realwirtschaft - unterschiedlich behandelt werden. Dienstleistungen, die der Realwirtschaft unmittelbar dienen, ermöglichen überhaupt erst unternehmerische, wirtschaftliche, gemeinnützige oder kulturelle Tätigkeiten. Insofern sollten diese nicht durch weitere Regulierungen belastet werden. Wünschenswert ist in diesem Bereich vielmehr eine Deregulierung. Diejenigen, die der Realwirtschaft mittelbar dienen, sind - gerade im Bereich derivativer Instrumente - zu regulieren und kontrollieren. Rein abstrakte, spekulative Finanzinstrumente dienen in keiner Weise einer gesunden Entwicklung der Realwirtschaft. Solche Instrumente sind daher zu verbieten.

2. Im Zuge der Internationalisierung der Finanzmärkte und der Zunahme an global verfügbarem Kapital erleben wir eine enorme Inflation bei den Vermögenswerten, insbesondere bei Grund und Boden, Immobilien, Aktien und Rohstoffen. Bedingt ist diese Inflation der Vermögenswerte durch zu viel Geld auf den Kapitalmärkten, welches nicht für Investitionen oder Konsum Verwendung findet. Dieses unter Renditegesichtspunkten Anlage suchende Geld wird dabei durch die beschriebenen spekulativen Instrumente potenziert.

Die Inflation der Vermögenswerte und die in immer kürzeren Zyklen auftretenden extremen Wertschwankungen haben zu erheblichen realwirtschaftlichen Verzerrungen mit deutlich negativen sozialen und ökologischen Auswirkungen geführt. Daher ist die Erfassung, Bemessung und Bewertung einer Inflation der Vermögenswerte zwar schwierig, aber dringend notwendig.

3. Ratingagenturen dürfen nicht mehr in die Entwicklung von Finanzprodukten eingebunden sein. Zum anderen sollten Ratingagenturen verpflichtet sein, neben der monetären Bonitätsprüfung auch Aussagen darüber zu machen, wie Investitionen realwirtschaftlich verwendet und welche sozialen und ökologischen Rahmenbedingungen dabei berücksichtigt werden.

Mehr Transparenz

Dieser Verpflichtung muss selbstverständlich eine entsprechende Verpflichtung zu mehr Transparenz von Banken und Finanzinstituten gegenüberstehen. Die Angabe, was realwirtschaftlich mit dem Geld gemacht wird, gibt dem Anleger eine wesentliche Urteilsgrundlage, um eine bewusste Entscheidung treffen zu können.

Neben einer Veränderung der ordnungspolitischen Rahmenbedingungen bedarf es einer breiten Aufklärungs- und Bildungskampagne zu finanzwirtschaftlichen Themen. Die Tatsache, dass die Art und Weise, wie Geld angelegt, verzinst und verwendet wird, in stärkerem Maße unsere Gesellschaft gestaltet als viele konsumtive oder politische Entscheidungen der Bürger, muss stärker ins öffentliche Bewusstsein kommen. Nur auf diesen Wegen kann Geld wirklich für die Menschen da sein.

*) Thomas Jorberg ist Vorstandssprecher der GLS Bank.Zuletzt erschienen:

- "Dem Finanzplatz fehlt Verankerung" von Rüdiger von Rosen (15.2.)

- "Wissenstransfer für Notenbanker" von Rudolf Böhmler (8.2.)

- "Social Media verändern den Finanzplatz" von Andrea Marlière und Hans-Joachim Reinhardt (27.1.)


Börsen-Zeitung, 23.02.2011, Autor Thomas Jorberg, Nummer 37, Seite 4, 1057 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2011037060&titel=Die-Finanzbranche-muss-der-Realwirtschaft-dienen
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