Dax Deutsche-Bank-Realtime-Indikation: 11.393,00-0,86% TecDax Deutsche-Bank-Realtime-Indikation: 2.580,25-0,80% Euro Stoxx 50 Deutsche-Bank-Realtime-Indikation: 3.196,00-0,93% US/Dow Jones Deutsche-Bank-Realtime-Indikation: 25.464,00+0,50% Gold: 1.221,14+0,59% EUR/USD: 1,14180,00%
Redaktion

Die Entwicklung des Bankings zum Context Banking mit Hilfe moderner Finanztechnologien
Hartmut Giesen

Business Development Fintech, Sutor Bank

Historisch gesehen fand Banking stets in abgeschirmten, physisch-realen oder virtuellen Räumen statt: in Filialen, später auch auf speziellen Online-Banking-Seiten, inzwischen immer häufiger in Banking-Apps. De facto werden Zahlungsprozesse an den unterschiedlichen Einkaufsorten des täglichen Lebens innerhalb des "Herrschaftsbereichs" von Banken beziehungsweise ihren Dienstleistern abgewickelt. Auch Fintech-Unternehmen haben dies bisher nicht wesentlich geändert.

Doch seit kurzem beginnt Banking, angetrieben durch neue Technologien, Regulierung und Start-ups, die beides virtuos kombinieren, sich in vielfältiger Form in Lebens- und Geschäftskontexte einzubetten. Dabei verlässt Banking nicht nur seine bisherigen Räume, sondern verändert sich auch in seiner Gestalt und wird zum Teil unsichtbar. Banking wird damit zum Context Banking.

Die Schlüsseltechnologie für Context Banking sind sogenannte Application Programming Interfaces (APIs). Dies sind - verkürzt dargestellt - Schnittstellen, über die IT-Systeme miteinander kommunizieren können. In Deutschland gibt es schon lange einen Standard für derartige Schnittstellen: Hinter den meisten Online-Banking-Programmen steckt der Standard HBCI (Home Banking Computer Interface) beziehungsweise dessen Nachfolger FINTS (Financial Transaction Services). Viele Fintech-Start-ups setzen auf diesen Standards auf und können sich darüber an sämtliche Banken ankoppeln, die diese Standards unterstützen. In der Zwischenzeit hat sich das Spektrum funktionsreicher APIs auf nahezu alle Systeme ausgedehnt, die Banking-Prozesse ausführen oder diese unterstützen. Dies macht über das Home Banking hinaus durch die gezielte Nutzung einzelner oder die Kombination mehrerer Dienste von unterschiedlichen Anbietern ganz neue Anwendungsfälle möglich.

Umgekehrt ermöglichen APIs auch, Banking-Prozesse mit ergänzenden Services anzureichern: Diese können beispielsweise auf Technologien wie Blockchain oder künstliche Intelligenz zugreifen, die neben dem API Ansatz die zurzeit wirkmächtigsten Technologietrends im Banking sind.

Banken, die bisher keine API anbieten, werden künftig durch die europäische Richtlinie PSD II (Payment Service Directive) dazu gezwungen, Schnittstellen zu ihren Systemen anzubieten, an die sich Drittunternehmen ankoppeln können. Mit dem Einverständnis der jeweiligen Kunden dürfen diese Anbieter dadurch auf die persönlichen Bankdaten zugreifen. Spätestens mit der verpflichtenden Umsetzung der PSD-II-Richtlinie bis zum Jahr 2018 rechnen Experten damit, dass die Nutzung von Bankdaten und -infrastruktur durch Nichtbanken ihren Durchbruch im Massengeschäft haben wird.

Über Schnittstellen lassen sich Bankprozesse tief in Handels-, Produktions- und Supply-Chain-Prozesse integrieren. Konkrete Anwendungsfälle für diese Art des "Embedded Banking" sind zum Beispiel Zahlungsprozesse, die automatisiert Zug-um-Zug-Zahlungen mit mehrstufigen Handelsprozessen synchronisieren: etwa Container, die ihren Transport beim Durchfahren logistischer Gates selbst bezahlen, oder Maschinen, die ihre Produktionskosten direkt vom Kunden einziehen - ein noch nicht weit verbreitetes, aber typisches Industrie-4.0-Szenario.

Im "Internet der Dinge", bei dem Gegenstände mit Hilfe des Internets miteinander eigenständig kommunizieren, kann jeder Sensor mit Zahlungsfunktionen ausgestattet werden. Dies wird die Vielfalt der Anwendungsfälle exponentiell steigen lassen.

Für die menschlichen Nutzer wird Banking - nicht nur das Zahlen, sondern auch Funktionen wie Sparen, Anlegen oder Kreditaufnahme - zu einem unsichtbaren Hintergrundprozess, zum Invisible Banking.

Die aufsehenerregende Eröffnung des ersten Amazon-Supermarkts zeigt, wohin die Reise gehen kann: Der Kunde kauft in einem Laden ein und verlässt ihn ohne expliziten Bezahlvorgang. Abgerechnet wird hinterher über die bei Amazon hinterlegten Zahlungsmittel.

Ähnlich unsichtbar funktionieren Zahlungsprozesse im Peer-to-Peer-Energiehandel, bei dem Stromerzeuger untereinander überschüssigen Strom kaufen, verkaufen oder tauschen können. Hier wird die Nutzung von Ladestationen über Blockchain-basierende Verträge direkt mit dem Austausch einer digitalen Währung in einer virtuellen Geldbörse gekoppelt. Im Geldanlagebereich sind die ersten Start-ups, die mit Algorithmen dafür sorgen, dass ihre Kunden automatisch durch Sparen und Anlegen ihre finanziellen Ziele erreichen, bereits auf dem Markt unterwegs.

Die Möglichkeiten des Context Bankings sind immens. Die Sutor Bank bietet beispielsweise inzwischen Schnittstellen zu all ihren Systemen für Fintechs an, so dass auf diese Weise ein Zusatznutzen für die Kunden der Fintechs entsteht. Das Fintech Fintiba etwa kann dadurch Nicht-EU-Studenten die für ihre Visa notwendigen Sperrkonten bieten.

Der nächste Schritt ist die beliebige Verbindung von Fintech-Angeboten untereinander mit Hilfe einer universellen Anlageschnittstelle. Kunden der jeweiligen Partner können dann ohne erneuten aufwändigen Legitimierungsprozess die Angebote der anderen Anbieter nutzen.

Context Banking bedeutet, dass jedes digitale Unternehmen zum "Fintech" werden kann. Für die Fintechs ist das eine gute und eine schlechte Nachricht: Die gute Nachricht ist, dass es einfacher wird, Finanz-Geschäftsmodelle auf Basis einer Banken-Infrastruktur aufzubauen. Die schlechte Nachricht ist, dass zunehmend Unternehmen aus sehr verschiedenen Branchen auf die Idee kommen, Finanzdienstleistungen anzubieten. Wenn man beispielsweise einen Kredit schon als Zahlungsmöglichkeit beim Kauf eines höherwertigen Gutes wie einer Reise oder eines Autos einfach so angeben kann, braucht man weder eine Bank noch ein Fintech, um über eine App einen Kredit zu beantragen. Das liefe in dem Falle automatisch - und nahezu unsichtbar.

Börsen-Zeitung, 08.03.2017, Autor Hartmut Giesen, Business Development Fintech, Sutor Bank, Nummer 47, Seite B 14, 729 Wörter

URL zum Artikel:
https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2017047805&titel=Das-Banking-der-Zukunft-ist-unsichtbar
BZ Artikel twitternLinkedInXingFacebook



Serien zu Banken & Finanzen
Themendossiers zu Banken & Finanzen


Termine des Tages
Montag, 19.11.2018

Ergebnisse
Sumitomo Mitsui Financial Group: 2. Quartal




























22

0.190657 s