Redaktion

KOMMENTAR - FRANKREICH
Für gleich zwei französische Tageszeitungen war es ein "Schock". Doch von einer Überraschung kann eigentlich keine Rede sein. Denn der Erfolg der rechtsextremen Partei Front National (FN), die in der ersten Runde der Regionalwahlen mit 28 % der Stimmen die konservativen Republikaner (26,7 %) und die sozialistische Regierungspartei (23,1 %) überflügelte, war vorausgesagt worden. Seit Marine Le Pen als Vorsitzende einen weniger radikalen Kurs eingeschlagen hat, steigen die Umfragewerte stetig an. Frustriert von der hohen Arbeitslosigkeit und der schwachen Wirtschaft wenden sich ihr immer mehr Wähler zu - auch Angehörige der Mittelschicht und junge Franzosen. Das Ergebnis von Sonntag ist deshalb nicht nur eine Reaktion auf die Attentate vom 13. November.

Sollte die rechtsextreme Partei auch nur in einer der 13 neuen Regionen die zweite Runde gewinnen, wäre Parteichefin Marine Le Pen am Ziel. Dann hätte sie rechtzeitig zu den Präsidentschaftswahlen 2017 die Chance, endgültig gesellschaftsfähig zu werden. Sie könnte zudem zeigen, dass der FN nicht nur mittelgroße Städte, sondern auch Landstriche mit Millionen Menschen regieren kann. In zwei Regionen, Nord-Pas-de-Calais Picardie sowie Provence-Alpes-Côte d'Azur, scheint ein Sieg absehbar. In den vier anderen Regionen, in denen der FN in der ersten Runde vorn lag, droht ebenfalls ein Rechtsruck.

Die Wahlbeteiligung von etwas weniger als 50 % ist eine schallende Ohrfeige für die alteingesessenen Parteien. Denn obwohl sich in den Umfragen ein FN-Erfolg bereits abzeichnete, scheint das viele ihrer Anhänger nicht gekümmert zu haben. Ungehört verhallte auch die Warnung von Arbeitgeber-Chef Pierre Gattaz, das Wirtschaftsprogramm Le Pens sei unverantwortlich. Doch in einem Land wie Frankreich, das in alten Klassenkämpfen gefangen ist und in dem Unternehmen von vielen noch immer als Ausbeuter verteufelt werden, scheinen die Worte von Arbeitgebern weniger Gewicht zu haben als irrealistische Versprechungen.

Frankreich werde unter ihr zu alter Größe zurückfinden, verspricht Le Pen und kündigt ein Referendum über den Ausstieg aus dem Euro und der EU an. Auch freie Grenzen lehnt sie ab. Die wirtschaftlichen Probleme des Landes würde das nicht lösen - im Gegenteil. Aber da die alteingesessenen Parteien die wirtschaftliche Lage nicht verbessert haben, zeigen sich die Wähler nun für die Verheißungen des FN umso offener. Er gibt ihnen das Gefühl, ihre Ängste zumindest ernst zu nehmen.


Börsen-Zeitung, 08.12.2015, Autor Gesche Wüpper, Nummer 235, Seite 1, 359 Wörter

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