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Redaktion


HERAUSFORDERUNGEN IM RISIKOMANAGEMENT - IM INTERVIEW: ALEXANDER SCHINDLER, UNION INVESTMENT
Der Vorstand für das institutionelle Geschäft kritisiert fortbestehende Schwächen in der Risikoanalyse und im Portfoliomanagement der Großinvestoren
Die Datenvielfalt für die Risikoanalyse wächst rasant. Doch immer mehr Mathematik reicht nicht aus, dringend notwendig sind qualitative Analysen für das Asset Management, mahnt Alexander Schindler, Vorstand für das institutionelle Geschäft bei der Fondsgesellschaft Union Investment.

- Herr Schindler, die Finanzkrise zwingt institutionelle Investoren, beim Risikomanagement mit Netz und doppeltem Boden zu arbeiten, wie eine Studie im Auftrag Ihres Hauses zeigt. Demnach konzentrieren sich immer mehr Anleger (64 %) darauf, eine Mindestrendite zu erreichen. Was bedeutet das für die Anlagepolitik?

Unsere Risikomanagementstudie zeigt, dass der Renditedruck bei den Investoren deutlich gestiegen ist. Sie sind angesichts des anhaltenden Zinsdilemmas zunehmend bereit, kontrolliert Risiken einzugehen, und diversifizieren stärker. Von Staatsanleihen bester Bonität bewegen sie sich in Richtung Covered Bonds, Unternehmens- und Wandelanleihen. Und über risikokontrollierte Aktienstrategien finden sie auch wieder vermehrt Zugang zum Aktienmarkt.

- Das Ziel ist hehr - aber geht die Strategie auch auf?

Ertrag gibt es nicht ohne Risiko. Eine bessere Diversifikation und aktive Portfoliosteuerung kann zusätzliche Quellen erschließen, um Risikoprämien zu erwirtschaften. Das aktive Management schafft hier nachweislich einen Mehrwert. Und dynamische Wertsicherungskonzepte tragen dazu bei, eine tragfähige Brücke zwischen den Renditeanforderungen und der Notwendigkeit der Verlustabsicherung schlagen.

- Die Vermeidung von Verlusten hat der Umfrage zufolge an Bedeutung verloren, wenn es auch immer noch das wichtigste Ziel bleibt (82 %). Wie ist dieser Rückgang zu erklären?

Zu viel Sicherheitsstreben führt nun einmal in die Renditelosigkeit. Eine wachsende Zahl von Anlegern sieht Risikomanagement daher nicht mehr rein defensiv, sondern auch als Chancenmanagement. So sind mehr Investoren bereit, Abstriche in puncto unbedingte Sicherheit zu machen, um höhere Erträge zu erzielen. Natürlich nur bedingt, ihre Sicherheitsanforderungen bleiben weiterhin auf sehr hohem Niveau.

- Was der Umfrage ebenfalls zu entnehmen ist - die frühere Ausrichtung der professionellen Anleger an einer Benchmark wie einem Index hat ausgedient. Gut so?

Nur noch 18 % der Investoren halten es für wichtig, eine Underperformance gegenüber einem Index zu vermeiden, im Vorjahr waren es noch 32 %. Diese Entwicklung ist nicht verwunderlich, schließlich wollen die Anleger in jeder Marktphase positive Renditen erzielen, unabhängig von einer Indexentwicklung. Folgerichtig nimmt auch die Nachfrage nach Absolute-Return-Konzepten weiter zu.

- Demnach heißen die Anforderungen an einen Fondsmanager in der neuen Welt nach der Finanzkrise heute: eine Mindestrendite von X %, kein Verlust - wenn das nicht klappt, gibt es keine Performance Fee beziehungsweise wird der Manager aussortiert.

So pauschal kann man das nicht sagen. Schließlich sind die Risikotragfähigkeit und die Anforderungen im institutionellen Geschäft individuell sehr verschieden. Werden jedoch die Anlageziele nicht erreicht und beispielsweise eine definierte Wertuntergrenze nicht eingehalten, wird es für den Asset Manager zu Recht eng.

- Kann sich Ihr Haus daran messen lassen?

Uns ist es bei den Wertsicherungskonzepten stets gelungen, die Wertuntergrenzen einzuhalten, trotz Finanzkrise und Marktturbulenzen der letzten Jahre. Dass wir auf dem richtigen Weg sind, haben außerdem diverse Investorenbefragungen bestätigt. Bei einer aktuellen Zufriedenheitsbefragung institutioneller Anleger liegen wir in unserer Vergleichsgruppe erneut auf dem ersten Platz.

- Während der Umfrage zufolge Aktieninvestments unter deutschen Großanlegern mit 5 % im internationalen Vergleich unterbelichtet bleiben, werden sie im alternativen Segment nunmehr so richtig mutig (18 %). Wo finden die Investments konkret statt?

Unserer aktuellen Risikomanagementstudie zufolge haben Investoren verstärkt in alternative Anlagen wie Private Equity oder Hedgefonds investiert. Wir stellen darüber hinaus eine wachsende Nachfrage nach Infrastrukturinvestments fest, insbesondere in erneuerbare Energien. Aber auch Immobilieninvestments sind gefragt, beispielsweise in Hotels oder Einzelhandelsimmobilien. Daneben stehen auch Immobilienfonds mit Ausrichtung auf Deutschland und Kerneuropa im Fokus der Anleger.

- Die Lage an den Kapitalmärkten kann man durchaus als gut bezeichnen, an den Aktienmärkten sogar als prächtig. Wieso sind die befragten Investoren so pessimistisch im Hinblick auf ihre wirtschaftliche Lage?

Die Risikobudgets der Investoren sind in den letzten Jahren krisenbedingt stark zusammengeschmolzen. Und die Märkte sind weiterhin mit Unsicherheit belastet, auch wenn sich die weltweite Konjunktur in den vergangenen Monaten in weiten Teilen verbessert hat. Sich abzeichnende schrittweise Zinserhöhungen bringen zudem erhebliche Risiken für die Renten-Portfolios institutioneller Anleger mit sich, denn in Phasen anziehender Renditen sorgt die steilere Zinskurve für negative Renditen.

- Geradezu schockierend ist die Einschätzung der Profianleger, was die zunehmende Regulierung angeht. Wegen strengerer Bonitätsrestriktionen oder Anlagegrenzen sehen sie sich in ihren Renditechancen eingeschränkt, mehr als jeder Zweite schätzt die Einbuße auf ein bis mehr als fünf Prozentpunkte. Ist das übertrieben?

Grundsätzlich stimmt es natürlich, dass mehr Regulierung zulasten der Renditechancen geht. Daher müssen sich die Anleger genau überlegen, wie sie ihre Risikodeckungsmasse optimal einsetzen. Werden Anlagekonzepte bereits im Vorfeld unter Regulierungsgesichtspunkten optimiert, lassen sich die Auswirkungen auf die Rendite minimieren. Hier sind die Asset Manager gefordert, das Portfolio mit Blick auf Bonitätsrisiken und Anlagegrenzen bestmöglich zu strukturieren.

- In jüngster Zeit sind bei den Regulierern mit Blick auf die gesamte Finanzbranche die in den Häusern stark divergierenden Berechnungsmethoden der Risiken sowie die nationalen Unterschiede der Risikoberechnung in den Blick gerückt. Ist das in Ihren Augen notwendig oder blinder Aktionismus?

Wichtig ist ein grundsätzlicher Gleichlauf der Vorgaben, die von den Akteuren einzuhalten sind. Es ist mitunter schwer nachvollziehbar, warum diese je nach Aufsichtsbehörde - ob nun Banken-, Versicherungs- oder Wertpapieraufsicht - so stark variieren. Wünschenswert ist ein verlässlicher Rahmen, der jedoch individuellen Spielraum lässt. Schließlich sollte die angewandte Berechnungsmethode zum jeweiligen Geschäftsmodell passen. Es ist nicht sinnvoll, dass an eine kleine Volksbank dieselben Anforderungen wie an eine Großbank gestellt werden.

- Der Baseler Ausschuss der Bankenaufseher ist jüngst wieder beim Thema Verbriefungen zurückgerudert. Banken können die Risiken demnach weiterhin mit Hilfe von Verbriefungen herausrechnen, der Ausschuss will hier doch nicht so strenge Kapitalvorgaben wie ursprünglich angedroht einführen. Findet das Ihre Zustimmung?

Der Verbriefungsmarkt hat sich in den letzten fünf Jahren stark verändert und ist viel transparenter geworden. Anders als vor fünf Jahren ist heute ein genauer Blick auf das Underlying und damit eine adäquate Risikomessung möglich. Die Überlegungen der Aufsichtsbehörden sind daher aus unserer Sicht gut nachvollziehbar.

- Die Zockerskandale bei UBS und J.P. Morgan, die das Risikomanagement nach dem Value at Risk in die Kritik gebracht hatten, sind mittlerweile von den Aufsichtsbehörden per Geldbußen aufgearbeitet worden. Hat die Branche es aber auch geschafft, den Value-at-Risk-Ansatz zu verbessern?

Volatilität und Value at Risk sind wichtige Kennzahlen, doch sie reichen allein nicht aus. So lassen sich die Auswirkungen von Extremereignissen auf das Portfolio zum Beispiel über Stresstests und Szenario-Analysen ermitteln. Zwar kann der Risikomanager nicht vorhersagen, wann ein sogenanntes Fat-Tail-Ereignis eintritt. Aber er hat die Möglichkeit, die Portfolios so auszurichten, dass sie diesem standhalten. Hier besteht unserer Studie zufolge noch Nachholbedarf. Während rund die Hälfte der Investoren Szenario-Analysen eine hohe Bedeutung beimisst, gab nur ein knappes Zehntel an, solche Ansätze bereits anzuwenden.

- Sie hatten vor einem Jahr explizit Investoren und Asset Manager aufgefordert, das Risikomanagement zu verbessern, etwa durch die stärkere Beachtung von Korrelationen zwischen Assetklassen, den besseren Einbezug von außergewöhnlichen Ereignissen wie die Markteinbrüche der letzten Jahre sowie durch die Entwicklung einer eigenen Risikokultur. Sind hier schon alle Aufgaben erledigt, auch in Ihrem Haus?

Wir führen heute für 40 000 Instrumente in 1 000 Portfolios täglich Risikoberechnungen auf Basis von Monte-Carlo-Simulationen durch. Vor 25 Jahren hatte man nur die Modelle, aber nicht die Daten und schon gar nicht die Computerkapazitäten, um derart komplexe Rechnungen täglich durchzuführen. Und die Entwicklung geht rasant weiter, da kann sich kein Marktteilnehmer mit dem Status quo zufriedengeben. Doch immer mehr Mathematik reicht nicht aus, die Nutzer müssen sich auch der Grenzen mathematischer Modelle bewusst sein und weiterführende qualitative Analysekapazitäten ausbauen. Die Risikokultur eines Hauses ist und bleibt die größte Herausforderung, denn sie muss jeden Tag aufs Neue gelebt werden.

- In diesem Zusammenhang hatten Sie die Regulierer für die geplanten Kapitalvorgaben für Versicherer, Solvency II, gerügt, weil sie die langfristig orientierte Assekuranz in kurzfristige Anlagen hereindrängen und die Verbindlichkeitsstrukturen der Investoren nicht berücksichtigt werden. Sehen Sie hier Fortschritte?

Bei dem kurzfristig ausgerichteten Risikomaß von einem Jahr ist es zwar bislang geblieben. Doch bei den langfristigen Verbindlichkeiten auf der Passivseite ist man den Versicherungen entgegengekommen. Diese Erleichterungen scheinen bei den Versicherern auf Zustimmung zu stoßen. Grundsätzlich sind bei der Regulierung Augenmaß und mehr Planungssicherheit für die Investoren gefragt, da Änderungen mit hohen Investitionen in IT-Systeme und Geschäftsprozesse verbunden sind.

Das Interview führte Silke Stoltenberg.

Börsen-Zeitung, 07.11.2013, Autor Silke Stoltenberg, Nummer 214, Seite 4, 1319 Wörter

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