Dax Deutsche-Bank-Realtime-Indikation: 11.393,00-0,86% TecDax Deutsche-Bank-Realtime-Indikation: 2.580,25-0,80% Euro Stoxx 50 Deutsche-Bank-Realtime-Indikation: 3.196,00-0,93% US/Dow Jones Deutsche-Bank-Realtime-Indikation: 25.464,00+0,50% Gold: 1.221,14+0,59% EUR/USD: 1,14180,00%
Redaktion

Nur mit einem wettbewerbsfähigen Bankensystem wird Europas Aufschwung nachhaltiger und kräftiger

Kein Zweifel: Der deutsche Konjunkturmotor springt an, die Wirtschaft schaltet hoch. Und auch bei unseren europäischen Nachbarn kommt die Wirtschaft - wenn auch zaghaft - wieder auf Touren. Dennoch steht der Aufschwung in Europa auf wackeligen Beinen. Einer der Gründe - dem ich mich hier widmen will - ist die tiefgreifende Schwäche europäischer Banken. Viele sind nach wie vor kaum in der Lage, ihren Beitrag zur wirtschaftlichen Erholung zu leisten. Ohne diesen Beitrag kann es jedoch keine nachhaltige und langfristige wirtschaftliche Renaissance unseres Kontinents geben. Mein Plädoyer also: Europa braucht starke Banken, um voranzukommen, so wie ein Motor Benzin. Aber der Reihe nach:

Europa ist dabei, sich zaghaft aus der Rezession herauszuarbeiten. Wir rechnen für den Euroraum in diesem Jahr mit einem Wachstum von 1,5 %. Auch in großen EU-Staaten wie Italien und Spanien schrumpft die Wirtschaft erstmals seit längerer Zeit nicht mehr. Eine entscheidende Stütze ist die Europäische Zentralbank (EZB), der es gelungen ist, Befürchtungen über das Auseinanderbrechen des Euro deutlich zurückzudrängen. Entsprechend haben sich die Refinanzierungskosten der Krisenländer wieder spürbar reduziert.

Aufschwung fehlt Dynamik

Und doch ist die Lage noch lange nicht stabil, dem Aufschwung fehlt die Dynamik. Immer noch liegt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in der Eurozone 3 % hinter dem Vorkrisenniveau zurück. Nur zum Vergleich: Das BIP der US-Amerikaner ist heute 6 % höher als Anfang 2008.

Die Ursachen für Europas Wachstumsschwäche sind vielfältig: hohe Staatsquoten, verkrustete Arbeitsmärkte, zu wenig öffentliche wie private Investitionen in Bildung, Forschung und Zukunftstechnologien sowie in eine hochmoderne Infrastruktur. Aber auch die mangelnde Kreditvergabefähigkeit der europäischen Banken ist hier zu nennen, wenngleich diese Ursache nicht so zentral ist, wie es in der öffentlichen Debatte oft angeführt wird.

Der EZB-Stresstest im dritten Quartal wird zeigen, wie robust das europäische Bankensystem inzwischen aufgestellt ist. Die deutlich bessere Kapitalausstattung, der kontinuierliche Abbau von Problemkrediten, ein insgesamt sehr engmaschiges regulatorisches Korsett und die fortlaufende strenge Aufsicht lassen für das Gros der Banken wenig Raum für unangenehme Überraschungen erwarten.

Kein Zurück in die Erfolgsspur

Trotzdem befinden sich Europas Banken immer noch tief in der Defensive und in einem Teufelskreis. Während Asiens Banken nie richtig in der Krise waren und Amerikas Geldhäuser inzwischen - nach einer staatlich administrierten Anpassungskur - wieder gut unterwegs sind, finden viele europäische Banken nicht zurück in die Erfolgsspur. Das starke Deleveraging, der Rückzug aus ertragsschwachen oder auch risikoreichen Geschäftsfeldern und der enorme Regulierungsdruck bleiben nicht folgenlos. Gleichzeitig erhöhen die schwache europäische Wirtschaftsentwicklung sowie - allen voran - die Niedrigzinspolitik den Ertrags-druck und damit die Probleme der Banken.

Das trägt dazu bei, dass Europas Banken an globaler Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Sie verlieren einen Teil ihrer Fähigkeiten zur Finanzierung der Wirtschaft. Sie verlieren Reputation, sie verlieren Talent und manchmal auch den Mut. Das verschlechtert die Voraussetzungen für einen kraftvollen, nachhaltigen und dauerhaften Aufschwung - trotz der jüngsten Erfolgsmeldungen. Was ist also zu tun, um Europa und die Banken auf eine gute ökonomische Basis zu stellen?

Weitgehend Konsens ist hierzulande: Der Reformprozess in den Krisenstaaten darf angesichts erster Erfolge nicht verlangsamt oder eingestellt werden. Im Gegenteil: Die Medizin wirkt. Sie zu früh abzusetzen, provoziert die Rückkehr der Krankheit in noch schlimmerer Form.

Politische Stabilität und finanzielle Solidität sind die Fundamente, die das europäische Haus braucht. Gleichzeitig braucht es eine Wachstumsperspektive. Um diese zu eröffnen und zu stärken, muss die Integration Europas fortgesetzt werden und der Binnenmarkt muss weiter ausgebaut werden. Zudem sind erhebliche Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Forschung nötig, will Europa nicht weiter an Wettbewerbsfähigkeit verlieren.

Hinzukommen muss unabdingbar ein gesundes, leistungsfähiges Bankensystem. Ein Bankensystem, das die Wirtschaft finanzieren sowie die komplexen Anforderungen seiner Kunden erfüllen kann und dabei selbst auskömmliche Renditen erzielt. Wir müssen einsehen und wieder aussprechen: Eine erfolgreiche Wirtschaft braucht erfolgreiche Banken. Voraussetzung dafür ist unter anderem, dass die enge Bindung der Banken an das Schicksal ihrer Heimatstaaten gelockert wird.

Heute schlägt die Bewertung der Heimatstaaten durch den Finanzmarkt direkt auf die Finanzierungsfähigkeit der Banken durch. So zahlen letztlich Unternehmen vergleichbarer Bonität heute in den Peripherie-Staaten - wenn sie überhaupt Kredite bekommen - 1,5 bis 2 Prozentpunkte mehr Zinsen als deutsche Wettbewerber. Das ist langfristig in einem gemeinsamen Wirtschaftsraum nicht tragbar und gefährdet die wirtschaftliche Gesundung. Große Hoffnungen, diese enge Bindung aufzuweichen, ruhen auf der Bankenunion, die neben der Währungsunion ein zentraler Baustein für den europäischen Binnenmarkt ist.

Mit Nachdruck vorantreiben

Nur mit leistungsstarken Banken kann der zaghafte Aufschwung deutlich nachhaltiger und kräftiger werden. Denn selbst dem besten Motor geht ohne Benzin die Kraft aus. Daher gilt es, mit allem Nachdruck an einem wettbewerbsfähigen Bankensystem zu arbeiten. Ansatzpunkte dafür gibt es genug.

Eine Regulierung, die das Bankensystem sicherer, die einzelnen Banken stabiler und den Transmissionsriemen zwischen Finanz- und Realwirtschaft leistungsstärker macht, kann nur gelingen, wenn Banken rentabel arbeiten, wenn sie für Investoren langfristig attraktiv bleiben. Stabile Banken, die die Realwirtschaft nicht ausreichend finanzieren, sind ebenso wertlos, wie Hochrisikobanken gefährlich sind, die die Gesamtwirtschaft in den Abgrund treiben. Regulierung entscheidet über die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Banken und damit gleichzeitig, die andere Seite der Medaille, auch über deren Leistungsfähigkeit für die produzierende Wirtschaft. Deshalb brauchen wir einerseits zwar vernünftige, zweckgerechte Regeln, die den Banken robuste Leitplanken setzen und einen international funktionierenden Wettbewerb garantieren.

Zusammenhang beachten

Andererseits dürfen selbsttragende, erfolgreiche Geschäftsmodelle, die am Wohl des Kunden orientiert sind, nicht wegadministriert werden. Hierbei denke ich zum Beispiel an die von EU-Kommissar Michel Barnier jüngst angestoßenen Überlegungen zur Strukturreform für Banken. Investment-Banking-Dienstleistungen, die Industrie und Mittelstand von Banken zur Umsetzung ihrer Vorhaben nachfragen, dürfen nicht überteuert oder gar unterbunden werden. Solche Einschränkungen erschweren es der Realwirtschaft, im globalen Wettbewerb mitzuhalten. Bankenregulierung ist immer auch Realwirtschaftsregulierung und Teil des internationalen Wettbewerbs. Der Zusammenhang wird fatalerweise immer wieder ausgeblendet.

Richtig ist darüber hinaus, dass ein gesundes Bankensystem sich nicht mit einer Vielzahl dahinsiechender Systemmitglieder verträgt. Banken, die ihre Kosten nicht verdienen und keine angemessenen Erträge erwirtschaften, dürfen nicht durch direkte oder indirekte Steuergelder künstlich am Leben gehalten werden. Wer nicht selbständig laufen kann, stützt sich an anderen ab, drosselt deren Tempo und reißt sie im schlimmsten Fall mit zu Boden. Dies gilt umso mehr, wenn "die Kranken" auch noch Refinanzierungsvorteile aufgrund staatlicher Eingriffe genießen und auf diesem Weg die Wettbewerbsfähigkeit anderer Banken belasten. Insofern ist es gut, dass die EU sich darum bemüht, einen effektiven Abwicklungsmechanismus für Banken zu schaffen. Ein Abwicklungsmechanismus, der seinen Praxistest natürlich erst dann bestanden hat, wenn er auch tatsächlich angewendet wird.

Hausaufgaben machen

Die Eurozone hat in den letzten Jahren schwierige Zeiten durchlebt und entgegen vielen Skeptikern auch - und hoffentlich nicht nur vorerst - gemeistert. Wenn es nun noch gelingt, die Voraussetzungen für ein stabiles und starkes Bankensystem zu schaffen, werden auch die europäischen Banken wieder zu wettbewerbsstarken Finanzdienstleistern. Zu Finanzdienstleistern, die ihre ureigenste Aufgabe professionell erfüllen werden: die europäische Wirtschaft zu stärken und sie auf die Weltmärkte zu begleiten. Dass in diesem Prozess auch die Banken selbst weiterhin ihre Hausaufgaben machen müssen, dass sie an ihrer Verlässlichkeit und am Vertrauen ihrer Kunden weiter intensiv arbeiten müssen, ist dabei eine Conditio sine qua non.

---

Von Theodor Weimer, Vorstandssprecher der HypoVereinsbank und Vorstandsmitglied des Bundesverbandes deutscher Banken

Börsen-Zeitung, 08.04.2014, Autor Theodor Weimer, Vorstandssprecher der HypoVereinsbank und Vorstandsmitglied des Bundesverbandes deutscher Banken, Nummer 68, Seite B 3, 1152 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2014068804&titel=Ein-Plaedoyer-wirtschaftlicher-Vernunft
BZ Artikel twitternLinkedInXingFacebook



Serien zu Banken & Finanzen
Themendossiers zu Banken & Finanzen


Termine des Tages
Montag, 19.11.2018

Ergebnisse
Sumitomo Mitsui Financial Group: 2. Quartal




























22

0.123203 s