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Nachhaltige Investments sind auf dem Vormarsch - Auch unter dem Strich lohnend - Es gibt noch Hausaufgaben zu erledigen

In den vergangenen 15 Jahren hat sich das Thema "Verantwortliches Investieren" in der Vermögensverwaltung von einem Nischenthema, das in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird, zu einem bedeutenden Segment der internationalen Kapitalmärkte gemausert. Nach einem steigenden Interesse auf Seiten institutioneller Investoren findet dieses Thema mittlerweile auch bei Privatanlegern zunehmend Beachtung. Dies lässt sich in Zahlen bemessen: So belegt die jüngste Studie von Eurosif, dem europäischen Dachverband für nachhaltige Geldanlagen, dass sich das Volumen der nachhaltigen Investments in Europa von 2007 bis 2009 annähernd verdoppelt hat, auf mittlerweile rund 5 Bill. Euro. Langfristig hat diese Evolution das Potenzial, dass die Beachtung von Nachhaltigkeitskriterien zu einem Basiskriterium bei der Vermögensanlage wird.

Breitere Definition

Ein wesentlicher Grund für diese Evolution zu einem veritablen Anlagesegment war eine Änderung der Betrachtungsweise des Themas sozialverantwortliche Unternehmensführung: War das Aufkommen verantwortlicher Investments ursprünglich ethisch begründet und ging es darum, Unternehmen mit "unmoralischen" Geschäftsaktivitäten - beispielsweise solche, die mit Alkohol, Tabak oder Glücksspiel zu tun haben - unabhängig von Performance-Gesichtspunkten aus dem Anlageuniversum auszuschließen, hat diese enge Sichtweise und Negativselektion mittlerweile in vielen Fällen einer breiteren Definition und Positivauswahl Platz gemacht. Heute geht es beim Thema "Verantwortliches Investieren" vielfach darum, in denjenigen Unternehmen anzulegen, die aufgrund einer nachhaltigen Unternehmensführung erwarten lassen, dass ihr Unternehmenswert langfristig stärker steigen wird als der ihrer Wettbewerber. Verantwortlichkeit oder Nachhaltigkeit - beide Begriffe werden oft synonym verwendet - wird in diesem Zusammenhang zumeist in Bezug auf die Umwelt (environment), die Gesellschaft (social) und die Unternehmensführung selbst (governance) gesehen, so dass auch von ESG-Kriterien gesprochen wird.

Rückenwind haben verantwortliche Investments in den vergangenen Jahren zunächst von Seiten langfristig anlegender institutioneller Investoren her erfahren. Neben Non-Profit-Organisationen haben auch Pensionseinrichtungen aufgrund der Länge ihres Anlagehorizonts ein vitales Interesse an der Berücksichtigung langfristiger Risikofaktoren bei ihrer Anlagestrategie. Zudem stehen Pensionseinrichtungen aufgrund der Breite des Begünstigtenkreises ihrer Anlagegelder unter einem besonders hohen Rechtfertigungsdruck hinsichtlich gesellschaftlich relevanter Themen. Insofern haben sie eine wichtige Vorreiterrolle bei der Etablierung des Themas "Verantwortliches Investieren" zunächst bei institutionellen, zuletzt aber auch immer stärker bei Privatanlegern eingenommen.

Doch jenseits allen Gutmenschentums: "Entscheidend ist, was hinten rauskommt", wusste schon Altkanzler Helmut Kohl. Soll heißen: Langfristig wird sich eine systematische Berücksichtigung von Nachhaltigkeits-Faktoren bei der Kapitalanlage nur dann durchsetzen, wenn derartige Anlagestrategien nicht systematisch geringere Erträge abwerfen als herkömmliche Investitionsansätze. Ansonsten könnte sich verantwortliches Investieren letztlich nur als eine temporäre Modeerscheinung erweisen.

In diesem Zusammenhang stimmen Untersuchungsergebnisse der Allianz Global Investors Tochter risklab optimistisch, die aufgezeigt haben, dass verantwortliches Investieren auch unterm Strich lohnt. So ergab eine letztes Jahr vorgelegte Studie von risklab, dass die Berücksichtigung von ESG-Faktoren in einem Portfolio langfristig das Rendite-Risiko-Verhältnis signifikant verbessern kann. Dabei wurde anhand von Simulationen für lange Zeiträume von 20 Jahren deutlich, dass ein Aktienportfolio, das unter Berücksichtigung von ESG-Kriterien aufgebaut wird, im Falle von Extremereignissen - den sogenannten "Schwarzen Schwänen" - einen signifikant geringeren zu erwartenden Verlust aufweist.

In den vergangenen Wochen hat risklab diese Studie nun erweitert. Konkret wurden mit Schwellenländer-Aktien sowie Unternehmensanleihen weitere Anlageklassen in die Analyse einbezogen. Zudem wurde der Modellaufbau durch Einbeziehung weiterer Variablen zur Erfassung von ESG-Faktoren verfeinert. Auf Basis eines derart erweiterten Modells wurde erneut für einen 20-Jahreszeitraum die Performance eines breit gestreuten, globalen Mischportfolios - bestehend zu je 50 % aus (Industrie- und Schwellenländer-) Aktien sowie (Staats- und Unternehmens-) Anleihen - mit der eines Alternativportfolios verglichen. Auch in dieser Untersuchung lag der Fokus auf der Frage, in wie weit die Berücksichtigung von ESG-Kriterien die Extremrisiken - also die Verluste im Falle starker Finanzmarktkrisen - verringern kann. Das Ergebnis: Die Berücksichtigung von ESG-Kriterien bei der Portfoliokonstruktion verringert die zu erwartenden Extremrisiken um rund ein Drittel. Nachhaltig optimierte Investments können sich somit als bedeutende Werttreiber im Depot erweisen.

Somit spricht einiges für einen anhaltenden Erfolgszug verantwortlicher Investments. Das Interesse auf Seiten der Anleger ist vorhanden - nicht zuletzt infolge der Finanzkrise, die ein Umdenken in Richtung Nachhaltigkeit gefördert hat - und die Untersuchungsergebnisse von risklab stimmen positiv hinsichtlich des langfristig zu erwartenden Rendite-Risiko-Profils. Allerdings steht sich die Branche bei der Verbreitung nachhaltiger Investmentlösungen immer noch ein wenig selbst im Weg. Allein im deutschsprachigen Raum werden mittlerweile bereits rund 340 spezielle Publikumsfonds angeboten, denen unterschiedliche Herangehensweisen an das Thema Nachhaltigkeit sowie unterschiedliche Selektionskriterien zugrunde liegen. Das Spektrum reicht von Themenfonds, die zumeist auf umweltbezogene Themen setzen, ohne jedoch bei der Titelselektion Nachhaltigkeitskriterien zu berücksichtigen, über "Best in Class"- bzw. ESG-Ansätze, die ohne Ausschlusskriterien die jeweils "ESG-besten" Unternehmen einer Branche wählen, bis hin zu ethischen Ansätzen, deren Investmentuniversum durch harte Ausschlusskriterien limitiert ist.

Konsens wäre hilfreich

Bislang ist es noch nicht gelungen, einen allgemeingültigen Industriestandard oder ein gemeinsames Verständnis von nachhaltigen Geldanlagen zu definieren. Ein derartiger Konsens wäre aber hilfreich, um für die Anleger ein Höchstmaß an Transparenz und Selbstbestimmtheit bei der Investmententscheidung sicherzustellen. Dies ist eine der wesentlichen Herausforderungen, welche die Investmentbranche im Zusammenhang mit nachhaltigen Geldanlagen angehen muss. Nach Ansicht von Allianz Global Investors sind "Best in Class"- oder ESG-Ansätze langfristig vielversprechend. Auch die unternehmenseigenen Nachhaltigkeitsfonds wie der Allianz RCM Global Sustainability oder der Allianz Euroland Equity SRI werden nach diesem Ansatz gemanagt; letzterer beinhaltet zusätzlich einen Negativfilter für den Menschenrechtebereich. Im Unterschied zu ethischen Ansätzen mit Ausschlusskriterien verzichten ESG-Ansätze weitgehend auf subjektive und/oder auf Moralvorstellungen beruhende Wertungen und engen das Investitionsuniversum vom Grundsatz her nicht ein. Darüber hinaus bieten sie die Möglichkeit, im Falle schlechter ESG-Teilratings in einen kritischen Dialog mit den betroffenen Unternehmen zu treten, um in Richtung einer Verbesserung zu wirken.

Hierdurch können Fondsgesellschaften ihre Treuhänderfunktion gegenüber den Anlegern mit der Governance-Funktion gegenüber den Wertpapieremittenten verbinden. Ein derartiger zweiseitiger Dialog wiederum ist eine wichtige Voraussetzung für eine langfristige Evolution des Themas "Verantwortliches Investieren" zu einer Hauptströmung bei der Kapitalanlage.

Börsen-Zeitung, 16.04.2011, Autor Thomas Wiesemann, Chief Market Officer der Allianz Global Investors Europe Holding GmbH, Nummer 75, Seite B 1, 923 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2011075318&titel=Von-der-Nische-zur-Hauptstroemung-bei-Kapitalanlagen
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