Redaktion

KOMMENTAR - CHINA
Chinas Regierung bekommt einen Vorgeschmack auf das, worauf sie sich mit ihrer monumentalen Stützungsaktion für einen nach wie vor korrekturbedürftigen chinesischen Aktienmarkt eingelassen hat. Wenn man einem gehbehinderten Rekonvaleszenten früh die Krücken wegnimmt, kann es sein, dass er sofort zusammenklappt und sich beim Härtetest noch schwerer verletzt. Am Montag ist der marktbreite Leitindex Shanghai Composite um 8,5 % eingebrochen, viel extremer geht es kaum an einem Markt, an dem tägliche Kursausschläge für Einzelaktien auf 10 % begrenzt sind.

Es gibt keine frischen konjunkturellen oder anderweitigen Hiobsbotschaften, die einen derart heftigen Kurseinbruch erklären könnten, aber man hat es in China seit Wochen mit einem ultrafragilen Markt zu tun, der nach einer gewaltigen Hausse Mitte Juni in eine heftige Korrekturphase getreten war, die man mit einer massiven staatlichen Stützungskampagne künstlich zu stoppen wusste. Zum einen waren dies drakonische Maßnahmen wie die zeitweiligen Aussetzungen für mehr als die Hälfte der an chinesischen Börsen notierten Aktien, Restriktionen für Leerverkäufe und ein Ausstiegsverbot für Großaktionäre. Zum anderen wurden unter anderem mit massiven Aktienstützungskäufen durch eine eigens munitionierte staatliche Behörde sowie einen breiten Kreis staatlicher Finanzinstitute die führenden Indizes wieder in die gewünschte Richtung getrieben.

Nach Beenden der ersten Panikwelle am 8. Juli hatte der Shanghai Composite bis Ende vergangener Woche rund 18 % gutmachen können, vor allem aber schien erstmals seit Monaten die extreme Volatilität aus dem Markt gewichen zu sein.

Bei den Marktexperten wird vermutet, dass die Regierung den ersten Stabilisierungserfolg zum Anlass genommen hat, das Marktgeschehen wieder stärker sich selbst zu überlassen und auf Stützungsmaßnahmen für Blue Chips, die zur Erholung der führenden Indizes maßgeblich beigetragen hatten, einstweilen zu verzichten.

Egal, ob es tatsächlich zu einem solchen Test gekommen ist oder ob die Anleger ihn nur vermuten, das Ergebnis ist in jedem Fall ziemlich ernüchternd. In dem von Kleinanlegern dominierten chinesischen Börsengeschehen reicht die bloße Andeutung, dass der Staat den laufenden Beistand zurückfahren könnte, um wieder Panikstimmung bei Anlegern zu verbreiten und die Kurse erneut auf Talfahrt zu schicken. Jetzt wird es erst recht schwierig, den Patienten wieder auf die Beine zu bekommen.


Börsen-Zeitung, 28.07.2015, Autor Norbert Hellmann, Nummer 141, Seite 1, 337 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2015141005&titel=Auf-Kruecken
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