Redaktion

KOMMENTAR - RATINGS
Lange Zeit haben Europas Finanzpolitiker ihren Unmut über Entscheidungen von Ratingagenturen unter der Decke gehalten. Doch jetzt ist Schluss mit der selbst verordneten Zurückhaltung. Minister, EU-Kommissare und Notenbanker äußern plötzlich lautstark Kritik.

Der Zorn richtet sich gegen die Entscheidung von Moody's, Portugal eine schlechtere Note aufzudrücken - gerade jetzt, wo sich doch die Regierung ein strenges Spar- und Reformprogramm verordnet hat. Damit behauptet Moody's indirekt, dass die EU-Volkswirte ein Programm hervorgebracht haben, das letztlich nichts taugt - aus Brüsseler Sicht ein Affront.

Das allein erklärt indes noch nicht den schroffen Ton. Ein Schelm, wer vermutet, dass es gar nicht so sehr um Portugal geht, sondern um Griechenland. Den Sack schlägt man, den Esel meint man. In der Tat stellt sich angesichts der Hartleibigkeit der Agenturen bei der Bewertung privater Gläubigerbeteiligung am Griechenland-II-Paket die Frage, wie weit die Politik den Entscheidungen der Agenturen folgt. Oder wenn man's dramatischer will: wie lange sie sich ihnen unterwirft.

Lange konnte sich die Politik vor einer Antwort drücken. Für das breite Publikum wurden strengere Regeln angekündigt, die gut klingen, aber äußerst schwierig zu handhaben wären: etwa striktere Haftungsregeln bei Fehlurteilen oder erzwungene Änderungen am Geschäftsmodell ("issuer pays").

Dabei gehen diese Änderungen am Kern vorbei. Das Problem ist schließlich, dass Ratings zu viel Vertrauen entgegengebracht wird und jedes Downgrade ein Domino auslöst. Aufrufe an Investoren, sich durch "AAA" oder "CCC" doch bitte nicht beeinflussen zu lassen, wirken hilflos und naiv. Niemand kann einem Treasurer vorschreiben, ein Rating zu ignorieren.

Sehr wohl kann die Politik aber entscheiden, ob sie sich selbst an die Urteile der Bonitätswächter hält - sei es bei der Kalibrierung von Eigenkapital oder der Anerkennung von Sicherheiten. Auch Ratingagenturen irren. Sie sind manchmal zu spät (Asienkrise), manchmal zu voreilig (Portugal) und sie kommen manchmal überhaupt nicht zu den richtigen Einsichten (Lehman). Die Politik muss aufhören, Ratings als sachlogische Wahrheiten zu behandeln, vielmehr als das, was sie sind: Meinungen. Die Euro-Länder sollten deshalb den Spieß umdrehen und die Ratingagenturen herunterstufen - indem sie deren Urteile als verbindliche Orientierungen aus vielen Gesetzen und Vorgaben streichen und andere Bewertungen alternativ heranziehen.


Börsen-Zeitung, 07.07.2011, Autor Detlef Fechtner, Nummer 128, Seite 1, 341 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2011128014&titel=Herabstufung-der-Agenturen
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