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Redaktion

Trotz der unklaren Situation muss die Wahrung und Weiterentwicklung der EU vorangehen - Frankfurt und Luxemburg kommt Verantwortung zu

Die Entscheidung der Briten, die Europäische Union (EU) zu verlassen, hat in den letzten Monaten für Aufsehen gesorgt und wird uns noch über Jahre beschäftigen. Noch ist unklar, welcher Art die Beziehungen Großbritanniens mit der EU am Ende der Austrittsverhandlungen sein werden. Um diese für Europa und Großbritannien grundlegende Entscheidung zu treffen, bedarf es keiner überstürzten Aktionen. Dennoch müssen wir bald die jetzige Phase der Unsicherheit hinter uns lassen.

Denn Unsicherheit ist bekanntlich etwas, was Investoren und Finanzmärkte nur wenig schätzen. Es geht in der Tat um viel: Die EU ist der größte Empfänger britischer Finanzdienstleistungen und trägt so zu einem Handelsüberschuss Großbritanniens von über 18 Mrd. britischen Pfund bei. Mag der Brexit auf den ersten Blick zuträglich für manch einen Finanzplatz erscheinen - Europa wird Großbritanniens Pragmatismus und Einsatz für einen freien Markt vermissen.

Auch ohne London in der EU gilt weiterhin: Um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können, braucht Europa kompetitive - und komplementäre - Finanzplätze. Wenige europäische Finanzzentren sind so international aufgestellt und in grenzüberschreitendem Geschäft spezialisiert wie Luxemburg und London. Beide Finanzplätze sind spezialisiert auf die Bedürfnisse internationaler Kunden mit komplexen Vermögen und ermöglichen so Investoren den Zugang nach Europa. Trotz ihrer gemeinsamen Merkmale bieten beide eine unterschiedliche Auswahl an Dienstleistungen an, welche die zwei Standorte parallel existieren lässt.

Seit Jahren eng verknüpft

Dabei sind die Finanzplätze von Luxemburg und Großbritannien seit vielen Jahren eng verknüpft. Großbritannien ist das bei weitem größte Partnerland Luxemburgs sowohl beim Export als auch beim Import von Finanzdienstleistungen.

Als zweitgrößter Fondsstandort der Welt und größter Europas ist Luxemburg Basis zahlreicher internationaler Fondsmanager, die ihre Fonds aus dem Großherzogtum vertreiben. Der Marktanteil von britischen Fondsmanagern beträgt mit über 567 Mrd. Euro verwalteter Vermögenswerte ganze 16,5 % und stellt damit die zweitgrößte Gruppe ausländischer Fondsmanager nach den USA dar. Sowohl Großbritannien als auch die USA können von Luxemburg aus eine Fondspalette anbieten, die nicht nur auf die jeweiligen lokalen Märkte in Europa zugeschnitten ist, sondern breit vertrieben werden kann. Das Großherzogtum ist zudem ein wichtiges Zentrum für die Notierung britischer Wertpapiere und Optionsscheine an der Börse.

In den vergangenen Jahren ist Luxemburgs Beliebtheit bei Nicht-EU-Institutionen, die eine kontinentale Basis suchen, gestiegen. Einige Schweizer Häuser, aber auch Banken aus Brasilien zum Beispiel haben in letzter Zeit die Entscheidung getroffen, nach Luxemburg zu kommen oder ihre schon dort bestehende Niederlassung in ihren europäischen Hub umzuwandeln, um von dort ihr Europa-Geschäft zu betreiben. Auch konnte das Großherzogtum einige Neuzugänge aus China verzeichnen: Mittlerweile sind sechs chinesische Banken in Luxemburg ansässig und unterhalten ihr europäisches Netz von hier. Sieben englische Banken haben Niederlassungen in Luxemburg und bilden somit die sechstgrößte Gruppe ausländischer Banken am Standort.

Zusammenarbeit gefragt

Den guten und vielfältigen Beziehungen mit Großbritannien wird ein bevorstehender Brexit keinen Abbruch tun - ganz im Gegenteil. Mehr denn je ist jetzt Zusammenarbeit gefragt, um negative Auswirkungen für die europäische Wirtschaft und internationale Investoren in Grenzen zu halten. Es geht nicht darum, Großbritannien Geschäft wegzunehmen, sondern das gemeinsame Geschäft weiterhin auszubauen. Die Schweizer Banken in Luxemburg sind das beste Beispiel dafür, denn sie bekommen als Nicht-EU-Mitglied aus Luxemburg heraus Marktzugang zur Europäischen Union und nutzen den Standort als Tor zur Welt. Ihre Verbundenheit unterstreichen sie regelmäßig mit der Aufstockung ihres Personals vor Ort.

Noch ist offen, welchen Status Großbritannien nach dem vollzogenen Austritt haben wird. Doch sollte das Land den Zugang zum EU-Pass verlieren, werden schon präsente und zukünftige britische Institutionen in Luxemburg eine ideale Basis und ein breites Ökosystem für den Vertrieb ihrer Produkte in der Europäischen Union vorfinden.

In Luxemburg als einem der Gründungsstaaten der Europäischen Union wird der europäische Geist tagtäglich gelebt. Heute sind über 46 % der Bevölkerung Ausländer. Der Finanzplatz ist aufgrund seiner Internationalität das beste Beispiel für den damit verbundenen Erfolg. Europas Finanzsektor zu stärken und so zum Wohlergehen der gesamten europäischen Wirtschaft und des Arbeitsmarktes beizutragen, bleibt höchstes Ziel.

Die Umsetzung der Kapitalmarktunion wird ein Schritt zu einem starken europäischen Wirtschaftssektor sein. Während des luxemburgischen EU-Ratsvorsitzes in der zweiten Jahreshälfte 2015 haben wir dafür den Grundstein gelegt. Die Schaffung eines europäischen Rahmens für die Festlegung gemeinsamer Vorschriften über die Verbriefung und die Änderung der Eigenkapitalanforderungen an Kreditinstitute und Wertpapierfirmen dienen beide dazu, den EU-Verbriefungsmarkt wiederzubeleben und somit alternative Finanzierungsmethoden attraktiver zu machen.

Zum Klimaschutz beitragen

Auch unabhängig von Entscheidungen auf europäischem Niveau wird Luxemburg im Rahmen seiner nationalen "Toolbox" einen Schwerpunkt auf alternative Finanzierungsmethoden legen. Im Besonderen im Angesicht des fortschreitenden Klimawandels müssen Finanzplätze mit gutem Beispiel vorangehen und Möglichkeiten zu nachhaltigen Investitionen bieten. Denn Investitionen aus öffentlicher Hand werden in Zukunft nicht mehr ausreichen, den Klimawandel zu stoppen.

Die "Toolbox" bietet verschiedene Möglichkeiten, als Firma oder Privatanleger einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. An der Luxemburger Börse werden mehr als 50 % globaler grüner Anleihen notiert. 67 % europäischer Vermögenswerte in nachhaltigen Fonds sind im Großherzogtum domiziliert, und die Expertise in der Strukturierung öffentlich-privater Partnerschaften, welche essenziell sind für die Finanzierung von Maßnahmen gegen den Klimawandel, ist einmalig.

In Kürze neue Label

Aufgrund dieses noch jungen Marktes und mangelnder Transparenz wird Luxemburgs Labelling-Agentur LuxFlag in Kürze ein neues Label für klimafreundliche Fonds mit nachhaltigen Strategien anbieten sowie ein weiteres für grüne Bonds. Die Börse ist zudem Vorreiter bei der Standardisierung von Bedingungen, welche grüne Anleihen erfüllen müssen, und in zahlreichen, maßstabsetzenden Gremien zu deren Entwicklung vertreten.

Die Nachhaltigkeit der europäischen Wirtschaft zu fördern, ist im Interesse aller europäischen Finanzplätze. Dazu gehören Investitionen in die Zukunft. Klimaschutz ist ein enorm wichtiger Aspekt, ein anderer ist die Digitalisierung von Finanzdienstleistungen. Optimal ist es, wenn die Entwicklung digitaler Lösungen für den Finanzsektor bereichernd für die gesamte Wirtschaft ist, siehe etwa die Anwendung von Big Data, Blockchain oder Risikomanagement-Lösungen in anderen Industrien.

Symbiosen zwischen dem Finanzplatz, Start-ups und der Forschung zu identifizieren und zu fördern, wird in Zukunft Aufgabe des LHoFT sein, des Luxembourg House of Financial Technology. Das LHoFT wird eine physische Plattform für den Austausch von Luxemburgs Fintech-Gemeinschaft sein, wo die Finanzindustrie in Symbiose mit Start-ups, Forschungsinstitutionen, der Universität Luxemburg, öffentlichen Institutionen und dem Regulator innovative Lösungen und konkrete Geschäftsmodelle stimulieren wird und wo Produkte und Dienstleistungen entwickelt werden, um die Zukunft von Finanzdienstleistungen aktiv mitzugestalten.

Luxemburg in einen führenden europäischen Finanzplatz im Bereich Digitalisierung zu wandeln. ist eine von drei Zukunftsvisionen, die bis 2020 in die Tat umgesetzt werden. Die Weiterentwicklung des Luxemburger Finanzplatzes als Kompetenzzentrum für internationale Finanzdienstleistungen und als EU-Onshore-Standort sind weitere Ziele. Letztere sind im Hinblick auf einen möglichen Brexit aktueller denn je. Des Weiteren sind Luxemburgs politische und soziale Stabilität sowie gesunde Staatsfinanzen, welche von einem "AAA"-Rating unterstrichen werden, wichtige Standortkriterien, die weiterhin gefestigt werden.

Trotz der momentan unklaren Situation um die zukünftige Rolle Großbritanniens innerhalb der Europäischen Union und der wirtschaftlichen Auswirkungen eines Brexit muss die Wahrung und Weiterentwicklung der Wettbewerbsfähigkeit der EU vorangehen. Dazu gehören Finanzplätze, die alternative Finanzierungsmethoden anbieten können und auf einem nachhaltigen Modell gebaut sind. Gerade internationale Zentren wie Frankfurt und Luxemburg, die eng mit ihren Partnern verknüpft sind, tragen diese Verantwortung.

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Pierre Gramegna, Luxemburger Finanzminister

Börsen-Zeitung, 24.09.2016, Autor Pierre Gramegna, Luxemburger Finanzminister, Nummer 185, Seite B 1, 1142 Wörter

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