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Redaktion

Nord-Süd-Verbindungen am wichtigsten - Voraussetzung ist die Akzeptanz von Politik und Bürgern - Mitgestaltungsmöglichkeiten nutzen

Kann es eine Energiewende ohne neue Netze geben? Die Antwort lautet: nein. Ohne den Ausbau der Höchstspannungsnetze wird die Energiewende scheitern, wird Deutschland in Zukunft die Energieversorgung nicht zum großen Teil mit grünem Strom bestreiten können.

Viele Menschen hören diese Antwort ungern, sie fürchten neue Strommasten in ihrer Region. Das ist verständlich. Der Stromnetzausbau ist sichtbar und verändert im Verständnis vieler Menschen ihre Region, ihre Heimat. Gleichzeitig ist er eine Notwendigkeit, das wissen wir als einer der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber, die das Höchstspannungsnetz betreiben, nur zu genau. Denn unser Versorgungsgebiet, das von der Nordsee bis zu den Alpen reicht, umfasst gerade die Bundesländer mit einem sehr hohen Anteil an erneuerbaren Energien: Niedersachsen und Schleswig-Holstein, wo enorme Windenergiekapazitäten an Land und in Zukunft auch auf See erzeugt werden, sowie Bayern, in dem an sonnigen Tagen bis zu mehreren tausend Megawatt Sonnenenergie produziert werden.

Das bestehende Netz ist vor Jahrzehnten für die damals üblichen relativ kurzen Transportwege zwischen Erzeugern, den Kraftwerken, und Verbrauchern gebaut worden. Mit der Energiewende verändert sich dies radikal. Atomkraftwerke werden abgeschaltet, und heute und in Zukunft entstehen die großen Erzeugungskapazitäten an erneuerbaren Energien vor allem im Norden und damit weit entfernt von den Verbrauchszentren im Süden. Und das Gefälle zwischen Stromangebot und Nachfrage wird sich weiter verschärfen, wenn die letzten Kernkraftwerke in Süddeutschland vom Netz gehen.

Damit die saubere Energie dorthin gelangen kann, wo sie gebraucht wird, müssen vor allem die Nord-Süd-Verbindungen ausgebaut werden. Tennet wird hier aufgrund der Lage unseres Versorgungsgebietes einen großen Anteil haben. Dafür investieren wir so viel wie kaum ein anderes Unternehmen, um die Energiewende Wirklichkeit werden zu lassen. In den vergangenen drei Jahren waren es bereits knapp 5 Mrd. Milliarden Euro, in den nächsten zehn Jahren werden es mindestens weitere 11 Mrd. Euro sein.

Versorgung gefährdet

Was passiert, wenn die Netze nicht ausgebaut werden, sehen die Netzbetreiber schon heute. Bürger und Wirtschaft in Deutschland können sich zwar über eine der im weltweiten Vergleich sichersten Stromversorgungen freuen, zuverlässiger sogar als in europäischen Nachbarstaaten. Aber diese Versorgungssicherheit ist zunehmend gefährdet. Das Höchstspannungsnetz ist durch die Umstrukturierung der Erzeugungslandschaft bereits heute stark belastet. Wir müssen tagtäglich mehrfach eingreifen, um es zu stabilisieren. Rund 1 000 Eingriffe sind es mittlerweile im Jahr. Diese Situation wird sich in den kommenden Jahren mit der Abschaltung der nächsten Atomkraftwerke verschärfen und ist mit hohen Kosten verbunden, die letztlich die Stromkunden tragen. Genauso wie sie die Kosten für die mehrere tausend Megawatt Reservekapazität tragen, die Deutschland jeden Winter braucht, um kritischen Situationen im Netz vorzubeugen und die Versorgung zu sichern.

Ohne neue Netze wird der Bedarf an Reservekapazität von Jahr zu Jahr größer werden, und es wird immer mehr Eingriffe in das Netz geben. Dabei dürfen wir nie vergessen, dass es sich hier um Maßnahmen handelt, die aus der Not geboren sind. Sie sind keine dauerhafte Lösung. Das bietet nur ein Netz, das auf die Erfordernisse der Energiewende hin ausgebaut wird.

Das hat auch der Gesetzgeber erkannt und ein Gesetz verabschiedet, das die absolut notwendigen Netzausbaumaßnahmen aufzeigt. Dieses Gesetz geht zurück auf die Berechnungen, die die Übertragungsnetzbetreiber jedes Jahr vornehmen, um, basierend auf wahrscheinlichen Verbrauchs- und Erzeugungsszenarien, den in den kommenden zehn beziehungsweise 20 Jahren notwendigen Netzausbau aufzuzeigen. Dieser Prozess ist von Beginn an transparent und bezieht die Öffentlichkeit über mehrere Konsultationen ein. Die Übertragungsnetzbetreiber bieten Bürgern, Organisationen und Politik Einblick in die netzplanerische Werkstatt und bereits zu diesem frühen Zeitpunkt Mitgestaltungsmöglichkeiten.

Übrigens ist die Genauigkeit, mit der in Deutschland der Netzausbaubedarf ermittelt wird, weltweit einmalig. Die Berechnungen der Übertragungsnetzbetreiber werden dann von der Bundesnetzagentur und einem von ihr beauftragten unabhängigen Gutachter kritisch überprüft. Nur das, was absolut und dringend notwendig ist, wird letztlich bestätigt und als Gesetz verabschiedet. Insgesamt hat der Gesetzgeber so bislang 36 Vorhaben identifiziert. Das bedeutet etwa 2 800 Kilometer neue Höchstspannungsleitungen in ganz Deutschland sowie eine Verstärkung des bestehenden Netzes auf ca. 2 900 Kilometern. Zum Vergleich: Das gesamte deutsche Höchstspannungsnetz umfasst ca. 35 000 Kilometer.

Seit kurzen steht aber die grundsätzliche Frage nach der Notwendigkeit des Netzausbaus wieder auf der politischen Tagesordnung. Die Bundesregierung und vor allem die Bundesländer müssen hier Klarheit schaffen - nicht nur im Interesse der Bürger, die wissen müssen, woran sie sind, sondern auch im Interesse der Energiewende. Die Akzeptanz der Politik wie der Bürger für die Energiewende und auch die damit einhergehenden Entwicklungen ist wichtig für den Erfolg dieses wegweisenden Vorhabens.

Netzausbau funktioniert nur, wenn es dafür Akzeptanz gibt. Als Netzbetreiber können und wollen wir neue Leitungen nicht im stillen Kämmerlein planen. Wir beziehen die Bürger und Gemeinden vor Ort ein. Sie sollen die neuen Netze mitgestalten. Damit dies möglich ist, veranstalten wir jedes Jahr mehrere hundert Gesprächsforen in Gemeinden entlang geplanter Trassen. Allein in diesem Jahr werden es mehr als 500 solcher Veranstaltungen sein.

Unsere Erfahrungen geben uns Recht: Durch die Hinweise und Vorschläge der Bürger können wir unsere Planungen verbessern, und die Menschen merken, dass wir sie einbeziehen und ernst nehmen. Zum Beispiel bei der Planung der Westküsten-Leitung in Schleswig-Holstein, die auf ca. 150 Kilometern zwischen Brunsbüttel und Niebüll entlang der Westküste Windenergie aufnehmen und weiterleiten wird. Hier gibt es nicht nur eine enge Zusammenarbeit mit der Landesregierung, sondern wir haben bereits weit vor Beginn des eigentlichen Genehmigungsverfahrens Bürger und Gemeinden über das Vorhaben informiert und ihre Hinweise aufgenommen. So realisieren wir die Leitung in enger Abstimmung mit den Bürgern und Gemeinden vor Ort. Das gilt auch für die Gleichstromverbindung SuedLink. Sie ist mit etwa 800 Kilometern das längste Netzausbauprojekt Deutschlands und wird 2022, wenn der letzte Atommeiler abgeschaltet wird, Windstrom, der vor allem in Schleswig-Holstein, aber auch in Nord-Niedersachsen an Land und auf See erzeugt wird, einsammeln und in den Süden transportieren, wo er dringend gebraucht wird. Denn mit der Abschaltung der Kernkraftwerke werden dann in Süddeutschland mehrere tausend Megawatt Erzeugungskapazität fehlen.

Breiter Dialog

SuedLink ist bereits vor dem Genehmigungsverfahren mit einem breiten Dialog gestartet. Auf 22 Informationsveranstaltungen in fünf Bundesländern haben wir das Projekt und einen ersten Vorschlag für einen möglichen Trassenkorridor vorgestellt. Insgesamt über 6 000 Besucher haben sich im persönlichen Gespräch mit unseren Planungs-, Technik- und Umweltexperten informiert. Rund 2 200 Hinweise zum vorgeschlagenen Trassenkorridor und Vorschläge zu Alternativen haben uns erreicht. Wir prüfen nun jeden einzelnen Hinweis und Vorschlag, ob dadurch der vorgeschlagene Trassenkorridor verändert werden kann und welche alternativen Korridorführungen wir mit in das Genehmigungsverfahren nehmen können.

Natürlich werden wir durch diese Gespräche und Mitgestaltungsmöglichkeiten sicher nicht jeden vom Netzausbau und von neuen Stromleitungen überzeugen können. Aber es ist ein Angebot an die Menschen, gerade auch an diejenigen, die neue Strommasten in ihrer Region fürchten, den Netzausbau mitzugestalten. Denn ich bin davon überzeugt, dass die Energiewende nicht im Alleingang funktioniert, sondern nur, wenn alle zusammenarbeiten.

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Von Lex Hartman, Mitglied der Geschäftsführung der Tennet TSO GmbH

Börsen-Zeitung, 05.07.2014, Autor Lex Hartman, Mitglied der Geschäftsführung der Tennet TSO GmbH, Nummer 126, Seite B 4, 1103 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2014126806&titel=Ohne-Netzausbau-wird-die-Energiewende-scheitern
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